Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wir diesen Tag vorläufig Hoschano rabboh, den Tag der großen Hilfe. Wenn aber dann der Historiker die Stationen der Glückfahrt wird bezeichnen sollen, so wird er sagen: Die Glückfahrt führte von den Tagen zu Kattowitz über die Tage von Basel hin zum Tage der großen Hilfe! Am Titusbogen Von H. York-Steiner Fromme Juden sollen nicht durch den Titusbogen gehen. Vor zwölf Jahren habe ich gegen den Geist des frommen Judentums gefrevelt. Wir sündigten zu zweien, der andere war ein junger jüdischer Bildhauer, der in Rom ein Stipendium verzehrte. Er hatte mich durch das flavische Theater, das weltberühmte Kolosseum geführt, mir jeden Stein auf dem forum romanum erklärt und endlich die Reliefs am Triumphbogen des Titus erläutert, die als einzige bildliche Erinnerung an unsere Tempelgefäße übriggeblieben sind. Zu dieser Stunde begingen wir jene Sünde. Und ich kann uns gar nicht entschuldigen; es geschah mit voller Absicht; es geschah aus Trotz. Vielleicht sollte ich sagen, daß wir praktische Geschichtsphilosophie trieben. Hier sind vor mehr als achtzehnhundert Jahren unsere besiegten Voreitern durchgezogen. Man hat sie aus ihrem verwüsteten Vaterlande hergeschleppt, damit ihre Schwäche für des Cäsaren Größe zeuge, damit ihre sichtbare Niederlage der Imperatoren Triumph erhöhe. Vor ihren Augen waren Eltern Hungers gestorben, Frauen hatten sich getötet, um nicht den geliebten Heimatboden zu verlassen, aber die schönsten Jünglinge wurden in Ketten nach Rom gebracht, den Triumph des Titus zu erhöhen. Tausende von ihnen fielen dann den wilden Tieren zum Opfer. Dort hinter dem Palatin, im Cirkus maximus wurden sie der Schaulust der Menge geopfert. Das alles, die ganze Erniedrigung unseres Volkes lebten wir durch, als wir die Reliefs am Titusbogen besichtigten. Mein Freund aber, wie von innerer Eingebung geleitet, hob seinen Stock, ließ ihn durch die Lüfte streichen und rief: „Na, und wir leben doch noch." Dann schulterte er seinen Stab wie eine Waffe, nahm mich untern Arm, und wir zogen erhobenen Hauptes durch den Bogen, den die alten Römer im Jahre 70, ein Jahr nach der Zerstörung Jerusalems ihrem siegreichen Imperator errichtet hatten. Im Kapitolinischen Museum ist ein Raum den Büsten der Cäsaren gewidmet. Dort lernen wir in diesem Winter Weltgeschichte, indem wir physicgnomische Studien treiben. Nero war ein Tollhäusler, ein verrückter Komödiant, sein aufgeblasenes Gesicht mit den unsichern Zügen läßt keinen Zweifel, und Tiberius war ein Bösewicht, dem man alle Laster von der Nasenwurzel abliest. Marc Aurels durchgeistigtes Antlitz, wohlgefällig und ausgeglichen, verrät den vornehmen Geist, alle diese Marmorgesichter: sie spiegeln sich selbst wieder, wie sie uns das Buch schildert. Nur einer bleibt ein Rätsel, der Mann, der unsere Voreltern besiegt, gemartert und zerfleischt hat. Sein Gesicht und der Bau seines Hauptes widersprechen dem Buche. Das Buch ist von einem Juden, von einem Besiegten, von dem jüdischen Feldherrn und Historiker Josephus Flavius. Er schildert Nero als gutmütigen Menschen, — der Stiernacken verrät unberechenbare Tücke, er lobt seine Klugheit, doch die stumpfen, ausdruckslosen Züge bestätigen nicht das schmeichlerische Wort. Wie stumpfsinnig muß ein römischer Imperator ausgesehen haben, dessen Gesicht selbst der Meißel eines Hofkünstlers keinen Geist einzuflößen vermochte? Im braccio nuovo des vatikanischen Museums konnte man vor einiger Zeit einen Mann beobachten, der die Reihe der Imperatoren- Standbilder abschritt. Ihn fesselte nicht das gütige Antlitz des weisen Nero, nicht der majestätische Augustus, der noch im toten Stein die weltbeherrschende Geste festhält, er blieb immer wieder vor dem kurzen unscheinbaren Titus stehen. Mit nagendem Blicke sog er sich an dieser altrömischen Hausknechtsphysiognomie fest, und aus seiner traurigen Miene sprach die wehe Frage: „Wie kommt es, daß solch ein kleines blödes Kerlchen unser ehrwürdiges Staatswesen über den Haufen werfen, ein heimatliebendes, fanatisch kämpfendes Volk aufreiben konnte?"--- * * & Denn in diesem Volke wirkt noch immer eine seltsame Kraft. Viele Jahrhunderte hindurch lebten seine einzelnen Glieder getrennt unter wandelnden Geschicken, — jeder Teil für sich unter dem Druck der Machthaber. Die Verfolgungen der Nichtjuden hatten alle ihre Kräfte, den Aufwand ihrer gesamten Fähigkeiten für die Abwehr, für die primitive Selbsterhaltung aufgebraucht. Endlich fand sich ein Mann, der die Fahne Judas aufrollte. Seinem Rufe folgte ein freudiges Echo. Die Juden begannen sich zu organisieren. Es war ein Bild voll freudiger Erschütterung. Wir erlebten Jahre der glückseligsten Überraschungen. Von den vier Enden der Erde kamen Zustimmungserklärungen, brüderliche Worte und Beweise des festen Zusammenschlusses. Aber auch unter den Nichtjuden waren uns mächtige und tatkräftige Freunde erwachsen. Die Mächtigen der Erde liehen uns ihr Ohr, und jene, die wir für Gegner hielten, erwiesen sich als Freunde. Damals dachten wir alles einholen zu können, was in Jahrtausenden versäumt wurde. Der Atem der Geschichle um webte uns. Die Kraft einer weltumspannenden Organisation schwellte unser Bewußtsein, fast Unglaubliches wurde geplant. Nichts schien uns unmöglich. — Dann kam mit einem Ruck die Katastrophe. Wieder stand ich mit einem Freunde nahe dem Titusbogen; es war jener Mann, dessen Wort, dessen eiserner Wille, dessen weittragender Gedanke die große Vereinigung der Juden geschaffen hatte. Er hatte wenige Stunden vorher große Triumphe erlebt. Zwei Fürsten hatten ihn empfangen: der König von Italien und der Beherrscher aller gläubigen Katholiken. An beiden Höfen hatte man mit Interesse von dem Zusammenschließen der Juden gehört, von ihren Zukunftsplänen freundliche Kenntnis genommen. In jenem Augenblick des großen Erfolges sagte Theodor Herzl: „All das verdanken wir der Organisation, sie wird im Quirinal geschätzt, im Vatikan beachtet. Und das, das wollen meine Leute nicht verstehen. Das feinste Organ unserer jungen Verfassung, den Kongreß wollten sie mir stören, dieses wichtige Instrument in meiner Hand zerbrechen." In diesem Augenblick war mir alles klar. Der Titusbogen und sein Entstehen, sowie des kleinen Imperators Macht und unsere Schwäche. Dort die Organisation des festgefügten römischen Militärstaates, hier die Lust am Widerspruch, die Freude an der Diskussion, das Mißtrauen in die Führung, die Spaltung und Parteiung. Sie hatte den Römer ins Land gerufen, sie hatte die Juden vertrieben. Mit diesem Leitgedanken muß man den Josephus lesen, dann versteht man ihn und sein Tun, dann wird sein Buch erklärlich. Es scheint, als ob wir Juden keinen zentralen Willen vertrügen, als ob wir zu alt geworden sind, um uns einheitlich beherrschen zu lassen. Auch die Römer gingen unter, als sie der Republik unwürdig und der Cäsaren müde wurden. In solchen Gesprächen vertieft, merkte ich erst spät, wie mein wühlendes und aufregendes Gespräch in Herzls Gesicht Falten grub, die von tief schmerzlichem Empfinden erzählten. - Noch ragte die elastische Gestalt hoch auf, noch war sein edles Gesicht so voll Schönheit, daß es in Rom, der Stadt der