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Die Welt · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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und durch national und faßten die Kolonisation nicht anders denn als Mittel zur Erreichung des nationalen Endzieles auf. Und geht nicht auch unser heutiger politisch-nationaler Zionismus auf eine Broschüre Herzls zurück, deren Beweisführung sich auf die Unausrottbarkeit der Abneigung gegen die Juden aufbaute? Ist nicht auch der Nationalismus des preußischen und des deutschen Volkes gerade durch seine Erniedrigung groß geworden? Mit Recht schrieb Nordau 1902: „Bei den meisten Zionisten war der Antisemitismus nur eine Nötigung über ihr Verhältnis zu den Völkern nachzudenken, und ihr Nachdenken hat sie zu Ergebnissen geführt, die ihr dauernder Geistes- und Gemütsbesitz bleiben würden, auch wenn der Antisemitismus gänzlich aus der Welt verschwände." Wichtiger erscheint mir, daran zu erinnern, daß die gesamte jahrzehntelange zionistische Agitation in Rußland vor der Kattowitzer Konferenz rein nationalen Charakter trug, ja, daß sie national war, ehe sie überhaupt zionistisch war. Wenn Ben JehudaimHaschachar,— wie übrigens ähnlich auch Pinsker und Lilienblum, — durch die Selbständigmachung der kleinen, den Juden gegenüber minderwertigen Balkanvölker infolge des Türkenkrieges von 1878 zu Betrachtungen über die Befreiung Israels angeregt wurde, wie sollten solche Betrachtungen andern als nationalen Inhalt haben? Lange bevor von einer politischen Wiedergeburt Israels die Rede war, predigte David Gordon das jüdische Nationalgefühl und entfaltete Smolenskin im Haschachar von 1869 bis zu den Tagen der Kattowitzer Konferenz, also nahezu 20 Jahre eine glühende, begeisternde und erfolgreiche Agitation für das jüdische Nationalgefühl. Er wie Lilienblum verlangten in erster Linie die Wahrung unserer historischen und geistigen Güter und kamen zur Forderung eines Territoriums erst in zweiter Linie, weil ihnen ohne ein eigenes Territorium die geistige Wiedergeburt der Juden undenkbar schien. Und all das war vor der Entstehung des Antisemitismus in Deutschland und lange vor den Pogromen in Rußland. Dabei war cfer Einfluß der Agitation auf die Jugend ein gewaltiger. Dann aber kam die Zeit, in der der Antisemitismus Stöckers und Treitschkes auf Rußland übergriff und hier in russische Formen übersetzt wurde, in der 1881 die Pogrome von Odessa, Elisabethgrad und Kiew ausbrachen, als die berüchtigten Ignatiewschen Gesetze erlassen wurden, als die russische Regierung durch den Staatsanwalt erklären ließ, sie betrachte die Pogrome als den Ausdruck des Protestes des russischen Volkes, und es stehe den Juden, die mit den Verhältnissen unzufrieden seien, die Westgrenze offen. Jetzt setzte die Agitation in verstärktem Maße ein, der Hameliz, der Haschachar, der Raswjet entfalteten besondern Eifer, und nun ging die Saat der Smolenskin und Gordon mächtig auf. Wie konnte die also präparierte Jugend in der Zionsidee etwas anderes erblicken als das Mittel zur Wiedererwerbung der alten Volksheimat? Niemand wird bei jenen Pionieren, die unter den schlechtesten Auspizien voll Begeisterung nach Palästina auswanderten, bei jenen Studenten, die einer völlig unsichern Zukunft beherzt entgegenzogen, einen andern Gedankengang als den konsequent nationalen annehmen wollen. Auch die deutschen Choveve Zion waren keine Philanthropen im anationalen Sinne des Wortes. Rülfs prächtige Broschüre Aruchas bas ammi erhebt in deutlichster Form das Panier des jüdischen Nationalismus, in dessen Namen er die Schaffung der neuen Volksheimat fordert; erst in zweiter Linie sieht er in ihr ein Asyl für die Flüchtlinge. Ja, selbst der Aufruf der Kattowitzer Bne brith von 1882 spricht von der „Heimat für Juda" und von der Aufgabe, „die hochheilige nationale Idee zu fördern". Auch die Gegner der Kattowitzer Konferenz waren sich über den nationalen Charakter der Sache völlig im klaren. Rahmer hebt in der Israelitischen Wochenschrift ausdrücklich hervor, daß sie, die liberalen deutschen Juden, in dem Kolonisationswerk nichts weiter als ein Werk reiner Philanthropie erblicken wollten. Gleichwohl verstattet er einem echten Chovev Zion in seinem Blatte das Wort, der von entschwundenen Möglichkeiten zur Wiedererwerbung des Landes Israels spricht; dieses Ziel habe vielleicht auch Disraeli vorgeschwebt, als er eine Besiedlung des Ostjordanlandes mit Juden plante. Er mahnt, mit den zurzeit möglichen Mitteln die kleinen Vorbereitungen zu treffen, um zu geeigneter Stunde auch die großen Schritte tun zu können, die dann zur Wiedererwerbung des Landes führen können. Wohin wir auch schauen mögen, ob auf die große Volksbewegung oder auf das Wirken einzelner Männer, ob in die epochemachenden Schriften oder in einzelne Artikel und Aufrufe, überall gilt in den Entstehungsjahren der zionistischen Bewegung das Ideal, die nationale Bewegung mit allen, besonders mit kolonisatorischen Mitteln zum Ziele zu führen, zur Wiederaufrichtung des jüdischen Gerneinwesens. Weit häufiger aber als der eben behandelte Vorwurf ist ein anderer, der zum dauernden Rüstzeug aller Gegner praktischer Arbeit in Palästina gehörte und wohl noch heute gehört: die Choveve Zion suchten ihr Ziel nur mit wirtschaftlichen, nicht aber mit politischen Mitteln zu erreichen, ihre Bewegung sei daher nicht, wie der moderne Zionismus, von jeher eine politische gewesen. Sie hätten alles von der Entwicklung der Kleinkolonisation erwartet und hätten eben diese Kleinkolonisation ohne vorherige Schaffung rechtlicher Garantien betrieben. Auch hier wird eine Sünde, die die Choveve Zion lange und oft begangen haben, zu Unrecht der gesamten Idee zur Last gelegt und für die gesamte Tätigkeit der Choveve Zion verallgemeinert. Es wird leicht zu zeigen sein, daß die Männer von Kattowitz von solchem Gedankengange weit entfernt waren, ja, daß ihr Standpunkt im wesentlichen kein anderer war als der des Herzischen Zionismus. Denn so und nicht anders sah es in den Köpfen der Initiatoren der Zionsidee a^us. Pinsker verlangte schon in seiner Broschüre jenen gesamten, vom Herzischen Zionismus in Funktion gesetzten Apparat einer politischen Bewegung, den Kongreß, die großkapitalistische Aktiengesellschaft, die Weltorganisation, die Verhandlungen mit der türkischen Regierung. Es war dies nicht einmal ein sehr fernliegender Gedanke; hatte doch selbst Rabbiner Kalischer schon ähnliches verlangt. Wir sollten nicht vergessen, daß die Erstrebung von Verhandlungen mit der Hohen Pforte einen Punkt der Kattowitzer Beschlüsse bildete. Man strebte nach einer rechtlichen Sicherung der Kolonisation, wenn man sie allerdings auch nicht erreichte. Es war zweifellos der Plan Pinskers,

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