Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 49 bIE3^ELT 1075 und das seelische Gleichgewicht, den gewöhnlichen Gemütszustand wieder herbeizuführen trachten. So ist das Assitnilationssystem entstanden.. Sein Ursprung ist die Gewöhnung, die Anpassung oder Abstumpfung, vor allem das Vergessen. Eine verschraubte Theorie wird geschaffen, daß Mut eigentlich in Feigheit und Energie eigentlich in Nichtstun beständen. „Die Finsternis wird als Licht und das Licht als Finsternis dargestellt", wie Jesaias sagt. Man glaubt sich durch Sophismen von dem niederdrückenden und peinlichen Bewußtsein des Kleinmuts und der Trägheit zu befreien. Dabei verläuft .der psychologische Vorgang in der Regel so, daß sich gewisse Momente in dieser Selbstrechtfertigung abheben und den Angriffen gegen Andersdenkende zum Anlaß dienen. Dies ist der natürliche Gang der menschlichen Leidenschaften; diejenigen, welche ein böses Gewissen drückt, vergeben schwer denen, die rein sind. Soll und kann man diesen Trieb bekämpfen? Die Beantwortung dieser Doppelfrage hängt von dem Standpunkt ab, den man einnimmt. Steht man auf dem Standpunkt eines Einzelmenschen, der darnach strebt, sich den möglichst größten Wohlstand und das größte Wohlbehagen zu sichern, ohne sich um das Ehrgefühl, die Banden des Blutes, die Oberzeugungen u. dergl. zu kümmern, so darf man unbedingt diesen Trieb nicht anfechten. Behagt es diesem Einzelmenschen nicht, die Umgebung mit dem Anblick seiner Selbständigkeit zu reizen, und was noch wichtiger ist, betrachtet er dies für sich als gefährlich, so tut er gut, sämtliche Anzeichen und Spuren seiner Eigenart zu verwischen. Aber anders ist die Schlußfolgerung, wenn dieser Einzelmensch sein historisches und seelisches Ichgefühl in den Vordergrund rückt und wenn er von einem Pflichtbewußtsein durchdrungen ist, das diesem Gefühl entstammt. Auch dieser Einzelne richtet sich nach seinem „Interesse", aber das Interesse dieses Einzelnen hat einen viel größern Umfang und einen tiefern geistigen Gehalt. Der Selbstschutz beschränkt sich bei ihm nicht mehr auf die Erhaltung des materiellen Daseins, er umfaßt vielmehr auch das große Gebiet der geistigen Existenz. Ein solcher Mensch, ein Vollmensch, will sich nicht nur erhalten, sondern auch noch entwickeln; er will sich voll und ganz nach seiner eignen Art entwickeln, ohne auch nur ein Fünkchen des in ihm lodernden geistigen Lebens zu löschen oder verglimmen zu lassen. Bei dem Geltendmachen dieses Grundsatzes muß jedes Erfordernis einer Gleichmacherei als eine Vergewaltigung erscheinen. Es existiert aber noch ein höherer und allgemeinerer Standpunkt als der des Individuums, namentlich der einer Gesamtheit. Eine Vereinigung von Einzelwesen, eine Rasse, ein Stamm, eine Nation, verteidigt im Laufe der Jahrhunderte gegen äußere und innere Feinde ihr Dasein. Es lebt ja nicht nur das Einzelwesen, es lebt auch die ethnische Gruppe, die Nationalität, das Volk, oder wie wir die in Betracht kommende Gesamtheit nennen mögen. Jedes Einzelwesen, das zu dieser Vereinigung gehört, ist natürlicherweise bestrebt/ diese zu erhalten, mit andern Worten: die Sonderstellung dieser zu erhalten. Denn ohne Absonderung ist ja überhaupt kein Bestehen denkbar. Und diese Vereinigung will das bleiben, was sie ist; sie will sich nicht auflösen. Und ist sie ein zu lockeres Gefüge, eine unvollkommene Bildung, so hindert sie dies nicht. Im Gegenteil: sie strebt dann erst recht nach Entwicklung und Vervollkommnung, ihren eignen Bedürfnissen und ihrer eignen Geistesrichtung gemäß. Sie fragt nicht nach andern. Was wir zu tun haben, — sagt sie, — muß der Ausdruck unseres sittlichen Wesens und Willens sein, nicht etwas uns von außen durch Zwang oder Konvention Auferlegtes. Denn unsere sittlichen Grundsätze sind das Eigenste, was wir besitzen. Niemand kann uns vor uns selber entlasten. N. S. Die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Zionismus Von Dr. Aron Sandler, Breslau (Schluß) Ich will es auch nicht unterlassen, den Bnebrith- Orden von Kattowitz gegen einen Vorwurf in Schutz zu nehmen. Auch ihm glaubte man rein philanthropische Absichten, frei von jeden staatsmännischen Gesichtspunkten, zusprechen zu sollen, weil es in dem Statut hieß, man habe die Aufgabe, „ihres Glaubens wegen verfolgte Israeliten bei der Gründung von Kolonien geistig und materiell zu unterstützen". Ist es aber zulässig, aus dem Wortlaut von Statuten, die der Polizei zur Genehmigung unterbreitet werden, auf den wahren Charakter der Bewegung zu schließen? Müßte man denn nicht auch dem Odessaer Komitee jeden politischen, ja sogar jeden nationalen Charakter abstreiten, da doch sein offizieller Name lautet: Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauern in Palästina und Syrien? Nein, die wahre Gesinnung der Kattowitzer Zionisten zeigte sich in dem bereits zitierten Aufruf von 1882, wo von der Heimat für Juda, von der Förderung der hochheiligen nationalen Idee die Rede war. Die große Idee der Ch. Z. verflachte aber immer mehr und mehr. 18Q1 und 92 erfolgte das Einwanderungsverbot der türkischen Regierung, die Beschränkungen bezüglich des Landankaufs, Das rein Philanthropische, das Kleinkolonisatorische, das Kleinstkolonisatorische erfüllte immer mehr, endlich sogar ausschließlich das Sinnen und Trachten der Ch. Z. Schon auf der Konferenz von Drusgenik konnte eine Resolution zur Annahme gelangen, die besagte: „Die Unterstützung der Kolonisten trägt einen allgemeinen, wohltätigen Charakter." Später wurde das die herrschende Ansicht. So weit waren die Ch. Z. von den Ideen der Männer der siebziger Jahre und auch der Kattowitzer Konferenz abgeirrt. War eine rechtlich gesicherte Besiedlung unmöglich geworden, so schmuggelte man die einzelnen Kolonisten ins Land und vergaß bei dieser würdelosen Methode so ganz das schöne Wort, das der fromme Jude seit zwei Jahrtausenden im Gebete spricht: u^im rniub WDDip' „aufrecht" wollen wir in unser Land kommen, mit geradem Rücken und steifem Nacken und freiem Blick. Die von dem Fortschreiten solcher Kolonisation einen Erfolg im Sinne des nationalen Endziels erhofften, sind um ihrer Einfältigkeit willen zu bedauern. Wie viele hatten aber dieses Endziel längst vergessen. Je mehr nun gar die Unterstützung der Kolonien Aufgabe der Ica wurde, jener Gesellschaft, die die hinterlassenen Millionen des Baron Hirsch verwaltet, urn so mehr verschwand die Idee der nationalen Wiedergeburt.