Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 48 DIEMELT v 1053 keit und Nützlichkeit. Er muß sein wie das Judentum, groß, unzerstörbar, unbekümmert um die Hemmnisse und Schwierigkeiten. Im Judentum hat der Zionismus seine Wurzeln, und aus ihm saugt er seine Kraft. Daher ist auch unser Kongreß ein Appell an das ganze jüdische Volk. Wir und die andern Juden haben in der ersten Zeit viel und scharf polemisiert. Vielleicht meinten es die andern gut mit ihren Einwendungen — sie kannten uns noch nicht. Und vielleicht haben wir auch in der Hitze des Kampfes zu den Antizionisten solche gezählt, die es. sicherlich nicht sind. Daraus sind Reibungen und Vorurteile entstanden, die jeder Kongreß durch die Verkündigung unserer Bestrebungen beseitigen kann. Das ist keine leichte Arbeit. So gewiß es ist, daß die Folgezeit immer streben muß, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit gut zu machen, ebenso wahr und gewiß ist es auch, daß, wenn Ungerechtigkeiten einmal eine Reihe von Jahren hindurch bestanden und sich in mannigfaltige Verhältnisse fest verwebt haben, es bei weitem nicht immer leicht ist, den alten, reinen Zustand unmittelbar herbeizuführen, und daß ein nicht von' gehöriger Vorsicht geleitetes Bemühen wohl ein Unrecht einem andern entgegen-, nicht leicht aber das Recht an die Stelle des Unrechts setzen kann. Aber was an uns liegt, soll geschehen. Wir treten mit unserm Neunten zionistischen Kongreß an die Juden Deutschlands heran. Wir wollten schon den ersten Kongreß in Deutschland abhalten; die jüdische Gemeinde München verschloß sich uns. Zwölf Jahre sind' verflossen und nun haben wir unsere Zentrale in Deutschland und unser Kongreß wird jetzt in Deutschland tagen. Wrar der Zionismus eine Utopie? Vollzieht er nicht einen Siegeslauf? Ist nicht das Judentum gestärkt und manche große jüdische Organisation vom Zionismus beeinflußt worden? Ist es nicht Zeit, daß wir unter der halben Million Juden in Deutschland nicht 7000 Schekelzahler haben, sondern daß jeder Jude sich dem großen jüdischen Ideal anschließe? Wieviel Antizionisten sind denn eigentlich vorhanden? Die meisten Juden sind ja nur indifferent. Sie mögen kommen, denn es ist nie zu spät, sich einer guten Sache anzuschließen. Wenn sie ohne Voreingenommenheit unsere Arbeit verfolgen werden, dann müssen sie einsehen, welchen Wert der Zionismus für das Qesarntjudentum darstellt. Das Volksgefühl, welches wir wecken, ist ein Ansporn für die Wrahrung unserer teuersten Qüter. Mit Unrecht halten dies manche für etwas Profanes. Ist doch unser Volksgefühl ein tiefreligiöses Moment in der edelsten Bedeutung dieses Wortes. Es liegt in der Art, wie die Natur Individuen in Nationen vereinigt und das Menschengeschlecht in Nationen absondert, ein überaus tiefes und geheimnisvolles Mittel, den einzelnen,.der für sich nichts ist, und das Geschlecht, das nur im einzelnen gilt, in dem wahren Wege verhältnismäßiger und allmählicher Kraftentwicklung zu erhalten. Und gibt es ein größeres Verdienst, als durch einen hinreißenden historischen Schwung die lebendige Flamme des Judentums anzufachen? Wer vermöchte zu leugnen, daß es eine wahrhaft große Sache ist, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Nation und ihre Traditionen zu überwinden und das gesunde Gefühl der Zugehörigkeit, des Anteils, ja derLiebe undTreue zum eigenen Volke kräftig zu fördern? Das ist die Bedeutung des zionistischen Kongresses vom Standpunkte des Judentums. N. S. Die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Zionismus Von Dr. Aron Sandler, Breslau (Fortsetzung) Daß Moses Heß und Hirsch Kalischer den zionistischen Gedanken nie anders als in konsequent nationalen Formen gedacht haben, lehrt einfach die Lektüre ihrer Schriften. Ebensowenig läßt Pinskers „Autoemanzipation" einen Zweifel daran aufkommen, — ich darf mir wohl den nähren Beweis ersparen, — daß dem Verfasser etwas anderes als die Rettung und Seßhaftmachung der russischen und rumänischen Flüchtlinge vorschwebte. Ich bedauere, daß mir hier die Zeit nicht erlaubt, das Andenken dieses Mannes durch eine eingehende Darstellung seines Lebens, Schaffens und Leidens zu ehren, des Mannes, dem diese Feier in erster Linie gelten müßte, weil er vor und in Kattowitz die Seele des Ganzen, die eigentliche treibende Kraft war. Daß ihm, der aus dem Lager der Assimilanten kam und zum glühendsten Zionskünder seiner Zeit wurde, nichts als die nationale Wiedergeburt seines Volkes in Palästina als das Endziel vorschwebte, wird jedem «Leser der „Autoemanzipation" eine Selbstverständlichkeit sein. Aber war dieses Ziel für ihn das Resultat einer vernünftigen Überlegung? Oder war er von vornherein ein Nationaljude, den der Wunsch, die jüdische Volksindividualität und die Dauerwerte der jüdischen Kultur in eine gesicherte Zukunft hinüberzuretten, auch dann für die Zionsidee begeistert hätte, wenn keine zwingenden äußern Gründe ihn zur Erspähung eines Asyls für sein gequältes Volk veranlaßt hätten? Fast wäre man nach seiner Schrift geneigt, sich für das erstere zu entscheiden. Da hören wir von Achad Haam, der 1892 im Jahrbuch Pardes über Pinsker schrieb, daß dieser Mann, der schließlich der jüdischen Welt nur noch als ein Mann der Tat bekannt war, dessen innere Psyche aber nur wenige kannten, in erster Linie Nationaljude war, ein Freund seines Volkes, und daß erst aus dieser Freundschaft der Gedanke der Autoemanzipation emporwuchs, zunächst noch ohne irgendwelche Beziehung auf Palästina, — wenn er auch in seiner Broschüre einen andern logischem Gedankengang verwendete. In seinen letzten Lebenstagen, als er an dem Gelingen des Werkes in Palästina verzweifeln zu müssen glaubte, da es mit den Kolonien anscheinend abwärts ging, da mahnte er: für den Fall, daß man gezwungen sein würde, die jüdische Kolonisation in einem andern Lande zu versuchen, die Bestrebungen zur Schaffung eines geistigen nationalen Zentrums der Juden in Palästina energisch fortzusetzen. Es wäre ja auch verkehrt gewesen, aus der Beweisführung Pinskers, die sich auf die Ewigkeit des Antisemitismus als einer unausrottbaren hereditären Psychose stützt, den Schluß zu ziehen, seine Idee ermangele aller nationalen Wurzeln. Und wäre es selbst der Fall gewesen, so hätte sich diese Bewegung sehr rasch mit nationalem Geiste imprägnieren müssen, der jahrzehntelang von einzelnen Männern in der russischen Judenheit systematisch gezüchtet und gepflegt worden war. Tatsächlich empfanden zu jener Zeit nicht nur Männer, die aus dem Lager der Assimilanten in das der Choveve Zion übergingen, sondern selbst ehemalige Nihilisten durch 2