Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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In Marah, der zweiten Tochterkolonie von Sichron, auf deren Boden einige Ameliorationen vorgenommen wurden, brachte der Kömerbau bessere Resultate als im Vorjahre, 48 600 Frs. gegen 25 500 Frs. oder 110 Frs. vom Hektar gegen 81 im Jahre 1907. Der Weinbau brachte 4100 Kantar Trauben im Werte von 75400 Frs. Das zwei Stunden von Sichron entfernte Atlith, wo diesen Herbst einige Pächter von der Jca angesiedelt wurden, brachte wenig befriedigende Resultate. Als recht günstig war die Lage der Kolonien derTiberiasgegend, Mescha, Jemma und Milhamie zu bezeichnen. In diesen drei Kolonien wurde zusammen im Jahre 1908 eine Fläche von 2283 ha bebaut, von denen 241 000 Frs. und 117 200 Frs. netto erzielt wurden (gegen 191 000 und 92 000 Frs. im Vorjahre). Die Kolonisten dieser Ansiedlungen hatten im Durchschnitt ein Bruttoeinkommen von 2645 Frs. und eine Nettoeinnahme von 1285 Frs., wozu noch die Selbsterzeugten Nahrungsmittel, wie Milch, Eier, Geflügel, Viehzmvachs und dergleichen hinzukommen. Diese guten Resultate ermunterten die Ica zur Fortsetzung und Erweiterung ihres Kolonisationswerkes in dieser Gegend. Roschpinah Mehrere gute Ernteiahre hintereinander haben sehr wesentlich auf die Besserung der ökonomischen Lage dieser Kolonie eingewirkt. Besonders reichlich fiel die Ernte des Jahres 1907/08 aus, die 144 900 Frs. brutto und 63 000 Frs. netto (104 400 und 38 800 Frs. im Vorjahre) einbrachte. Jessod Hamaalah hat ebenfalls in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die verbesserte ökonomische Lage hat auch sehr erhebend auf die Stimmung und Gesinnung der Kolonisten eingewirkt und sie zur energischem Arbeit angestachelt. Statt einer Fläche von 5510 Dunam, die von ihnen im Jahre 1906/07 bestellt wurde, bauten sie im Jahre 1907 08 8490 Dunam an und erzielten eine Bruttoeinnahme von 89 500 Frs. und netto 44 400 Frs. Auch Metule hat sich aus seiner kritischen Lage früherer Jahre erholt. Aus der Ernte des Jahres 1907/08 erzielten die Kolonisten 74 800 Frs. brutto und 37 700 Frs. netto gegen 47 000 und 12 000 Frs. im vorangehenden Jahre, das sich auch bereits durch eine gute Ernte ausgezeichnet hatte. Alle bisher erwähnten Kolonien hat die Ica vom Baron von Rothschild übernommen. Die Tätigkeit der Gesellschaft erstreckte sich zum Teil noch auf die Kolonien Wadi-Chanin, Katra, Rechoboth, Hederah, Mischmar Hajarden und schließlich Sedschera. Der überwiegende Teil des Bodens von Sedschera — 600 ha — war von 25 Pächterkolonisten selbständig bewirtschaftet. Am meisten wyrde Weizen angebaut -- auf 190 ha, ferner Pferdebohnen auf 165 ha, Gerste auf 81 ha, Sesam auf 62 ha. Die Ernte repräsentiert einen Gesamtwert von 37 400 Frs. Neben dem Ackerbau bildete die Viehzucht eine wichtige Einnahmequelle für die Kolonisten. Der Viehbestand enthielt 55 Kühe, 63 Kälber, 36 Ziegen, 6 Böcke, 80 Schafe, 32 Lämmer, ferner 123 Zug- und Arbeitstiere, 69 Ochsen, 28 Pferde, 17 Maulesel und 9 Esel, insgesamt 272 Stück Nutzvieh und 123 Stück Arbeitsvieh. Die Lage der Kolonisten ist deshalb eine ziemlich schwere, weil sie Schulden, die sie in frühern schlechten Jahren eingezogen hatten, abzuzahlen haben. Ihre jetzigen Einkünfte würden ihnen für den Lebensunterhalt genügen. Außerdem unterhält die Ica in Sedschera eine Farm, eine größere Wirtschaft in eigner Regie. Auf 100 ha wird Körnerbau getrieben, der einen Bruttoertrag von 10 800 Frs. im Jahre 1908 ergeben hat, ferner wurden Pflanzungen unterhalten, nämlich 7000 Olivenbäume auf 50 ha, auf 61,-' ha Weinstöcke und einen Wald auf 175 ha mit Brennholz. Auch Vieh- und Geflügelzucht wird betrieben. Eröffnung einer landwirtschaftlichen Schule in Wilhelma Am 19. November wurde in der deutschen Kolonie Wilhelma bei Jaffa eine landwirtschaftliche Schule eröffnet. Der Leiter der Schule, Herr Keller, der die landwirtschaftliche Schule in Hohenheim bei Stuttgart absolviert hat, richtet die Schule auf eigne Rechnung ein. Er hat zu diesem Zweck ein Haus und Boden bei der Kolonie gepachtet. Die Feier wurde vom Herrn Bürgermeister Paulus eröffnet, der in einer längern Ansprache auf die Kulturabeit der Deutschen in Palästina hinwies. Herr Keller betonte in seiner Rede die Wichtigkeit einer theoretischen Ausbildung für den modernen Landwirt. Herr Dr. Schmarjahu Lewin ist im Auftrage des Hüfsvereins der deutschen Juden vor einigen Tagen mit einem Architekten in Haifa eingetroffen, um die nötigen Vorarbeiten für den Bau des Polytechnikums einzuleiten. Unser Gesinnungsgenosse, Herr Professor Gottheil hat die Leitung des amerikanischen archäologischen Instituts in Jerusalem übernommen. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Der kranke Mann Seit eineinhalb Jahren haben wir uns daran gewöhnt, den „kranken Mann" des Orients gesund und lebensvoll und alle auswärtigen Beobachter die Rolle des freudig mitfühlenden Gratulanten spielen zu sehen. Wie es nun scheint, sind es einige Mächte müde geworden, diese anstrengende Pose fernerhin zu bewahren, freundlich wohlwollende Mienen zu ziehen und den ehemaligen Patienten als frisch und gesund zu preisen. Sie lassen die Maske fallen und zeigen plötzlich, daß sie nur nach au!3en eine Fiktion aufrecht erhalten geholfen, daß sie aber im Grunde nie aufgehört haben, die Türkei für den kranken Mann zu halten, unter dem neuen wie unter dem alten Regime, und daß sie vor allem ihren politischen Kurs in Rücksicht auf sie nicht im mindesten geändert haben. Dieser Kurs besteht in folgendem: eine interesselose, internationale Freundschaft mit der Türkei bleibt nach wie vor ausgeschlossen; das Selbstbewegungs- und Selbstentwicklungsrecht des „Patienten" bleiben ihm entzogen. Die immerwährende Einmischung und die Schaffung immer neuer Schwierigkeiten bleiben auf der diplomatischen Tagesordnung. Die Abtrennung von Gebietsteilen des Reiches und ihre Vergebung an harrende Nachbarn wird begünstigt, natürlich unter gleichzeitiger Sicherung von Eigenvorteilen, die allerdings schon wesentlich in der weitern Schwächung des Patienten selbst Berücksichtigung finden. Dann direkter: die Schaffung eigner Stützpunkte an den Grenzen oder auch inmitten der ottomanischen Gebiete, die sich zu einer „Interessensphäre" und „Einflußzone" ausdehnen lassen. Endlich im geeigneten Moment, in einer Krise, wird diese Zone entweder durch Raub oder durch Kompensation für einen an einem andern kritischen Reichspunkte geleisteten „Dienst" dem auswärtigen Staate einverleibt. Es ist traurig, diese Erkenntnis feststellen zu müssen; traurig für uns, die wir aus der heilern Zukunft der Türkei auch für unsere Zukunft neue Hoffnungen schöpfen. Es nützt aber nichts, sich die Wahrheit selbsttrügerisch verbergen zu wollen. Wir müssen also sagen: die Aussichten der neuen Türkei auf eine Ära friedlicher Fortentwicklung und stufenweise Zurückgewinnung ihrer ökonomischen und politischen Selbständigkeit sind infolge der Internationalen Lage in letzter Zeit viel schlechter geworden. Das auswärtige Intrigenspiel gegen sie hat wieder begonnen, mit größerer Offenheit und Rücksichtslosigkeit, als man so bald hätte für möglich halten sollen, und es ist wahrlich nicht leicht, abzusehen, wie die Türkei vollkommen heil aus dieser allgemeinen Jagd hervorgehen werde. Rußland und Italien haben ihr den Balkanbund auf den Pelz gesetzt, von dem angestrengtest versichert wird, daß er nur gegen Österreich gerichtet sei, und den gleichwohl jeder Sehende als Keil gegen den europäischen Besitzstand der Türkei betrachten muß. Frankreich präsentiert eine Geldrechnung für die Gesellschaft des Hafens und der Minen von Heraklea, die sich, wenn nicht alles trügt, noch zu einer „großen Affäre" auswachsen wird. England fordert seine Konzession für die Euphrat- und Tigrisschiffahrt, dringend, augenblicklich, und hat damit die Türkei in eine schwere Krise gebracht, die zu Ministerstürzen und wer weiß noch sonst welchen Komplikationen innen und zu schweren Verwicklungen außen führen kann. Und alle vier Verbündete im trauten Verein beweisen als Schutz- •iiächte über Kreta den schlechtesten Willen, die Insel dem Osmanenreiche zu erhalten, das Jahrhunderte um sie gekämpft und zahllose Tausende seiner Söhne für sie geopfert hat. Wenn nicht Deutschland und Österreich, die Gemeinsamkeit ihrer und der jungtürkischen Interessen erkennend, als Helfer energisch eingreifen, wird dem Anscheine nach die neue Türkei eine schwere, vielleicht unheilbare Schädigung zu erdulden haben, die nur allzu sehr dem Anfangsglied einer Kette schlimmerer und entniedrigenderer, dem Abgrunde entgegenführender Schläge gleichsieht. Diese Schläge würden im letzten Grunde unsere, die jüdische Zukunft, mitbetreffen. Niemand kann daher inniger ihre Abwendung wünschen als wir Zionisten.