Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316400--52573-3346279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
X DIE ZIONISTISCHEN KONGRESSE IM LICHTE DER KULTUR i. Sind die zionistischen Kongresse fortschrittliche oder rückständige Erscheinungen? Bekunden sie eine kulturelle Entwicklung, eine freiere Geistesrichtung, oder eine reaktionäre, rückbildende Strömung? Diese Frage wird jetzt wieder in der öffentlichen Meinung erörtert werden. Es ist daher angebracht, diesem Problem näherzutreten. Gegen unsere zionistischen Kongresse sträubt sich in der Regel — zum offenen Protestieren fehlt schon jetzt der Mut, — die Goluthfeigheit. Sie glaubt Überzeugungen zu haben, sie hat aber nur Instinkte. Ihr Hauptinstinkt ist der Hang zum Wohlbehagen, der Wunsch, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit möglichst wenig auf sich zu lenken und ihr keinen Stoff zum unnützen Räsonnieren zu bieten. „Noli me tangere!" Die „Vorsicht" richtet sich nicht nur gegen den Zionismus, sie richtet sich auch gegen andere jüdische Kundgebungen. Die assimilatorischen Kreise von echtem Schrot und Korn haben auch die Idee der Einberufung eines deutschen Judentags lange bekämpft, weil dies ihnen eine vermessene Herausforderung schien. Nachdem die Idee sich durchgerungen hatte, schlössen sich auch manche früheren Gegner dieser Veranstaltung an, in der sie nunmehr die Tendenz vertreten, daß das Spezifisch-Jüdische nicht „zu scharf" betont werde, damit wenigstens alles glatt, ohne jede Schärfe, sich abspiele. Dieselben Kreise wären vielleicht auch gegen einen Kongreß der Alliance oder der Ica. Das ist im Grunde keine Theorie, es ist Praxis. Es ist die Unterwürfigkeit des Goluthjuden oder des Emanzipations-Parvenüs. Freilich möchte er auch, wie alle anderen, zur Verteidigung seiner Ehre, zur Wahrung seiner Interessen und seiner Überlieferungen, offen auftreten. Er ist auch gar nicht grundsätzlich gegen einen energischen Rechtskampf im Lande, oder gegen eine Entwicklung des jüdischen Stammesbewußtseins und eines jüdischen Zentrums anderswo. Er ist auch nicht grundsätzlich gegen den Zionismus, „wenn das nur möglich wäre". Nur hat er Angst vor all dem Gerede und dem Betonen der Absonderung. Der Goluthschreck steckt in den Gliedern. Weil er sich aber vor sich selbst schämt, von einem so unmännlichen Gefühl, wie die Angst, beeinflußt zu sein, konstruiert er daraus künstlich ein System, welches er „Fortschritt", „Bildung", „Patriotismus" und dergleichen nennt. Er dünkt sich weise, indem er gegen das „Unbehutsame" und „Anmaßende" auftritt. Er will dasselbe, nur sollte man nicht lärmen! Aus der Not der Angst macht er eine Tugend der Weisheit. „Gott belehrt uns — sagt der Psalmist — mehr als die Tiere des Feldes." Trotzdem spielt die Naturgeschichte eine gewisse Rolle in der Menschengeschichte. Die treffliche alte Fabel vom Fuchs, der die Trauben für sauer erklärt, da er sie nicht erreichen konnte, läßt sich in Rücksicht auf den psychologischen Vorgang in doppelter Weise deuten. Nach der einen landläufigen Auffassung hat der wackere Fuchs nur damit geprahlt, daß er das nicht gewollt, was er tatsächlich nicht gekonnt. Und wenn er äußerlich gute Miene zum bösen Spiele machte, und bei allen, die ihn nicht durchschauen, auch einen leidlichen Abgang erzielt, wird er doch innerlich von Ärger gepeinigt. Bei dieser Deutung wäre also der Fuchs nichts anderes, denn ein eitler Heuchler und renommistischer Geselle. Man kann indessen auch annehmen, der Fuchs rede nicht sowohl seinen Kameraden und Mitfüchsen, sondern in erster Linie sich selbst die Theorie von dem allzusauren Geschmack der Trauben vor. Und dann dauert es sicher nicht lange, bis er felsenfest von ihrer Ungenießbarkeit überzeugt und von ehrlichster Verachtung gegen sie erfüllt ist. Kein kleiner Erfolg, wie man sieht. Statt von dem wurmenden Gedanken an die süßen Trauben und ihre ewige Unerreichbarkeit geplagt zu werden, überwindet das vielgewandte Tier seinen Arger in denkbar einfachster Weise und erlangt seinen Seelenfrieden und die Heiterkeit seines Gemüts wieder. Und bei dieser Annahme hätten wir dann einen typischen Fall vor uns, wie man zur Behauptung seines innern Gleichgewichts gegen auftretende Störungen instinktiv rechtfertigende Systeme sich konstruiert. Es ist klar, daß die Mimikry mehr eine zoologische als eine menschliche Eigenschaft ist. Der weiße Hase, der im Winter durch seine Haarfarbe dem Schnee ähnlich, seine Existenz als gesichert betrachtet, wälzt sich im Sommer im Sande, um ganz so graugelb zu werden, wie dieser Sand. Die Erscheinung liegt ganz in der Logik der natürlichen Auslese. Die Moralprediger kritisieren die praktischen Menschen wegen dieses Wälzens im Sande, wegen dieses Sichähnlichmachens zu den andern. Gewiß ist dieses Bemühen ein Beweis der Schwäche, die mit den Grundsätzen der Selbstachtung sich nicht in Einklang bringen läßt, aber der weiße Hase will sich eben nicht von der graugelben Umgebung abheben. Wir möchten ihn als einen Helden sehen, aber wir. können es ihm nicht übel nehmen, daß er ja im Grunde doch nur ein Hase ist. Würde es jedoch jemand unternehmen, diesen Trieb unter Menschen zu entwickeln, so würde er in den Augen aller Verständigen der Lächerlichkeit anheimfallen. Dieser Trieb ist so brutal praktisch, alltäglich und einfach, daß er keiner Propaganda und keines Apostoltums bedarf. Von der Fläche gemeiner Berechnung ragen keine Gipfelpunkte empor, die erst mit Mühe erklommen werden müßten. Es genügt, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen. Sind Bemühungen, Anstrengungen und Kämpfe notwendig, so ist es nicht um den Instinkt zu stärken, sondern um ihn zu bekämpfen. Ja, dem Instinkt kommt aber auch ein gewisses Raffinement zu Hilfe. Auch das ist natürlich. Kein Mensch kann auf die Dauer eine starke gemütliche Depression ertragen. Leid, Kummer, Ärger, Schande, Selbstverachtung, Verzweiflung, reiben ebenso auf, wie körperliche Schmerzen. Aber wie der physische Organismus gegen äußere Verletzungen und schädigende Eingriffe sich selbst erhält und erneuert, wie bei allen auftretenden Störungen ganz spontan physiologische Prozesse ausgelöst werden, die die krankhaften Veränderungen der Gewebe beseitigen und den normalen Zustand wieder herstellen, so verhält es sich auch bei der physischen Organisation des Menschen. Auch hier stellen sich bei gemütlichen Affektionen ganz spontan physische Prozesse ein, die jene Störungen zu beseitigen