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Die Welt · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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schönsten Männer, auffiel, *) und doch, ein trauriges Ahnen durchzitterte meine Seele, als ich die Furchen in seinem Antlitz sah. Wir alle kennen diese teuern Züge, wir besitzen Theodor Herzls Bildnis mit frohen und ernsten Mienen, es ist eine Art Schutzgeist unserer Häuser geworden. Ich wüßte aber ein anderes Bild, das neben jedem Herzl-Bildnis prangen sollte; Der Triumphbogen des Titus. Aus meinem Notizbuch Z'wi ha-Kohen Schereschewski Aus dem fernen Don fliegt mir eine düstere Botschaft zu: die von Z'wi ha-Kohen Schereschewskis erfolgten Tode. Ein Stück Vergangenheit, eine Erinnerung an eine schöne Zeit des erwachten Volksbewußtseins, eine Mahnung an lange und bange Kämpfe, die zwischen heute und der ersten Zeit der neuhebräischen Journalistik liegen, waren in Schereschewski verkörpert und sanken mit ihm ins Grab. Z'wi ha-Kohen Schereschewski war ein Freiheitsstreiter unserer Bildungsepoche der 70 er und 80 er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Er war als Schriftsteller nicht bahnbrechend, als Dichter sehr mittelmäßig, aber er stand im Kampf und Weh, und fleckenrein wahrte er sein literarisches Banner. Seine Lehr- und Jugendjahre fallen in die Blütezeit der „Haskalah". Es wurde damals noch nicht von Nationalität geredet, aber das Nationale wurde geschaffen: literarische, Studien wurden getrieben, hebräische Zeitungen gegründet, es entstanden Vereinigungspunkte für ein gemeinsames Streben. Um jene Zeit war allenthalben das Interesse für die „Lebensfragen" erwacht. Merkwürdigerweise trat auch die Poesie Lilien blums („Emek R'faim") und Jehalels in den Dienst dieser Tendenz Der Vers war zum stählernen Panzer für Hoffnungen und Träume des Volkes geworden. Junger Frühling zitterte in den Lüften während Jehuda Löb Gordon schon in ausgereifter Entwicklung sein schmetterndes Lied sang, drang aus dem Alltagsleben ein neuer Geist ein, der sich gegen das Abstrakte auflehnte und nach „Leben" verlangte. Zu dieser letztern Plejade gehörte auch Schereschewski. Weniger sarkastisch als Lilienblum und weniger breitspurig-beredsam und pathetisch als Jehalel, durchzuckten ihn Anregungen zu seinen Dichtungen, die ich eher als national denn als aktuell bezeichnen möchte. Sein Bestreben glich dem der andern: es galt auch dem Modernen, dem Leben, aber es gelangte zu einem ganz andern Ziel. Es hatte etwas Weihevolles, ich möchte beinahe sagen etwas Mystisches. Schereschewski vermochte erst zu empfangen, noch nicht auszubilden und zu gestalten, aber die jüdische Romantik, die man unter den Anhängern der „Lebensfragen" bestattet und eingescharrt wähnte für immer, wurde in ihm lebendig und hielt ihn fest in eiserner Umklammerung. Ein litauischer „Maskil" nach Südrußland — er lebte in Rostow am Don ■— verpflanzt, mit einem tiefen Heimweh nach den jüdischen Zentren im Herzen, im Leben bescheiden, arm, in der Literatur — nicht glänzend, nicht imposant, aber ehrlich und rein, hinterläßt Schereschewski keine eigentlichen Werke. Seine publizistischen Abhandlungen, seine Gedichtchen und kleinen Aufsätze sind in allen hebräischen Zeitschriften zerstreut. Aber wer die neuhebräische Literatur kennt, wer ihren Entwicklungsgang im Laufe mehrerer *) In diesem Jahre vor Herzls Hinscheiden verlebten wir den Winter in Rom. An einem Abend, von einem Tagesausfluge heimkehrend, kam uns das zehnjährige Mädchen des Portiers mit folgenden, hastig hervorgesprudelten Worten entgegen: C'e di sopra un uomo alto, bellissimo, colla barba lunga nera (oben ist ein hoher, sehr schöner Mann mit einem langen schwarzen Bart). Dabei umschnitt sie mit ihren Fingerchen die Umrisse eines edlen Männerkopfes, daß ich zu meiner Familie sagte: Das kann nur Herzl sein. Und als er's dann wirklich war, konnte er es gar nicht verstehen, daß ich so wenig überrascht war. Denn er hatte sich mit keinem Worte angemeldet gehabt. Jahre verfolgt und gerade „die Stillen im Lande", deren sich die Reklame nicht bemächtigt hat, aufsucht, wird des jetzt verstorbenen Schriftstellers ' als eines derjenigen gedenken, die mit einem von Hause aus sehr gediegenen hebräischen Wissen einen Idealismus verbanden, der die alte jetzt so verhöhnte „Haskabah'k schmückte. Grtiblerwehen Ich habe wieder eine Kausuistik in einem hebräischen Blatt gelesen, die eine Abänderung des zionistischen Programms zu beweisen sucht. Wird nicht des Redens schon einmal genug sein? Was man ein Programm nennt, ist mit wenigen Worten gegeben. Palästina, Nationalität, Selbsterhaltung. Das sind die drei großen Grundsätze, welche uns vereinigen sollen. Das ist der Sinn des Baseler Programms, und darum muß es so bleiben wie es ist. Es ist eine traurige Eigentümlichkeit des Goluth- Judentums, um Worte zu streiten, theoretische Differenzen auffinden zu wollen, während man eigentlich sachlich einig ist. Das Verdienst des Zionismus bestand darin, daß er, von solchen theoretischen Spitzfindigkeiten absehend, die Gleichdenkenden zu einer großen Partei vereinigt hat. Da kommt wieder die alte Grübelsucht und quält sich ab, um gewaltsam zu nörgeln und zu rütteln. Das ist eine Ausgeburt des „Pilpul". Wir sollten uns an unsern Gegnern ein Muster nehmen. Diese haben nichts Gemeinsames, als die Negation unserer Bestrebungen. In dieser Negation finden sie ein genügendes Programm und stellen nicht die Forderung nach immer neuen Programmen auf. Für uns Zionisten ist jeder Streit um Programme oder eine Abänderung oder Erweiterung der Programme ein mißlicher. Unser Programm sollte vor allem ja auch das Programm eines jeden Juden sein, welcher in Wahrheit und treu an seinem Judentum hängt. Deshalb müssen wir einig sein! . , A Die Totengräber unter unsern Assimilanten, die in Aussichten . , T , , . , n , ... jeder neuen Lebenserscheinung ein Gespenst wittern und nicht eher ruhen, bis sie ein Grab entdeckt haben, dem jenes scheinbar unangenehme, nach ihrer Versicherung aber völlig harmlose Gespenst entstiegen sein könnte/ diese Totengräber werden sich dem nationalen Erwachen der sephardischen Jugend gegenüber in einiger Verlegenheit befinden. Das ist recht merkwürig, wenn wir uns der Gewandtheit erinnern, mit der sie bis jetzt noch immer irgend eine Schädelstätte aufzuschnüffeln verstanden. Wenn z. B. die russischen Juden national taten, konnten die Herren ihre aristokratischen Nasen rümpfen: „Russische Juden, polnische Juden, galizische Juden". Als sich deutsche, englische u. a. Juden der Bewegung angeschlossen haben, hieß es: die sind aus dem Osten gekommen, und die wenigen Autochthonen, das sind Ausnahmen. Aber Sephardim, die absolut nichts mit russischen Juden gemein hatten — wahrhaftig, das ist sonderbar, sehr sonderbar. An ihrem eignen Staunen können es die Herren merken, daß es Dinge unter der Sonne gibt, die nicht ' nach Moder duften, Dinge, die in der Tat neu sind. Der Sephardi war für den Assimilationsjuden ein Paradestück der hohlen Phrase. „Don Isaak Abarbanell" — das ist gut für einen Vortrag, und das Herz des jüdischen Philisters schlägt höher. Der jüdische Philister, und oftmals auch derjenige, der ihn belehrt, ergötzt sich an dem Wohlklang des Namens. Ihm imponiert der „Don", sein Ohr vernimmt gern den schönen Ton. Daß Abarbanell ein Hebraist war, der sein Leben lang nur hebräische, viele hebräische Bücher schrieb (sein Nebenberuf war in Spanien der eines Finanzministers und nach der Austreibung — der eines spanischen Bevollmächtigten in Neapel), also wie ein russisch-jüdischer Rabbiner, oder Maskil, das wird wohlweislich verschwiegen. So geschieht es mit allen Sephardim. Abuhab, Manasse b. Israel, Albo, Almosnim— gute Firmen für Vorträge. Nun ersteht ein ganz neues Geschlecht der Sephardim mit denselben Namen und — Zionisten. Diese Neuigkeit klingt nicht nur fremdartig, sie ist auch von einer ganz ungewöhnlichen Aufdring- 2*

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