Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 NEBELT 1067 eingerichtet. Die für die Dorfschulen bestimmten waren mit einem ausschließlich katholisch-religiösen Inhalte versehen, dagegen aber waren die für die städtischen Schulen bestimmten Lehrbücher weniger katholisch. Nun sollte es anders werden. Mit Beginn des diesjährigen Schulunterrichts sind neue Schulbücher für die Volksschulen eingeführt worden, deren Inhalt wesentlich im katholischen Geiste geändert wurden und hierdurch die jüdischen Kinder der Gefahr der vollständigen Katholizisierung aussetzen. Mit dieser für das galizische Judentum so sehr wichtigen Angelegenheit befaßte sich in einer seiner letzten Sitzungen das zionistische Zentralkomitee, und es ist der Beschluß gefaßt worden, sich in einem Zirkulare an alle galizischen Kultusgemeinden zu wenden und dieselben zu einem solidarischen und kollektiven Vorgehen in dieser wohl alle jüdischen Kreise Galiziens näher berührenden Frage zu bewegen. Es ist demnach zu erwarten, daß die Kultusgemeinden diesem Rufe folgen werden, um die jüdischen Schulkinder vor einem jähen Abfalle von dem jüdischen Glauben noch rechtzeitig zu hüten. Ein jüdisches Museum in Krakau Die Krakauer Kultusgemeinde hat unlängst beschlossen, in dem zu erbauenden jüdischen Gemeindehause ein jüdisches Museum einzurichten. Wir begrüßen diesen Beschluß mit geziemender Anerkennung und freuen uns darüber, daß endlich all die großen und alten Denkwürdigkeiten der alten, einer der ältesten Judengemeinden Polens, gesammelt und an einem sichern Platze untergebracht werden. In den Krakauer zahlreichen Synagogen und sogen. Klausen befindet sich eine große Fülle von allerhand religiösen Geräten, Thoraschmuckgegenständen, Leuchtern usw., die Jahrhunderte alt sind und einen großen kulturhistorischen und künstlerischen Wert darstellen. Außerdem befinden sich in verschiedenen Klaus- und Hausbibliotheken wertvolle Bücher, Bibelexemplare und hebräische Manuskripte, die, der Gelehrtenwelt leicht zugänglich gemacht, von großem Nutzen sein werden. Alle die Raritäten, Antiquitäten und Denkwürdigkeiten werden nun — dank dem weisen Beschlüsse der Krakauer Kultusgemeinde — gesammelt, unter ein gastfreundliches Dach gebracht und vor Vernichtung gerettet werden. Aus der Lemberger Kultusgemeinde Dagegen faßt die Lemberger Kultusgemeinde andere Beschlüsse. Lemberger Kanal beschließt, ein von 15 Zionisten eingereichtes Gesuch um Aufnahme in die Liste der steuerzahlenden Mitglieder* abzuweisen. Die Motivierung ist eine recht klägliche und naive. Aber nicht diese ist die richtige. Die wahre Ursache ist das Gespenst der herannahenden Kultusgemeindewahlen. Kahal sagt: „sicher ist sicher". Und 15 Oppositionsmänner weniger machen ja ihren Sieg sicherer. Und als der Vizepräsident des Zentralkomitees, Dr. Michael Ringel und der Obmann des Lemberger Delegierten-Kongresses, Dr. David Schreiber, beim Präsidenten der Kultusgemeinde in dieser Angelegenheit persönlich reklamierten, da duckte er zusammen, verschanzte sich hinter dem Beschluß der Majorität und erklärte, daß die 15 steuerwiliigen Bürger deshalb nicht aufgenommen werden könnten, weil die Schätzungskommission in diesem Jahre und vor den Wahlen nicht mehr funktionieren werde. Aber unsere Gesinnungsgenossen werden den Instanzenweg antreten und ihr gutes Recht erkämpfen. Und — die 15 Oppositionisten mehr oder weniger — die morsche Kahalsburg in Lemberg muß erstürmt werden. Das werden die kommenden Wahlen zeigen. „Die Aufgaben des IX. Kongresses" Über dieses Thema referierte Samstag den 13. d. M., abends, Gesinnungsgenosse Dr. David Schreiber, Obmann des Delegierterikongresses, in Lemberg vor einem zahlreichen Publikum. Redner erklärte sich entschieden gegen die Änderung des Baseler Programms. Diese seine Ausführungen ernteten den größten Beifall. Es war dies ein Beweis, wie sehr unsere zionistischen Massen am Baseler Programm festhalten. Aber Nichtänderung des Programms, meinte der Referent, heiße noch nicht Nichtänderung der Taktik. Und diese müsse ja in einer jeden größern Partei verschiedenen Variationen unterworfen sein, so oft es der Moment und die politische Konjunktur erheischen. Redner berührte noch einige wichtige Fragen, wie die Palästinaarbeit, Kulturarbeit, und schloß sein anderthalbstündiges Referat unter starken Zustimmungskundgebungen der Versammlung. In der Diskussion nahmen einige Anwesende das Wort, von denen einer die Vereinigungsfrage mit den Itoisten berührte. Er drückte den Wunsch aus, die galizische Delegation möge diese Angelegenheit erwägen und eventl. die Vermittlerrolle übernehmen. Allen Rednern erwiderte der Referent, worauf die Versammlung geschlossen wurde. > KORREPONDENZEN j%\ Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Glossen zum neuen Entwurf des Organisationsstatuts Von Dr. Max Rosenfeld (Lemberg) Zum zweitenmal sollen wir nun unser Organisationsstatut revidieren. Sieben Kongresse überdauerte das erste, bloß einen — das zweite. Nun kommt der dritte Dr. Bodenheimersche Entwurf, in dem nur manche rigorose Bestimmung aufgenommen wurde und das ganz auf mehr bureaukratische Füße gestellt wurde. Der Entwurf des Organisationsstatuts zusammen mit dem Entwurf der Geschäftsordnung des Kongresses sind den leitenden Faktoren gute Mittel, die Macht der nichtgewünschten Elemente los zu werden. Beide Entwürfe machen den Eindruck, als ob die Angst, unsagbare Furcht sie diktiert hätten. Es fragt sich nun, welches Gespenst die Verfasser hier fürchteten, daß sie das Aktionskomitee und Präsidium mit solcher Machtvollkommenheit ausgestattet haben? Neu ist die Bestimmung, daß man, außer den Schekel zu zahlen, noch einer Landesorganisation angehören muß, um zu der Gesamtorganisation gehören zu können. Diese Bestimmung trifft die rußländischen Zionisten sehr empfindlich, denn die Zugehörigkeit zur Organisation in Rußland ist kein leichtes und kein ungefährliches Ding. Die Bestimmung ist für Deutschland — wie sehr viele andere — zugeschnitten. — Der Entwurf zählt nun 6 Organe der zionistischen Organisation auf, in aufsteigender Abstufung vom Verein bis zum Kongreß und Präsidium. Die Vereine unterstehen dem Distriktskomitee, diese dem Zentralkomitee, welches wiederum dem Aktionskomitee bzw. dem Präsidium untersteht, alle sind dem Kongresse verantwortlich. Somit wäre der Kongreß die höchste Instanz, und nicht das Präsidium. Außerdem bringt der Entwurf ein Novum: außer den einfachen Vereinen sind auch solche Vereinigungen von Mitgliedern der Landesorganisation möglich, welche sich „zur Erreichung eines speziellen Zweckes innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation zusammengeschlossen haben". Die Mitglieder solcher Vereinigungen sind was absolut verlangt wird — auch Mitglieder der Landesorganisation, wie kann es nun möglich sein, — spezielle Zwecke zu haben, wenn diese nicht erreicht werden können? Wozu also die Gewährung von Scheinrechten, wenn der einzige maßgebende Faktor im Lande die legale Landesorganisation ist? Kenner der Verhältnisse werden doch diese Bestimmung verstehen: sie soll die alte Federation ersetzen, soll Autonomie vorspiegeln, wo sie in der Wirklichkeit nicht zu finden ist. — Die Autonomie innerhalb der Landesorganisation soll die jetzige Autonomie der Federation innerhalb der Gesamtorganisation ersetzen und so die manchen kleinen Männern gefährliche Federation auf billige Weise zum Teufel jagen. Wir geben ohne weiteres zu, daß das Prinzip der Federation arg mißbraucht würde, wenn eine territoriale Organisation, ohne Rücksicht auf ein höheres Bedürfnis, bloß äußerlich durch Sammlung der vorgeschriebenen Zahl von Schkolim — eine Federation gebildet hat. Gewiß ist ein solcher Zustand unhaltbar, und wir hätten 25 Federationen. — Da ließe sich statuieren, daß Federationen nur dann gebildet werden können, wenn eine solche Vereinigung'zur Erreichung eines speziellen Zweckes gebildet wird. Dies trifft bei den Poale Zion zu. Ihnen das Recht entreißen, eine Federation zu bilden, die sich schon von andern dadurch abhebt, daft sie nicht bloß äußerlich Federation ist, weil ihre Mitglieder nicht territorial zusammen sind, nur der Zweck gemeinsam ist —, hieße die Entwicklung der poale-zionistischen Federation innerhalb der zionistischen Bewegung gewaltsam hemmen. Dies kann doch nicht angenommen werden, trotz mancher Ausfälle der A. C.-Mitglieder auf der letzten A. C.-Sitzung in Köln. Man kann doch nicht rückwärts schreiten. Diese Organisationsform ist die einzig mögliche für die Poale Zion in der ganzen Welt. Wollen die Herren in der Leitung reine Klassenmomente und schließlich auch psychologische Momente, die hier bestimmend sind, aus den Augen verlieren? Es ist nicht richtig, daß die Poale Zion geschwächt wurden, nachdem ihnen die Federation gegeben wurde, umgekehrt hat sich diese Partei innerlich konsolidiert und dem debilen Zustande, der bis dahin geherrscht hat, ein Ende gemacht. Eine Zentralisierung ließe sich nicht durchführen, weil das jüdische Volk kompliziert ist, weil jeder Organismus und die Interessen verschiedener Klassen auch innerhalb der zionistischen Bewegung sich nicht vertuschen lassen. — Der Entwurf läßt einen Vereinsverband von über 1000 Mitgliedern und 3000 Schekeln zu (§21,2). Doch sollen diese sämtlichen Mitglieder den Landesbeitrag zahlen. Der Gang der Entwicklung dieser Verbände zweiter Klasse