Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gelegt. Nun, wäre diese besonders schwer leidende Kolonie nicht unterstützt worden, so wäre sie zugrunde gegangen. Gerade sie aber ist am schönsten emporgeblüht und heute ein lebendiger Beweis für die Großartigkeit und Ausführbarkeit unserer zionistischen Ideen. Was hat man nicht Pinsker vorgeworfen? Der Beschluß bezüglich der Verhandlungen mit der Regierung, von dem ich oben ausführte, daß er einen respektabeln Rest einer rein politisch-zionistischen Anschauung war, wurde ihm als ein Beweis für die Kleinlichkeit seiner philanthropischen Auffassung ausgelegt. — In Kattowitz sprach Pinsker die Worte: Erst unsere Enkel sollen die Früchte pflücken, eine Volksmetamorphose läßt sich nicht im Handumdrehen bewerkstelligen. Dieser Satz sollte ein Beweis mangelnder politisch-ökonomischer Einsicht sein, da ihm die Ansicht zugrunde liegt, daß nur durch allmählige Entwicklung das Ziel zu erreichen sei. Ja, kann denn heute der politischste aller politischen Zionisten glauben, daß eine Metamorphose wohl im Handumdrehen zu bewerkstelligen sei? ihn diu pN bnm. Kann einLand aneinemTage entstehen? nrux Dys 'rc-ibv dn. Wird ein Volk plötzlich, auf einmal geboren? (Schluß folgt) Die Fragen des IX. Kongresses Das Zentralkomitee der zionistischen Organisation für Rußland versandte soeben folgendes Zirkular: Am 13. 26. Dezember treffen zum 9. Male die Delegierten der zionistischen Organisation von allen Weltteilen in Hamburg zusammen. Den IX. Kongreß, welcher nach einem Zwischenraum von 2l;> Jahren zusammenberufen wird, erwarten nicht nur mit Ungeduld die Zionisten, sondern auch alle diejenigen gesellschaftlichen Kreise des Judentums, welche zwar irr unsere Parteiregister nicht eingetragen sind, aber nach einer bessern Zukunft, einem freien nationalen jüdischen Leben streben. Dieses spannende Erwarten ist ohne Zweifel bedingt durch die hervorragende Bedeutung der im türkischen Kaiserreich geschehenen Umwälzung für die Bewegung, welche uns >veite Perspektiven segensreicher Tätigkeit eröffnete, die nach Meinung vieler, welche sich bis dahin skeptisch oder verneinend zu unserm Streben verhielten, sogar erst die nötigen realen Bedingungen zu solcher Arbeit geschaffen hat. 1. Charakter der Bewegung Der Beginn der konstitutionellen Ära in der Türkei rief in zahlreichen zionistischen Kreisen einen nie dagewesenen Aufschwung hervor und die begeisterte Stimmung, welche gewöhnlich mit großen ergreifenden Ereignissen und Handlungen Hand in Hand gehen. Es schien, als ob eine Grundreform der ganzen Verfassung des türkischen Lebens stattfinden würde, als ob grundlegende Reformen der agrarischen und ökonomischen Gesetzgebung eingeführt würden und als ob die Vervollkommnung der alten Mittel der ökonomischen und kulturellen Eroberung des Landes unserer Bestrebungen sowie die Schaffung neuer, mächtigerer Mittel, als ob die Entwicklung der breiten planmäßigen lebhaften Arbeit im Lande, welche die ganze Zeit über unser Ideal war und nach welcher wir die ganze Zeit über bestrebt waren, ermöglicht worden sei. Ein Jahr ist in dieser Erwartung und in Vorbereitungsarbeiten verflossen, aber die Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung, die erwarteten günstigen Bedingungen einer weiten Tätigkeit wurden nicht geschaffen. Mehr noch, es trat in der Türkei eine starke zentralistische Stimmung zutage, eine argwöhnische Verdächtigung aller Nationalitätsbestrebungen, eine Furcht vor allem, was selbst in weitester Beziehung an Autonomie oder an das Streben nach nationaler Selbstbestimmung erinnert. Diese Stimmung mußte natürlich ihren Schatten auf das türkische Judentum werfen, welches zu Anfang mit sochem Enthusiasmus den Zionismus begrüßte. — Dabei wirkte auch die langjährige Assimilationsarbeit der Alliance mit, und die Folge davon, daß nur ganz wenige jüdische Kreise der Türkei offen in unsere Reihen eintraten. Unter diesem Rückschlag ist es kein Wunder, daß die frühere Begeisterung ganz bedeutend gesunken ist, und in den Reihen der Zionisten und aller ihnen nahestehenden Kreisen sich eine gewisse Enttäuschung bemerkbar gemacht hat. Deshalb muß vor allein nochmals und in schärfster Weise betont und unterstrichen werden, daß der Zionismus durchaus nicht als Unternehmen dieser oder jener jüdischen Gruppe, sondern als eine Bewegung, als ein histo rischer Prozeß aufgefaßt werden muß. Der Zionismus stützt sich auf die Selbsttätigkeit des jüdischen Volkes; derselbe ist durch die Bedingungen des jüdischen Lebens, die Evolution des jüdischen Gedankens hervorgerufen, — und die äußern politischen Konjunkturen können nur seine Verwirklichung verlangsamen oder beschleunigen. Der IX. Kongreß hat also vor allem die Aufgabe, ganz klar diese Grundidee unserer Bewegung hervorzuheben. Gleichzeitig mit der Ausarbeitung neuer Formen unserer Tätigkeit, welche mehr den neuen Bedingungen entsprechen, sowie mit dem Aufsuchen von bessern Mitteln und Methoden zur Ausnutzung des gegenwärtigen Moments und aller in Palästina sich bietenden Möglichkeiten, wird der Kongreß von neuem die Unabhängigkeit der Grundbestrebungen unserer Bewegung von äußern politischen Bedingungen oder äußern Konjunkturen zu betonen haben. Und das wird die Antwort sein auf alle in letzter Zeit aufgetretenen Befürchtungen, denn unüberwindlich ist die Kraft derjenigen Bewegung, welche ihr Ziel mit einer unbeugsamen Beharrlichkeit und unabänderlichem Bewußtsein anstrebt. 2. Die Abänderung des Programms Infolge der türkischen Umwälzung trat die ebenso scharfe als delikate Frage der Revision und eventuellen Abänderung des Baseler Programms hervor. Auf vielen Seiten wird die energische Forderung der Abänderung einiger Punkte unseres Programms laut, aber die Plenarsitzung des Zentralkomitees und nachträglich auch die letzte Sitzung des Großen A. C. sprach sich entschieden für die Unabänderlichkeit des Programms, das ein Heiligtum der Bewegung geworden ist, aus. Unserer Meinung nach mag — selbst auf die radikalste Weise — unsere Taktik verändert werden, es kann auch zu dieser oder jener Veränderung in der Form unserer Institute kommen, aber an eine Abänderung unseres Programms soll man nur mit äußerster Vorsicht schreiten. Dabei darf auch nicht außer acht gelassen werden, welche Schwierigkeiten unser Organisationsstatut einer eventuellen Abänderung des Programms bietet, indem dazu die Beschlußfassung zweier aufeinanderfolgender Kongresse und außerdem noch eine Stimmenmajorität von drei Viertel erforderlich ist. Immerhin ist zu erwarten, daß der Kongreß sich doch vielleicht mit dieser Frage zu befassen haben wird, denn zu stark hat der Gedanke der Notwendigkeit, daß das Programm sich den neuen Bedingungen in der Türkei anpassen soll, Platz gegriffen. Wie dem auch sei, nicht von einer Anpassung des Programms soll hier die Rede sein. Das Programm ist und bleibt die Formulierung der Bestrebungen und des Zieles der Bewegung, und kann an nichts angepaßt werden außer an das evolutionierende Verständnis und Bewußtsein der Bewegung. 3. Der politische Moment Sollte der IX. Kongreß willens sein, sich mit der Frage der Abänderung des Programms zu beschäftigen, so wird er höchstwahrscheinlich sich auf diesen negativen Standpunkt stellen. Aber das Aufrollen dieser Hauptfrage an und für sich und abhängig von den resultierenden Beschlüssen ist von großer Tragweite. Es ist über jeden Zweifel erhaben, daß die Formulierung des Zieles und des Programms der Bewegung nur mit dem vollstem Bewußtsein der ungeheuren Verantwortung vorgenommen werden kann. Auf Grund dessen hat auch die letzte Plenarsitzung des Zentralkomitees beschlossen, dem Kongreß den Vorschlag zu machen, eine besondere politische Kommission aus den Kongreßdelegierten zu wählen, welche mit ganz besonderer Vorsicht die Auseinandersetzung dieser Frage, falls dieselbe angeregt wird, so wie überhaupt sämtliche Fragen unserer Politik behandeln soll. Ungeachtet dessen, daß in* letzter Zeit der Unternehmungsgeist in der Bewegung auf den ersten Platz gerückt ist, so hat dieselbe doch nichts von ihrem politischen Charakter verloren. Und jetzt noch mehr als irgend jemals muß dieser politische Moment hervorgehoben werden und müssen die bevorstehenden konkreten politischen Fragen der Bewegung erwogen werden. Vor dieser vom Kongreß gewählten politischen Kommission müßten die Führer unserer Politik über all das Rechenschaft ablegen, was in den letzten Jahren politisch vorgenommen worden ist, sowohl die Erfolge wie die Mißerfolge klarlegen. Bis zu gegenwärtiger Zeit befanden sich die Fäden aller politischen Arbeiten quasi außerhalb der Grenzen der Erreichbarkeit, außerhalb der Bewegung; jetzt aber haben wir mit einem konstitutionellen Staat zu tun, die Mehrzahl der Methoden unserer