Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Weiterhin tat das in jeder Beziehung unglückselige Verwaltungssystem der Rothschild-Kolonien das Seine, um nun Resultate zu zeitigen, deren Bedeutung in keinem Verhältnis zu den aufgewendeten Millionen stand. Nur das eine wollen wir zum Ruhme der Ch. Z. feststellen, daß ihre Tätigkeit wenigstens ein wirksames Gegengewicht bildete gegen die französierenden Tendenzen, die die Alliance in Palästina verbreitete. Erst als wieder der politische Zionismus auf die Bühne trat, als neue bedeutende Gesichtspunkte hervorgekehrt, neue tiefgreifende nationale Fragen aufgerollt wurden, als die alte fruchtbare Idee der ältesten Ch. Z., der Männer von Kattowitz und ihrer Vorgänger, von einem größern wieder aufgenommen und verkündet wurde, und als endlich die Mehrzahl der Ch. Z. sich zu dem Programm des modernen politischen Zionismus bekannte, da blühte die Tätigkeit des Odessaer Komitees wieder auf, da kam wieder der große Zug in seine Aktionen, da wurde die wirtschaftliche Tätigkeit des Komitees zu einem Machtmittel der politischen Bewegung. Nach allem, was wir ausgeführt, dürfen wir die Anschauung zum Ausdruck bringen, daß die Ideen und Arbeiten der alten Ch. Z. die notwendige Ergänzung der Herzischen Ideen, die Voraussetzung für das Gelingen der großen Pläne Herzls bilden. Herzl hat die Notwendigkeit des Judenstaates bewiesen, ohne den Zionsgedanken zu verwenden, und ohne von einem primären Nationalgefühl auszugehen. Er wußte nichts von den Choveve Zion. Herzls kühne Schlußfolgerung stützte sich auf eine große Anzahl negativer Momente, aber auf sehr wenig positive. Selbst die Betonung des Zusammengehörigkeitsgefühls ergab sich aus den Betrachtungen über den Antisemitismus. Die positiven Werte, mit denen sich die große schwungvolle Idee Herzls erfüllte, stammten aus dem Osten, und zwar zum großen Teil aus der Schatzkammer und Rüstkammer der Chibas Zion. Von hier aus erfüllte sich der politische Zionismus mit der Zionsidee, die aus bewußt historischen, aus religiösen, aus nationalen Quellen floß. Von hier stammen die positiven idealen Werte, die Herzl sehr wohl zu schätzen wußte, ja, die er sogar rein praktisch sehr wohl in Rechnung zu stellen wußte. Jetzt blühte all der Samen auf, den die Ch. Z. gepflanzt, setzte sich all die latente Spannkraft der frühern Jahrzehnte in Bewegungsenergie um. Waren nun die Grundideen Herzls und der alten Ch. Z. identisch, so war sogar der Geist, in dem sie selbst noch, als das politische Prinzip verblaßt war, in Palästina arbeiteten, Geist von unserm Geiste. Herzls Größe besteht nicht darin, daß er eine neue Idee fand, — sie war nicht neu, und gerade ihr wertvollster Bestandteil war ihm anfangs unbekannt geblieben, — sie besteht darin, daß er den großen Ideen Leben einzuhauchen verstand, die zu Pinskers Zeiten nur ein Schemen geblieben waren. Von vornherein trat der Herzlianismus mit größerer Schwungkraft auf, aber es dürfte mehr als fraglich sein, ob ihm, — zumal unter den jüdischen Massen des Ostens, — dieser Erfolg beschieden gewesen wäre, wenn nicht weniger glückliche Zionskämpfer seit Jahrzehnten die Massen für diese Ideen reif und aufnahmefähig gemacht hätten. Die Bewegung erhielt aber ihre Schwungkraft auch schon durch die gewaltige Größe ihrer Zentralidee, durch ihre monumentale Einfachheit, durch die Großzügigkeit der politischen Mittel. All das vermochte freilich die Gemüter leichter zu entzünden als der Ruf nach Unterstützung der Kolonie Machanajim, den Pinsker erheben mußte. Jetzt konnten die großen Ideen der Weltorganisation, des Kongresses, realisiert, das Verlangen nach rechtlicher Sicherung zum Prinzip erhoben werden. Auch die westeuropäischen Juden waren inzwischen für die nationale Idee reifer geworden. Die alte große Idee fiel jetzt, beim zweiten Male, auf fruchtbarem Boden, nicht bloß, weil sie diesmal von einem größern, in grandioserm Stil gepredigt war, sondern weil der Boden mit dem Schweiße der ersten Verkünder gedüngt war, denen die Entfaltung der Idee nicht gelungen war und damals nicht gelingen konnte. Aber nochmals muß ich in diesem Zusammenhange auf die wichtige praktische Vorarbeit hinweisen, die die Ch. Z. zum Segen der Entwicklung des neuen Zionismus in Palästina geleistet haben. Liefern wir hierfür den indirekten Beweis! Fragen wir uns, was gewesen wäre, was geworden wäre, wenn Pinsker und die Ch. Z. ihre Hände in den Schoß gelegt hätten und dem starren politischen Programm auch unter den damaligen Verhältnissen treugeblieben wären? Zunächst wäre die Zionsbewegung, dann aber die Kolonien selbst zugrunde gegangen. Denn sämtliche Kolonien, mit Ausnahme der wenigen, die mit Privatkapital gegründet worden waren, sind durch die Ch. Z. unterstützt und erhalten worden, und zwar entweder unmittelbar durch die Ch. Z., oder durch den Baron Rothschild und durch dessen Vermittlung, durch die Ica; Rothschild aber war durch den auch in Kattowitz anwesenden russischen Chovev Zion, den Rabbiner Mohilewer, der hierbei von Zadok Kahn unterstützt wurde, für die Idee der Palästinakolonisation gewonnen worden. Wie also sähe es heute in Palästina aus, wenn die Kolonien verschwunden wären? Kein jüdisches Dorf, kein jüdischer Bauer, keine lebende hebräische Sprache! Denn von den Kolonien aus ist das Hebräische in die Städte gedrungen, wo es erst dann an dem Hilfsverein der deutschen Juden einen sorgsamen, treuen Pfleger fand. Das flache Land wäre von Arabern besetzt, nur hier und da blühte dazwischen ein vereinzeltes deutsches Dorf. Die Juden aber, von denen einige Zehntausend in den dunklen, schmutzigen Gassen von Tiberias und Safed oder in dem großen Jerusalemer Ghetto als Almosenempfänger und zumeist als Nichtstuer lebten, wären das verachtetste Element im ganzen Lande. Heute aber ist es gerade das jüdische Palästina, das so begeisternd auf die Anhänger des Zionismus, so überzeugend auf die Zweifler, so anregend auf die Untätigen und Indifferenten wirkt. Welchen Klang hat heute der jüdische Name im Lande! Heute gelten die Juden, — sie waren es im Bunde mit den deutschen Templern, — als die wahren Kulturpioniere des Landes. Welche Chancen bieten sich der ökonomischen Zukunft des jüdischen Elements in Palästina, und wie optimistisch urteilen heute in dieser Beziehung selbst sachverständige Nichtjuden! Wenn wir auf solche Leistungen hinweisen können, haben wir nicht größere Chancen, bei der Regierung Verständnis für unsere Ideen und Glauben an unser kolonisatorisches Können zu finden, als wenn wir mit Phrasen und Versprechungen kämen? Und ist nicht auf der Grundlage jener Kolonisation schon heute ein Stück jüdischer Kultur im Lande erblüht, das schon heute auf die Diaspora anregend zurückwirkt, und das