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Die Welt · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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palästinisch-arabischer Lokalinteressen bei der Regierung gegen uns scharf machen möchten. Da werden wir nicht umhin können, rücksichtslos aufzudecken, welches die wahren Triebfedern dieser Versuche sind, und wie haltlos die gegen uns geltend gemachten Bedenken sich bei näherer Prüfung erweisen. Der rührige Claffaer Korrespondent des „Osmanischen Lloyd" schreibt unterm 8. November einen langen Artikel gegen die zionistischen Ansiedlungspläne, der quasi wissenschaftlich ihre Bedenklichkeit beweisen soll. Er bringt zwei Thesen, die sich eigentlich aufheben: 1. Die jüdische Kolonisation wird durch ihre überlegene Kraft das eingesessene Bevölkerungselement ruinieren. 2. Es ist noch sehr fraglich, ob die Juden zur Kolonisation geeignet sind. Es ist auf den ersten Blick schon nicht recht begreiflich, wie das Erste gewiß sein soll, wenn das Zweite negativ beantwortet werden kann; wenn die Juden keine Bauern werden können, wie sollen sie da überlegene Konkurrenten werden? Aber auch im einzelnen sind die Argumente seltsam und widersprechend. Der Verfasser gibt zu, daß eine jüdische Masseneinwanderung in Palästina (er scheint zu glauben, daß diese zu vielen Tausenden auf einmal möglich ist) vorerst als große konsumierende Masse eine rapide Hausse der Lebensmittelpreise bewirken würde, die eine Blütezeit für die einheimische Landwirtschaft bedeuten muß. Aber, fährt er in seinem Raisonnement fort, da die Kolonien in ihrem Gedeihen auf die Nähe von Städten und Eisenbahnen angewiesen sind, so werden sie, als Etappenkolonien die Bahntracen entlang, bald eine raschere Beförderung der ländlichen Produkte in die Städte und damit eine bedeutende Verbilligung der Lebensmittel herbeiführen. Dieser Preissturz aber wäre der gänzliche Ruin des arabischen Bauernstandes. Eine merkwürdige Erwägung! Erstens, wird nicht die große Hausse der Lebensmittel auch dem Fellachen eine bedeutende Kräftigung seiner Position und eine Erhebung zu bessern Produktionsformen bringen, wie es das historische Beispiel der bisherigen jüdischen und arabischen Nachbarkolonien beweist? Haben nicht überall die Fellachen durch die jüdischen Kolonien außer Absatz auch vorzügliche Arbeitsgelegenheiten gefunden? Und dann kämpft er eigentlich gegen die Bahnen, die billigen Transportmittel, nicht gegen die neuen Ansiedlungen. Aber sind nicht die Bahnen, die er anführt, vor den Judenansiedlungen dagewesen? Benutzt nicht der Araber diese Transportmittel so gut wie der Jude, und wenn die Lebensmittelpreise durch sie fallen? Erspart nicht der liefernde Bauer dafür die kolossalen Transportspesen von früher an Oeld und Zeit? Die ganze Erörterung klingt ziemlich ökonomisch — reaktionär. Der Verfasser behauptet im übrigen, um die jüdische Gefahr möglichst groß erscheinen zu lassen, daß der Araber in seinem Wesen absolut stabil und entwicklungsunfähig sei, so daß er die allgemeine Erhebung des Landes nicht werde mitmachen können und unterliegen müsse. Diese Behauptung wird sich kaum auf Beobachtung der gegenwärtigen Vorgänge in Palästina stützen können. Und wenn sie wahr wäre, so enthielte sie für den Staat eher einen positiven Grund, neben diesem entwicklungsunfähigen Elemente ein neues, betriebsames, modernes, das Land ökonomisch bereicherndes einzuführen. Das alles ist nicht recht ernst zu nehmen. Wirklich ernst sind wohl nur die Stellen seines Aufsatzes, in denen er von der Gefahr für die -bestehenden deutschen Kolonien spricht. „Eine Vermehrung der jüdischen Kolonien", gesteht er offen, „müßte einen Niedergang des deutschen Bauerntums in Palästina bedeuten, welches mit geringem Kapital arbeitet und so wie so schon unter der bestehenden jüdischen Konkurrenz schwer zu leiden hat." Dieses offene Geständnis ist wichtig. Und wohl nur dieser Furcht ist schließlich der freundliche Rat des Verfassers an die Juden zuzuschreiben, daß sie gut daran täten, anstatt der landwirtschaftlichen Ansiedlungen, deren Gelingen für den ackerbaufremden Juden sehr problematisch sei, städtische Ansiedlungen mit Handel und Industrie ins Auge zu fassen. Und das schöne Bild, das er von den neuen jüdischen Städten entwirft, leidet etwas unter diesem schiefen Lichte. Merkwürdig, daß alle diese Gedanken nicht für die Zeit der Deutschenansiedlung im heiligen Lande gegolten haben, und daß nur der jüdische, aber nicht der doch viel tüchtigere deutsche Bauer als Gefahr und Feind des Fellachen angesehen wird. „Ob der arabische Bauer", meint der Korrespondent des Llyod, „namentlich in der Nähe der Städte das jüdische Bauerntum, ohne Widerstand zu leisten, sich entwickeln lassen wird, ist zu bezweifeln; sicherlich dürfte es ohne ernstliche Reibereien nicht abgehen." Haben sich durch solche Erwägungen die deutschen Bauern jemals von einer Niederlassung abhalten lassen? Warum also den Juden diese Schreckbilder vormalen? Wir wollen nicht hoffen, daß sie mit Absicht vor den Augen der Regierenden heraufbeschworen worden sind, um ihnen Furcht vor neuen Provinzialunruhen einzuflößen und sie einem Verbot der jüdischen Einwanderung fügsamer zu machen. Und doch läßt der Schluß diese Annahme glaubhaft erscheinen. Es heißt da wörtlich: „Jedenfalls ist die Kolonisationsfrage für Palästina -- ganz abgesehen von der politischen Bedeutung (sie!) außerordentlich wichtig; sie erfordert das ernsteste Studium der osmanischen Regierung, wozu gehört, nicht nur die Lichtseiten dieser Kolonisation: die Nutzbarmachung und namentlich Aufforstungungeheurer Landstrecken der Provinz,., zu betrachten, sondern sich auch der Schattenseiten bewußt zu bleiben, die eine Masseneinwanderung der Juden hätte. Für Palästina kann die Masseneinwanderung der Juden nicht allein zu einer Katastrophe für die deutschen Kolonien werden, sondern geradezu eine Massenauswanderung des arabischen Bauernelements in der Folge bewirken bzw. eine Umwandlung in Nomaden (Halbbeduinen). Denn eine schwerere wirtschaftliche Lage, als sie jetzt schon ist, könnten die Fellachen wohl kaum noch aushalten. Zu einem solchen Experiment des Zionismus sollte sich aber die osmanische Regierung trotz der glänzendsten Versprechungen nicht hergeben." Man weiß nicht recht, ob man diese merkwürdige Korrespondenz mehr als ein Werk ökonomischer Torheit oder unfeiner Scharfmacherei bewundern soll. In jedem Falle ist der deutsche Palästinabauer als Vertreter und Schützer der türkischen Reichsinteressen gegen die „politische Gefahr" der Judeneinwanderung eine selten gelungene historische Satire. Die hiesige Presse wird sich zweifellos mit dem interessanten Falle noch aufklärend beschäftigen. Eine erste Antwort auf die Korrespondenz des „Lloyd" ist vergangenen Sonntag bereits im „Jeune Türe" erschienen. Der Aufsatz, in dem die Redaktion des Blattes die ungeschickte Attaque abfertigt, schließt mit dem bedeutungsvollen Satze: „Was sehr wahr im Briefe ist, den der „Lloyd" publiziert, ist das: daß das Problem verdient, in der ernstesten Weise von der Regierung studiert zu werden. Eine Kommission sollte eingesetzt werden, zu dem Zwecke, die zionistischen Pläne von Grund aus zu studieren, genau wie die anderer jüdischer Gesellschaften, um zu sehen, was darin annehmbar ist und was nicht." Wir wollen hoffen, daß diese gerechte Forderung sich möglichst bald erfüllt. Pro und contra Der Kampf um den Zionismus in der jüdischen Presse Konstantinopels, den die einzige gegnerische Zeitung, wie zu erwarten war, schließlich ganz auf das persönliche Gebiet hinüberzuzerreu versucht hatte, beginnt abzuflauen. Man hat wohl drüben eingesehen, wohin die Verleumdungen führen, und wahrscheinlich sind hohe Einflüsse für eine Einstellung der Angriffe wirksam. Wir haben nun heute die Genugtuung, einen neuen wertvollen, positiven Bundesgenossen in der Presse erhalten zu haben, den „Telegrafo", die meistgelesene hiesige spaniolische Zeitung. Der ausgezeichnete Herausgeber des viermal wöchentlich erscheinenden Blattes, Herr Isaac J. Gabai schreibt an leitender Stelle der letzten Nummer folgendes: „Aus Smyrna wird uns geschrieben, viele unserer Leser wünschten zu wissen, ob der „Telegrafo" für oder wider den Zionismus sei. Das Gleiche wurde uns von zahlreichen Lesern der Hauptstadt zum Ausdruck gebracht. Wenn nun auch unser Blatt, seiner gemässigten Publikationsweise zufolge, bisher nichts über seine Tendenzen bezüglich dieser Frage hat verlauten lassen, werden wir nunmehr doch gern die verlangte Antwort erteilen, und das geradeaus und mit Präzision. Da müssen wir nun zuerst gestehen, daß die Frage, wie sie uns formuliert wurde, uns erstaunt hat. Wir möchten unsererseits folgende Rückfragen stellen: „Kann es einen guten Juden geben, der nicht Zionist ist? Ist es möglich, daß wir keine Anhänglichkeit bekunden an die Geschichte unserer Vorfahren, für das Land, in dem Israel die glänzendste Epoche seiner Existenz durchmachte? Können wir auf der andern Seite uns lossagen von unsern unglücklichen Brüdern in Rußland, in Rumänien usw. und ihren Leiden gegenüber indifferent bleiben?" „Kann irgend ein guter Jude das Prinzip der Solidarität verkennen, dem vor allern andern Israel seine Existenz über alle Verfolgungen hinaus durch Jahrhunderte hin verdankt?" „Kann man Nichtzionist sein, ohne unsere religiösen Schriften abzuleugnen?" „Endlich, ist es denkbar, die Möglichkeit der Fortexistenz eines Volkes anzunehmen ohne ein Ideal, das es allein vor sicherm Tode bewahren kann?" „Ohne die Hoffnung hätte der Selbstmord längst die Erde entvölkert. Und ebenso wie das Leben unbegreiflich wäre ohne die Hoffnung, ebenso ist eine Nation,'der ihr Ideal entrissen wirej, zum Verschwinden verurteilt." „Ja! Wir sind Juden, also sind wir Zionisten!" „Allein, wir sind ebenso Ottomanen, aufrichtige Ottomanen,

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