Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Die Befürchtungen, sofort mit der Kammeröffnung die Parteikämpfe losbrechen zu sehen, haben sich nicht bestätigt. Auch das Komitee erschien nicht so schwach auf dem Plane, als man angenommen hatte. Die Wahl des Kammerpräsidenten gab ihm Anlaß, sein Dasein und seine Stärke zu beweisen, und in diesem Sinne ist tatsächlich die Wiederwahl Ahmed Risas mit überwältigender Majorität als ein Sieg von „Union et Progres" zu betrachten. Aber die Bedeutung dieses Vorgangs wird offensichtlich übertrieben; man wird durchaus erst abzuwarten haben, ob dieselbe Majorität, die sich für ein Geschäftsordnungsfaktum vorfand, auch in Angelegenheiten prinzipieller Natur, bei der Schaffung von Gesetzen oder wichtigen Interpellationen, die Stütze oder Sturz von Regierungen, bedeuten können, in gleicher Weise standhalten wird. Die Zusammenstellung der neuen Kammerbureaus und Kommissionen ist für uns Juden nicht ohne Interesse. Leider ist ein Terraingewinn für uns da nicht zu konstatieren. Im Gegenteil! Nassim Mazliach Bffendi ist zum Sekretär nicht wiedergewählt worden, und kein anderer Jude trat an seine Stelle. Daß er in die Kommission für die öffentlichen Arbeiten hineingewählt wurde, wie seine drei jüdischen Kollegen in die Budgetkommission, ist kein Ersatz für den verlorenen Posten. Wenn es ein Trost ist, so können die ottomanischen Juden sich damit trösten, daß diesesmal auch kein einziger Vertreter der andern Nationalitäten, außer der arabischen, in dem Kammerpräsidiuni zu finden ist. Aber wenn auch das Beschämende der Sache dadurch gemildert wird, das Ominöse daran bleibt bestehen. Will man aus solchen kleinen Zeichen auf ernstere Verhältnisse schließen, so muß man annehmen, daß die herrschende Partei und Regierung jetzt glaubt, ohne die nationalen Minoritäten ihre Politik machen zu können. Der Rang des Chachambaschi Bin zweites Vorkommnis anläßlich der Parlamentseröffnuns:, das ominös und beschämend für die ottomanischen Juden zugleich ist: Der Großrabbiner hat bei der großen Zeremonie, die in Anwesenheit des Sultans vor sich ging, anstatt des dritten Platzes unter den „geistlichen Oberhäuptern", wie bisher immer, nun auf einmal den fünften erhalten. Das ist nur ein zeremonielles Nichts, das ist wahr, aber in einer politischen Gesellschaft wie der Ottomanischen, in der alles Traditionelle schwerwiegend ist, doch ein Ausdruck der nationalen Machtrangordnung. Warum diese plötzliche Herabsetzung? Ist das Ansehen der jüdischen Nation und ihrer Vertretung trotz der courtoisievollen Beziehungen, in denen ihr gerade zu Repräsentationszwecken gewählter Leiter bisher zu allen Großen des Reiches stand, gefallen? Trotz der starken, auffällig starken Betonung des Ottomanismus, unter möglichster Verlöschung der jüdischen Eigenansprüche? Was ist plötzlich geschehen? Haben vielleicht die Selbstverleumdungen und -befleckungen ottomanischer Juden, die nur gegen einen Teil von ihnen gerichtet sein sollten, bereits ihre trübseligen Früchte für alle getragen? Der Großrabbiner hat sofort Schritte getan, um die Sachlage aufzuklären. Er hat einen Protest-Takrir an die Hohe Pforte eingereicht, um den dritten Rang unter den Patriarchen wieder zu reklamieren, der ihm als dem Vertreter der drittstärksten Minoritätsnation im Reiche zukommt. Der Militärdienst der Juden Der Großrabbiner verlangt in einem Takrir an die Regierung, daß für die Bataillone, die jüdische Soldaten enthalten, Feldrabbiner angestellt werden sollen. Außerdem beansprucht er für die jüdischen Soldaten die Erlaubnis zur Einhaltung ihrer Feste und zur Beobachtung der jüdischen Speisegesetze. Befreiung vom Dienste wird verlangt für Lehrer und Schüler der jüdischen Schulen, für die Studenten der Jeschiwot, die Schochtim, die Mohelim, die Rabbiner, die Dajanim und die Synagogendiener. Das Konsistorium rührt sich Außer den Behörden der Konstantinopeler Munizipalität wird sich kaum eine zweite in der Hauptstadt linden, in der eine solche Stagnation festzustellen ist wie im Konsistorium. Vom neuen Regime sind hier aber auch noch nichts als belanglose Äußerlichkeiten bemerkbar gewesen. Es scheint nun, als ob man eine Verjüngung der Gemeindeleitung doch für wünschenswert und notwendig zu erachten beginne. Zeugnis für diese Einsicht legt der Beschluß des Konsistoriums ab, die jüdischen „Notabein" fremder Staatsangehörigkeit in der Hauptstadt zur Mitarbeiterschaft heranzuziehen und gemeinsam mit ihnen gewisse, den Unterricht, das Wohltätigkeitswesen und Reformen berührende Fragen zu studieren, um die Regeneration der im osmanischen Reiche lebenden Juden zu fördern. Die in Betracht gezogenen Persönlichkeiten haben bereits Einladungsschreiben erhalten. Unter dem alten Regime wurden die fremdländischen Juden systematisch von Verwaltungsangelegenheiten ferngehalten, sehr zum Schaden der Gemeinde. Es wird abzuwarten sein, ob diese Kräftezuziehung auch die aschkenasischen Juden anderer als ottomanischer Untertanenschaft umfassen wird. Das weitaus größere Verständnis für öffentliche Angelegenheiten sowie eine lebhaftere Initiative und zielbewußte Beharrlichkeit gerade bei diesen werden auch die spaniolischen Gemeindeführer erkennen und zugeben müssen. Im Interesse gerade der spaniolischen Judenheit wäre daher eine Verwertung der zur Verfügung stehenden aschkenasischen Kräfte nur zu wünschen. Die Regierung der Vereinigten Staaten und die jüdische Einwanderung in Palästina Der „Osmanische Lloyd" teilt unterm 20. November folgende hochwichtige Meldung mit, die wir einstweilen unter Vorbehalt wiedergeben: „Die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika unternahm Schritte bei der Hohen Pforte hinsichtlich der Ansiedlung jüdischer, aus den Vereinigten Staaten stammender Kolonisten in Palästina. Falls die osmanische Regierung diese Vorschläge annehmen sollte, wäre die amerikanische Regierung ihrerseits damit einverstanden, daß osmanische, nach den Vereinigten Staaten auswandernde Untertanen die dortige Staatsangehörigkeit erwerben können. Der Ministerrat, der am Sonntag zusammentritt, wird sich mit der Angelegenheit beschäftigen/' Wenn sich die Nachricht bewahrheitet, so haben wir es mit einem höchst bedeutsamen Ereignis zu tun, und wir würden den Abschluß einer solchen amerikanisch-ottomanischen Konvention bezüglich der Judeneinwanderung lebhaft begrüßen. Denn solange das Zugeständnis der russischen Regierung an die jüdischen Emigranten, daß sie sofort bei Betreten ottomanischen Bodens die russische Staatsangehörigkeit aufgeben können, zweifelhaft erscheint, — und wir glauben nicht, daß sie sich leicht dazu verstehen wird, — so lange ist es von höchster Bedeutung, daß wenigstens ein Land wie Amerika, das wertvollstes jüdisches Immigrantenmaterial für Palästina liefern könnte, die Schwierigkeiten der Einwanderung dieser Elemente durch ein Abkommen beseitigt. Das Mesopotamienprojekt Wir haben die Absicht der Ica, eine Kommission zur Erforschung der ökonomischen und klimatischen Bedingungen Mesopotamiens im Hinblick auf eine jüdische Kolonisation zu entsenden, bereits mitgeteilt. Herr Etinger, der Leiter der jüdischen Ackerbaukolonien in Rußland, ist nunmehr hier eingetroffen, um sich gemeinschaftlich mit Herrn Niego, dem Ackerbauinspektor der Ica, nach Mesopotamien zu begeben. Der dritte Teilnehmer an der Expedition ist der Ingenieur J u n e r, der eineinhalb Jahr als Architekt in Richon Lezion tätig gewesen war und später viele Jahre in Japan und Abessinien an bedeutenden Bahnbauten wirkte. Die Abreise der Kommission wird am Donnerstag, den 25. November, stattfinden. Die Erforschungstätigkeit wird sich nicht nur auf Mesopotamien, sondern auch auf Anatolien erstrecken und die Möglichkeiten der Ansiedlung nicht nur für die russischen, rumänischen und galizischen Juden, sondern auch für die des Südens, die marokkanischen, tunesischen und jemenitischen Juden zu erkunden hab$n. Die deutsche und die jüdische Kolonisation Palästinas Es scheint wahrlich nicht glänzend zu stehen um die Aussichten der deutschen Ansiedlungen in Palästina. Schon wiederholt sind Klageberichte und Verzweiflungsrufe von daher nach Westen hinübergedrungen, und erst kürzlich haben wir von einem solchen, der Prophezeiung des baldigen Untergangs der deutschen Kolonie Saarona, gebührend Notiz genommen. Wir konnten uns einem gewissen Mitgefühl für das Ende einer so schönen Kulturunternehmung bislang nicht entziehen, wir haben die deutsche Arbeit im heiligen Lande immer mit gebührender Achtung und ihre Wirkung als bestes Erziehungsbeispiel für unsere eigenen Unternehmungen angesehen. Wenn aber die Verteidiger des deutschen Ansiedlungswerks glauben, eine Rettung ihrer verlorenen Position auf Kosten der jüdischen versuchen zu müssen, so wird unsere Sympathie ohne weiteres der festen Wahrung eigener berechtigter Interessen Platz machen müssen. Um so mehr, wenn diese Versuche in einer Diskreditierung unserer Arbeit vor dem Forum der Herrschenden gipfeln und unter dem Deckmantel der Verteidigung türkischer Staats- oder