Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316400--52586-3346292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Erwachen des Arabertums Wir stehen an einer Wende nicht nur der äußern, sondern auch der innern Politik des osmanischen Reiches. Schon immer mußte damit gerechnet werden, daß es in der östlichen Reichshälfte eine einheitliche Bevölkerung von zwölf (nach andern Berechnungen von zwanzig) Millionen Menschengibt,die, mit einer großartigen historischen Vergangenheit und bedeutenden natürlichen Gaben ausgestattet, dazu bestimmt ist, dereinst eine große, sehr große Rolle im Leben und der Gestaltung des Staates zu spielen. Jahrhunderte hindurch hat die Erobererhand des Osmanen diese Bevölkerung in Unterwerfung gehalten, die der hamidische Absolutismus in eine Tyrannei verwandelte. Diese Umstände haben die kulturelle und politische Entwicklung des Arabertums bislang aufgehalten. In dem Moment aber, wo das Prinzip der Unterdrückung dem der freien Entfaltung und der Mitbestimmung des Gemeingeschickes in allen Provinzen Platz machte, mußte der arabische Wettbewerb um die Hegemonie im Reiche beginnen. Denn die Stärke des arabisch-völkischen Elements hält der des türkisch-völkischen durchaus die Wage, wenn sie sie nicht gar überwiegt. Und der Vorsprung, den die Türken in ihrer langen Herrscherübung, ihren Traditionen, ihrer größern Kriegstüchtigkeit, Europanähe und der stärkern Konzentration auf engere Gebiete haben, wird durch die größere Frische, Unverbrauchtheit und Elastizität des arabischen Charakters, durch die größere Bevölkerungshomogenität der von ihnen bewohnten Provinzen sowie die kolossale Kraftreserve, die sie in Konnationalen der südasiatischen Gebiete bis nach Indien und der nordafrikanischen über Ägypten hin bis Marokko besitzen, gründlich ausgeglichen. Man wird also früher oder später mit einem, wenn auch friedlichen Ringen der beiden großen muselniännischen Nationen um die Herrschaft des Reiches zu rechnen haben. Im ersten Jahre der Konstitution waren Anzeichen für den Beginn dieses Ringens noch keinerlei zu entdecken. Die Verleihung der Selbstbestimmungsrechte kam dem schlummernden Arabertum so überraschend plötzlich, daß es völlig unvorbereitet war, sofort in das politische Leben des Reiches einzugreifen. So konnte es kommen, daß in ihren Provinzen entweder nicht genügend vorgebildete Kandidaten für das allottomanische Parlament vorhanden waren oder ihnen eine Reihe türkischer als geeignetere Vertreter präsentiert werden konnten. Diesem Umstände ist es lediglich zuzuschreiben, daß kaum 70 Deputierte arabischer Abstammung in das erste ottomanische Parlament einzogen, während die Türken nahezu 150 stellen konnten. Viele türkische Politiker wiegten sich in dem Gedanken, daß unter den Völkern des moslemischen Orients das religiöse Moment das starke, bindende, das einzige, sei, und daß neben ihm das nationale, das Rassemoment, anders als in Europa, keine oder nur eine belanglose Bedeutung gewinnen wird. Das war eine vollkommene Selbsttäuschung gewesen, wie die letzten Tage beweisen. In diesen Tagen nämlich hat das Schauspiel des nationalen Erwachens des Arabertums im Parlamente seinen sichtbaren Anfang genommen. Schon eine Zeitlang vorher hatten die Araber begonnen, ihre stärkere Aufmerksamkeit der Besetzung von Minister- und Verwaltungsposten zuzuwenden und mehr Berücksichtigung ihres Elementes bei derselben zu verlangen. Und es besteht kaum ein Zweifel, daß sie nach ihrem Hamada Pascha im Efkäfministerium und nach „ihrem" Mahmud Schefket Pascha weitere erste Staatsstellen erreichen werden. Sehr vielsagend war aber schon die Erfüllung ihrer nachdrücklichen Forderungen auf Posten im Bureau des Parlamentes: sie haben den Araber Bostani als ersten Vizepräsidenten und mehrere andere Volksgenossen unter den Sekretären und Quästoren zugebilligt erhalten. Das Entscheidende ist aber erst in der Ausführung begriffen: die Bildung einer großen Oppositionspartei in der Kammer, in der sie, die Araber, das Hauptkontingent der Mitglieder bilden und die führende Position einnehmen werden. Die erste Sitzung vor der endgültigen Konstituierung dieser hochwichtigen Gruppierung hat vergangene Woche bereits stattgefunden, und nahezu achtzig Mitglieder sollen zum Eintritte in sie bereit sein. Diese neue Partei wird die Wahrung der nationalen Charaktere der verschiedenen Bevölkerungselemente des Reichs zum Grundprinzip ihres Programms haben. Angemeldet erscheint einstweilen der größte Teil der arabischen Deputierten, alle griechischen und einige armenische, deren sich sehr wahrscheinlich nach dem Wiedererscheinen Ismael Kemal Bejs, das in wenigen Tagen zu erwarten steht, auch der größte Teil der Albanesen anschließen werden. Hiermit wird die erste wirklich bedeutsame Opposition für die Jungtürkenpartei geschaffen sein, die ihr an Stärke, da eine dritte kleinere Partei ebenfalls im Entstehen ist, nicht viel nachgeben wird. Die weitere Entwicklung verdient mit Spannung verfolgt zu werden. Man wird nicht überrascht sein dürfen, wenn sich diese Partei im künftigen, d. h. nach den nächsten Wahlen erneuerten Parlamente als Majorität präsentieren wird. Denn es ist als sicher anzunehmen, daß die Araber, deren Bevölkerung in den Provinzen erwacht, alsdann wesentlich stärker zurückkehren werden. Die Erscheinung aus den ersten -Wahlen, daß Türken zur Vertretung arabischer Gebiete berufen werden, dürfte sich kaum wiederholen. Dieser türkisch-arabische Wettbewerb wird eine erste Rolle in der Realisierung unserer zionistischen Zukunftspläne spielen. Palästina liegt im arabischen Gebietskreis. Beide, Türken wie Araber, werden daher gerade im Hinblick auf ihre eigne Zukunft das zionistische Projekt in Erwägung ziehen. Schon jetzt aber wird das Arabertum über jüdische Schicksale mitbestimmend entscheiden. Wenn wirklich ein Gesetzesprojekt über jüdische Einwanderung, in Mesopotamien oder Palästina, gleichviel, die Kammer passiert, wird die neue Partei, die eine quasi arabische sein wird, ihre Meinung schwerwiegend in die Schale werfen. [T~NACHRICHTEN ^] Deutschland Die Befähigung der Juden zum Kapitalismus Vortrag Professor Sombarts Werner Sombart hielt Montag in Berlin seinen zweiten Vortrag im Zyklus „Judaismus und Kapitalismus". Er erörterte zunächst die objektiven Voraussetzungen, unter denen sich die dominierende Stellung der Juden im kapitalistischen Betriebe entwickelte. Die Juden kamen, was nicht scharf genug hervorhehoben werden kann, als die eigentlichen Erben der Antike, als die einzigen Träger der hochentwickelten Kultur des Altertums in das noch kindlich junge Mittelalter hinein. Hieraus erklärt sich die in vielen Beziehungen führende Rolle, die sie bald an allen europäischen Höfen der damaligen Zeit spielten. Sie wurden Dolmetscher auf Grund ihrer Sprachkenntnisse, Unterhändler in wichtigen Dingen, schließlich Geschäftsträger und Vertrauensleute in jeder Hinsicht. Zu diesen Ämtern befähigte sie vor allem auch das internationale Netz ihrer Verbindungen, die von den überallhin Zerstreuten sorgfältig gepflegt wurden. Denn die jüdische Diaspora hatte ja viel früher eingesetzt, als man gemeinhin annimmt. Von altersher saßen sie in allen wichtigen Handelszentren, oft durch weitverzweigte Familienbande innerlich eng zusammengeschlossen. Ihre ganz einzigartige Stellung, die unmittelbar zum internationalen" Lieferanten- und Kreditwesen hinführen mußte, war damit gegeben. Aber sie bildete auch das Sprungbrett, von dem sie aus zur Industrie hinübergelangten. .Als Händler bemächtigten sie sich vor allem der Textilindustrie, sie wurden die „Verleger" der Baumwolle, der \yebarbeiten und des Leders. Eine Tatsache, die sich durch die Jahrtausende nahezu gleich bleibt, ist der Geldreichtum der Juden. Man kann ihn, von den Schätzen Salomonis angefangen, durch das ganze Altertum, durch Arabien, Spanien, Holland bis nach Frankfurt, Hamburg und schließlich in die Gegenwart hinein verfolgen. Genaue Vermögensstatistiken beweisen, daß in dem Frankfurt und Hamburg des achtzehnten Jahrhunderts die Juden weitaus die Reichsten sind. Die heutigen Zahlen sind freilich noch schlagender. So etwa die Tatsache, daß in Berlin der jüdische Bestandteil der Einwohner, das sind 4,8 Prozent der Gesamtheit, 30 Prozent der Staatseinkommensteuer aufbringt. Woher stammte dieser Geldreichtum? Seit dem Auszug aus dem Ägypterlande waren die Juden eigentlich immer durch äußere Verhältnisse gezwungen, ihr ganzes Vermögen „in der Tasche" bei sich zu tragen. Daher ihr ständiges Bemühen, bares Geld zu erhalten, daher auch eine Entwicklung, die ihnen bald geradezu ein Monopol, im Geldleihgeschäft sicherte. Und das war um so bedeutungsvoller, als das Geldverleihen lange Zeit hindurch die einzig lukrative Art des Erwerbes bildete. Auf der andern Seite fehlte den so Reichgewordenen gezwungenermaßen jede Gelegenheit zum Ausgeben. Sie konnten bis in die Neuzeit hinein eigentlich niemals standesgemäß leben; das Abfließen des Geldes in Grundbesitz und Industrie war ihnen durch ihre staatliche Minorität ebenfalls unterbunden. Es ist klar, daß diese letzte Ursache sie auf die einzige Quelle, Macht zu erwerben geradezu hinstieß. Die subjektive Veranlagung der Juden zum Kapitalismus, ihr eigentliches kapitalistisches Talent ist weniger leicht zu fassen. Im „kapitalistischen Wirtschaftssubjekt" wirken zwei Seelen, die ungleich der faustischen nie voneinander streben: der Unternehmer und der