Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 48 ——= t>IE3j eine große Weltorganisation in Herzischem Stil zu schaffen, die Kolonisation nur mit Zustimmung des Sultans zu betreiben, und zwar mit großkapitalistischen Methoden zu betreiben und mit dem Endziel einer völligen Wiedererwerbung des Landes Israel Ausdrücklich schreibt Pinsker in seiner „Autoemanzipation", daß das Gelingen des Planes ohne Zustimmung der türkischen Regierung nicht zu erhoffen sei. Wir wollen erst später die Frage behandeln, weshalb Pinsker das nicht gelang, was einem Herzl gelingen sollte. Aber die Idee, der Plan stand bei ihm fest und brauchte ihm von heutigen Kritikern nicht vordoziert zu werden. Es ist kein Zweifel, daß Pinsker gegen den überstürzten Tatendrang, gegen die planlose Koloniengründung war. Gibt er doch in seiner Broschüre „Beharrlichkeit und Umsicht" als unentbehrliche Voraussetzungen unsere Arbeit an. Ich will hier auch nicht unerwähnt lassen, daß auch Dr. Hildesheimer zur Besonnenheit mahnte und vor den Folgen jener Begeisterung warnte, die plötzlich von der Feder zum Spaten, vom Griffel zur Pflugschar greifen ließe. Man brauche viel Geld, tüchtige Arbeiter und „ein unanfechtbares Besitzrecht". Er sah gerade den Vorzug des Kattowitzer Standpunktes darin, daß hier die nüchterne Auffassung vorherrschte und allgemeines Verständnis für die Bedeutung der rechtlichen Sicherung vorhanden war. War ja doch beschlossen worden, keine neue Kolonie ins Leben zu rufen, bevor die Schwierigkeiten von Seiten der Regierung behoben seien. Aber Pinsker mußte mit den Tatsachen rechnen. Es waren inzwischen die Kolonien, zum Teil von begeisterten Jünglingen, gegründet worden. Manche stellen und stellten dieses Vorgehen als einen Fehler, die Tatsache als ein Unglück hin. Zunächst sollte man doch die Dinge mehr aus ihrem Milieu heraus beurteilen, aus der bittern Not des Augenblicks, die damals herrschte. Hildesheimer schrieb mit Recht: „Heute lassen sich leicht über die „Unüberlegtheit" der „Kolonisationsstürmer" tiefsinnige Betrachtungen anstellen, Gott möge die Hochweisen, die hierüber zu Gericht sitzen, davor bewahren, daß sie die Berechtigung des Urteils erlangen, wie sie nach den Sprüchen der Väter allein zulässig ist." Dort heißt es nämlich: Hillel sagte, richte nicht deinen Nebenmenschen, bis du an seine Stelle gelangt bist. Aber jenes absprechende Urteil ist besonders insofern psychologisch schief, als die Überstürzung und Planlosigkeit die Begleiterscheinungen einer flammenden Begeisterung waren. Ohne ungeheure Begeisterung hätte das schwere Werk nicht am Leben erhalten werden können. Wollen wir die Begeisterung, so müssen wir das andere mit in Kauf nehmen; wir können nicht das eine haben und auf das andere verzichten. Ohne Begeisterung aber wäre das Werk zugrundegegangen, wir besäßen nichts in Palästina und hätten keine reale Basis für unsere Aspirationen. Das Werk des Anfangs, der bekanntlich immer schwer ist und hier besonders schwer war, hätte später von neuem unternommen werden müssen. Die positiven Werte, die damals geschaffen wurden, sind nicht verlorengegangen, wie überhaupt keine ernsthafte Bemühung im Dienste unserer Sache im Grunde erfolglos sein kann. Gut und notwendig war, was jene eifrigen Stürmer geleistet haben, und was sie ohne stürmischen Eifer nicht hätten leisten können; gut und notwendig war aber auch die Ruhe und Bedachtsamkeit, die Pinsker predigte. Aber für diese politischen Ideen war die Zeit nicht geeignet. [ELT 1055 <ny:i ^on> ein jedes Ding hat seine Zeit, — will sagen, ein Ding mag noch so schön und logisch sein, es hat keinen Sinn, sich darauf zu versteifen, wenn die Zeit ungeeignet oder noch nicht reif dazu ist. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß, wenn man die „Autoemanzipation" und dann die Eröffnungsrede der Kattowitzer Konferenz liest, man im Tone die Resignation herausklingen hört. In der Kattowitzer Schlußrede sagte Pinsker, die Stiftung solle zwei jüdische Erbsünden ausmerzen, die Sünde der Vernachlässigung der Muskelarbeit und die Verleugnung unserer historischen und ethnologischen Solidarität. Ich finde, das ist für Pinsker etwas wenig. Ja, Pinsker hat kluge Resignation geübt, — wer weiß, wie sehr er darunter gelitten hat. Die Bewegung erreichte nicht die nötige Schwungkraft. Die Kolonien waren nun einmal in stürmischer Eile gegründet. Das Elend der russischen Juden nahm eine Gestalt an, daß etwas geschehen mußte. So zog er sich von seinem politischen Ideal drauf zurück, - wenigstens keine neuen Kolonien ohne rechtliche Sicherung zu gründen, aber er lehnte es auch nicht ab, die alten über Wasser zu halten. Er suchte der Forderung des Tages mit den Mitteln des Tages gerecht zu werden. Es ist an dieser Stelle nicht nötig zu zeigen, wie weit die Mittel des politischen Zionismus diesen Tendenzen überlegen sind; aber die Kenntnis dieser Mittel war Pinsker nicht fremd. Die Kattowitzer Konferenz hielt an diesen politischen Ideen zum Teil noch fest, aber selbst die Frucht der unterstützenden Tätigkeit, die hier eingeleitet wurde, nämlich der Fortbestand der Kolonien, ist für die Entstehung und Entwicklung des Herzischen Zionismus unentbehrlich geworden. Nicht Mangel an staatsmännischer Einsicht war es, der Pinsker den scharfen Blick für die politische Methode geraubt hätte; im Gegenteil, er wußte sich zu einer Zeit, wo ein theoretisches Festhalten an der politischen Methode, ein prinzipielles Nichtstun die gesamte Zionsbewegung zugrunde gerichtet hätte, den freien Blick für die Möglichkeiten der Gegenwart zu wahren. So gelangte er zwar auf einen Weg, der nicht zum Ziele führen konnte, aber erstens rettete er damit die Zionsbewegung, und zweitens rettete er die Grundlagen, auf denen sich der wahre politische Zionismus aufbauen konnte, der dann seinerseits zum Ziele führen soll. Das begriffen manche Juden nicht, damals wie heute. Rahmer bespöttelte die Methode und gab gute Ratschläge. Auch von jüdisch-nationaler Seite wurden die kleinen Mittelchen ironisiert, das Sammeln durch Simchas- Thora-Spenden, Jom-Kippur-Büchsen und Verkauf von Montefiorebildern; man müsse nach dem Muster der Spanier und Portugiesen Kolonien errichten. Aber abgesehen davon, daß auch unser heutiger politischer Zionismus mit gutem Recht auf jene kleinen Mittelchen zur Ansammlung eines Nationalfonds nicht verzichtet hat, und daß er von der Schaffung des größern Mittels, — der Schaffung einer Kreditbasis, — noch ziemlich weit entfernt ist, so darf nicht vergessen werden, daß die Spanier und Portugiesen Abenteurer waren, während unsere Pioniere Idealisten waren, daß sie Mut und Mittel zu Mord und Totschlag besaßen, die den Golusjuden abgingen, und daß ihnen nicht der Tod auf den Fersen saß, wie den russischen Flüchtlingen. Als kleine Philanthropie hat man der Kattowitzer Konferenz die Unterstützung von Pethach Thikwah aus-