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Die Welt · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ja auch der offizielle Zionismus heute zum Teil in Pflege genommen hat? Ich frage weiter: Wie viele Juden hätten überhaupt den Mut gefunden, Zionisten zu werden, auch wenn sie von der Konsequenz und Logik der Grundideen überzeugt waren? Hätte nicht der nagende Zweifel gerade die klarsten Köpfe, die Intelligentesten der Idee abspenstig gemacht? Sie hätten sich sagen müssen, daß dieses in der Weltgeschichte einzigartige Experiment, ganze Scharen von heruntergekommenen städtischen Proletariern in Bauern rückzuverwandeln, wahrscheinlich mißlingen würde. Ist nicht das verwahrloste Land eine Steinwüste ohne Regen und Schatten? Ist es nicht vom Sumpffieber verseucht? Ist unser Menschenmaterial für die Kolonisation unter so erschwerenden Umständen brauchbar? Kann überhaupt der russische Jude Bauer werden? Woher den Idealismus nehmen, das zu glauben? Heute brauchen wir es nicht zu glauben, wir sehen die Wirklichkeit. Hunderte westlicher Juden reisen hinüber und betrachten mit Staunen das jüdische Werk. Hier sehen sie die jüdische Zukunft in kleinem Maßstabe realisiert. Die Existenz dieser 10000 Seelen, die in Palästina vom Ackerbau leben, ist uns heute zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, daß wir nicht mehr zu ermessen vermögen, wie es um den Zionismus stünde, wenn nicht bereits die Probe auf das Exempel glücklich geliefert wäre, so glücklich, daß heute auch die nichtzionistische jüdische Welt in Palästina das jüdische Einwanderungsland der Zukunft zu erblicken beginnt. Gewiß, diese erste Aktion hätte systematischer geleitet werden können, aber wir sprachen bereits davon, daß dieser Planlosigkeit nicht die psychologische Begründung fehlt. Und wer weiß, ob bei den geradezu übermenschlichen Hindernissen und Schwierigkeiten, mit denen unsere Pioniere zu kämpfen hatten, ob da bei besserer und einheitlicher Leitung ein größeres, schöneres, rascheres, besseres Resultat erzielt worden wäre! Wissen wir doch, daß sogar die deutschen Kolonisten, obwohl sie nicht eiligst ihre Heimat zu verlassen gezwungen waren, und obwohl sie den Schutz der der türkischen befreundeten deutschen Regierung genossen, dennoch 15 Jahre lang Unterstützung brauchten, ehe sie einigermaßen auf eignen Füßen stehen konnten. Und wenn auch alles philanthropische Arbeit gewesen wäre, gesetzt, die Hunderttausende, die das Odessaer Komitee, und die Dutzende von Millionen, die Rothschild verausgabte, wären nie nach Palästina geflossen, gesetzt, man hätte von jeher von jeder Arbeit im Lande abgesehen, solange keine rechtliche Sicherung derselben zu erreichen war, — wäre die Aufstellung des Baseler Programms möglich gewesen? Und hätte man, wenn man das Programm in der Größe, die ihm Herzl gab, konsequent durchführen wollte, nicht eine Gesellschaft wie das Odessaer Komitee gründen müssen, wenn sie nicht schon bestanden und längst gearbeitet hätte? Ohne das, was an realer Arbeit bisher geleistet war, wären unsere Agitation ebenso wie unsere politischen Forderungen sinn- und nutzlos gewesen. Die gleiche Bedeutung wie die reale wirtschaftliche Vorarbeit hat auch die nationale Vorarbeit für den großartigen Erfolg des Herzischen Weckrufs gehabt. Bei Herzl war das Nationale nicht apriorisch vorhanden, sondern durchaus sekundärer Natur. Es war als positiver Wert von den Ch. Z., freilich nur von den altern Verkündern der Zionsidee, übernommen und zu einem der wichtigsten Bestandteile der neuen Idee geworden. Der Ursprung der nationalen Idee liegt aber im Osten, wo sie jahrzehntelang systematisch propagiert worden ist. So hat Herzl das Knochengerüst geschaffen, ohne das der Organismus keinen Halt hat, oder richtiger gesagt: er hat es schöner und edler wieder erstehen lassen; aber die Seele, der Lebensodem, den er diesem Knochengerüst einhauchte, war, um ein Bild von Plato zu gebrauchen, lange vor dem Körper geschaffen. Will man beide Bewegungen nicht identifizieren, so soll man sie mit zwei Kräften vergleichen, die nicht völlig parallel gerichtet sind und in einem Parallelogramm der Kräfte den Verlauf der mittlem Linie genau bestimmen. Diese Resultante ist auf dem VII. Baseler Kongreß festgelegt worden. Hier wurde eine Synthese beider Richtungen geschaffen. Und wahrlich, wäre die Synthese damals nicht geschaffen worden, so hätte der Gang der Ereignisse sie inzwischen erzwungen. Denn seitdem die neuen Verhältnisse in. der Türkei eingetreten sind, hat sich als einzig gangbarer Weg derjenige von selbst ergeben, der in gleichem Maße die Elemente der mehr politischen wie die der mehr praktischen Bewegung enthält. So hat die Geschichte den auf dem VII. Kongreß geschaffenen Frieden besiegelt. Es gibt keinen Sieger und keinen Besiegten. Eine jede Strömung hat ihren Anteil an der gemeinsamen Idee; sie haben sich gegenseitig befruchtet. Wir sind längst über die Zeiten hinaus, in denen die beiden Richtungen mit Pamphleten gegeneinander arbeiteten. Wir können bei unserm Rückblick gerechter urteilen als es jene konnten, die noch im Kampfe gegeneinanderstanden. Es war verständlich, wenn Herzl, der das politische Prinzip so scharf herausgemeißelt hat, nichts von jener Wohltätigkeitsbewegung wissen wollte. Es war verständlich, wenn Nordau in der Stunde höchster Not von höherer Warte aus sprechen konnte: „Die paar Kolonien in Palästina .... haben überhaupt nicht den geringsten Einfluß auf das Schicksal des jüdischen Volkes." Heute ist die Situation so weit geklärt, daß wir diese Fragen nicht unter dem Gesichtswinkel des Entweder—oder betrachten, sondern gerecht abwägen, welchen Anteil beide Strömungen an der Zionsidee haben, die uns heute als Ideal vorschwebt. Wir können die beiden Strömungen mit zwei Bächlein vergleichen, die, in demselben Gebirge entsprungen, ihre Kraft aus demselben Grundwasser gesaugt haben. Das eine Bächlein ist weit früher als das zweite entsprungen. Ihr Lauf ist außerordentlich windungsreich. Bald nähern sich die beiden Bächlein, bald meiden sie sich, aber ihre Hauptrichtung ist unverändert dieselbe, denn beide strömen gen Osten. Endlich erfolgt der Zusammenfluß. Wohl gibt es hierbei eine leichte Brandung, aber schon nach einer kurzen Strecke haben sich die Kräfte ineinander ausgeglichen, sie haben ihren Inhalt innig miteinander gemischt, und nun fließt der Strom mit verdoppelter Kraft seinem Endziele zu. Heute, wo Pinskers ursprüngliche Idee wiederhergestellt ist, strahlender, als er es vor 25 Jahren hätte ahnen können, nehmen wir die Worte auf, die er damals an dieser Stätte gesprochen: „Wir eröffnen hier unserm Volke einen neuen Weg zur Glückfahrt." Wenn wir ans Ziel gelangt sein werden, dann mag man einen neuen Gedenktag einsetzen, einen charakteristischen Tag zur Erinnerung an die Befreiung Israels. Nennen 2

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