Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Hälfte des vorigen Jahrhunderts galten in Deutschland, in dieser Wiege der Reform und des fortschrittlich-liberalen Judentums, der „Tempel" und die „Kultusgemeinde" als die einzigen Verkörperungen des jüdischen Geistes. Aber die Weiterentwicklung und die reichere Erfahrung haben dem Glauben an die allvermögende Kraft dieser Formen den Stempel der Einfalt aufgedrückt. Das Judentum wäre schon lange in den ewigen Schlaf eingelullt worden, würden unternehmerische rege Geister nicht an jene alten, unbedingt bedeutungsvollen und notwendigen Ringe noch neue Ringe anreihen. So entstand die Wissenschaft des Judentums, die einerseits im engen Gelehrtenkreis das jüdische Wissen vertiefte und anderseits den Weg zur Popularisierung desselben im Volke anbahnte. Es entstand eine Literatur, eine Presse, eine Organisation für populäre Vorträge und dergleichen. In dieser Beziehung stand die strenggläubige Richtung der fortschrittlich-liberalen nicht nach. Es muß hervorgehoben werden, daß auch die strenggläubige Richtung mit rühmenswertem Eifer sich aller modernen Kulturmittel bedient. Die Einsicht, daß immer neue Mittel geschaffen werden müssen, um das Alte zu erhalten, ist überall durchgedrungen. Es wäre hier nicht angebracht, über die einzelnen Mittel, deren Wert und deren Ergebnisse ein Urteil zu fällen. Was hier für unser Thema von Belang ist, das ist die Feststellung, daß sämtliche Richtungen im Judentum, die etwas wollen, immer Neues schaffen müssen, wie der Fruchtbaum, solange er lebt, Früchte tragen muß. Wenn der außenstehende Jude, der den eigentlichen Zwecken des Zionismus kalt und ablehnend gegenübersteht, den Zionismus nur unter dem allgemein-jüdischen Gesichtswinkel betrachtet, so kann er auch schon Grund genug finden, sich für diese großartige jüdische Bewegung zu begeistern. Der Zionismus ist eine lebenspendende Kraft für das Judentum vieler, — muß sich auch ein außenstehender Beobachter sagen. Es ist kein Zufall und keine Spielerei, — muß er sich ferner sag£n, — daß Juden aus so verschiedenen und fernen Ländern weite anstrengende und kostspielige Reisen machen, um sich zu versammeln und über die Lebensinteressen der Nation zu verhandeln. Ein-, zweimal mochte man dies vielleicht für eine Phantasie halten, aber bei anhaltender Fortdauer beginnt doch diese Erscheinung auch den Nichtbeteiligten Achtung zu gebieten und Vertrauen einzuflößen. Der zionistische Kongreß ist als eine neue weckende und belebende Kraft in die Reihe der belebenden Kräfte des Judentums getreten. Es ist dies, ganz abgesehen von dem eigentlichen Zweck, eine jüdische Veranstaltung, wie sie ihresgleichen in der Geschichte unseres Volkes nicht hat. Sie löst sittliche Kräfte aus, die der jüdischen Gesamtheit zugute kommen. Jüdischer gehen die Juden aus dieser Versammlung heraus, wie auch menschlicher die Menschen. Sie werden aus dem Alltagsleben gerissen und in höhere Regionen des Ideals erhoben. Die Außenstehenden müssen uns, wrenn sie das richtige Verständnis haben, um diese Erhebung beneiden; wenigstens müssen sie dies vom allgemein-jüdischen Standpunkt mit der größten Sympathie begrüßen. Eine Ausnahme können darin nur jene bilden, die überhaupt gegen die Belebung des Judentums eingenommen sind. Diese bilden den eigentlichen Kern der sogenannten Assimilantenpartei, die uns so feindlich gegenübersteht. Alles beim alten lassen, das ist die Parole. Das ist das eigentliche Programm eines Teiles der Assimilanten in Deutschland und sämtlicher Assimilanten in Frankreich, England, Amerika, wie auch in den slavischen Ländern und in jenen Kreisen der orientalischen Juden, die einer solchen Assimilation huldigen und überhaupt für das Judentum nichts unternehmen wollen. Diese Kreise müssen den zionistischen Kongreß als das Zeichen einer Reaktion verurteilen. Selbstverständlich, wenn man das Judentum als etwas betrachtet, das dazu verurteilt ist, ins Nichts zurückzukehren; wenn man sich auf den Standpunkt derjenigen stellt, die da sagen: Schade, daß unsere Großväter nicht aufgehört haben, Juden zu sein. Wenn man das Judentum weder kennt noch liebt, so ist es natürlich, daß man jede Maßnahme und jede Neuerung zum Zwecke der Belebung und Sicherung seines Daseins als etwas Rückschrittliches brandmarken muß. Aber in diesem Falle steht man dem Judentum ebenso feindlich gegenüber, wie dem Zionismus. Vom jüdischen Standpunkt hingegen stellt sich die Sache ganz anders dar. Rückschritt ist das Streben nach Selbstvernichtung, nach Stillstand, »Mangel an Begeisterung und Bemühungen zum Zweck der Erhaltung der eignen Existenz. Fortschritt hingegen ist alles, was den Inhalt des Judentums belebt, befruchtet, entwickelt und veredelt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist der Zionismus ein großer Fortschritt jüdischer Kräfte und der Kongreß — ein mächtiges Weckmittel jüdischen Bewußtseins. Noblesse oblige. Der Kongreß muß sich seiner hohen Aufgabe dem allgemeinen Judentum gegenüber voll bewußt sein. Er tagt nicht nur für uns Zionisten, er tagt auch für das gesamte jüdische Volk. Seine Tribüne ist die Tribüne des jüdischen Volkes. Die Worte, die von ihm ausgehen, müssen in das Volk hinausflattern, neue Geister wecken und neue Herzen gewinnen. Wollen wir hoffen, daß dies dem bevorstehenden IX. Kongreß in einem noch höhern Maße gelingen wird, als den frühern. Wir müssen unser Streben darauf richten, das ganze jüdische Volk zu gewinnen. Das ist und bleibt unser ceterum censeo. Der Kongreß verdeutlicht die jüdische Zusammengehörigkeit. Landsmannschaften, Föderationen sind nur innere Schattierungen. Wir müssen den oft verschobenen richtigen Gesichtspunkt betonen, daß wir den großen Aufgaben unserer Organisation gegenüber ganz einig sind. Die berechtigten Sonderinteressen können nur bei den diese Interessen berührenden speziellen Fragen zur Geltung kommen; wohingegen die allgemeinen Fragen der Idee, der Arbeit, der Organisation in den Vordergrund treten, können keine vereinzelte Tendenzen hinüberspielen und den Blick für das Allgemeine trüben. Nur wenn wir einig sind, können wir auch stark sein, und stark müssen wir sein, um, wenn wir auch manchen Prüfungen ausgesetzt werden, das notwendige Selbstgefühl zu nähren und unserer Nationalentwicklung ruhig und ungestört nachzugehen. Viel werden wir über Einrichtungen diskutieren, aber wir müssen immer festhalten, daß der Geist, welcher eine Einrichtung gründet, immerfort notwendig ist, sie zu erhalten. Der Zionismus muß naturwüchsig sein, aus Zeit, Umständen, Nationalcharakter mit eisernem Zwange unabweisbar sich ergeben, ein historisch gewordenes Gebilde, nicht eine Schöpfung der Reflexion, nicht bloß aus Gründen der Zweckmäßig-