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Die Welt · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRO. KÖLN, 26. November 1909 pnr6 ND'Wn No. 48. UNSERE KONGRESSE VOM STANDPUNKTE DES JUDENTUMS Die Kunst, immer neue Mittel und Kräfte zu erzeugen, die für die Selbsterhaltung notwendig sind, ist ein sicherer Gradmesser der Lebensfähigkeit, sowohl bei jedem körperlichen wie geistigen Einzel- oder Gesamtwesen. Je größer die Gewandtheit, Selbstschutz und Entwicklungsmittel zu schaffen, je tiefer und reicher die Quelle, aus der die verschiedenartigsten Neueinrichtungen fließen, die zur Festigung des Bestehens dienen oder zu einem neuen Aufschwung beitragen, desto ausschlaggebender ist der Beweis, daß das betreffende Wesen mit großer Kraft ausgestattet ist. Denn mit der Wandlung der Zeit- und Ortsverhältnisse können die Waffen im Kampf ums Dasein weder im alten Umfang, noch in der alten Gestalt weiterausreichen. Die neuen Bedürfnisse, Ansichten und Stimmungen gestatten es nicht denjenigen, die um die Erhaltung irgendeiner Gesamtheit besorgt sind, sich im Gehäuse herkömmlicher Formen ganz einzuschließen. Was für ein früheres Geschlecht hinreichend war, ist kaum für die Kinder einer neuen Zeit zulänglich. Wir sehen deshalb, daß, wo immer ein gesunder Bestand, ein vom Selbsterhaltungstrieb' durchdrungenes Wesen vorhanden ist, sich in der Regel dessen Leben in einer unendlichen Kette neuer Einrichtungen äußert, neuer und immer vollkommenerer Betätigungsformen, die in ihrer Gesamtheit ein Zeugnis davon ablegen, daß das betreffende Wesen eine unversiegliche Quelle von Kraft und Energie, von Lebensdrang und Daseinsfreude enthält. Wenn hingegen ein Wesen nur etwas Überlebtes und innerlich überwundenes ist, und sich nur dank dem Trägheitsgesetz in verkümmerter Gestalt zu erhalten vermag, so stellt sich bei ihm die schöpferische Erfindungskraft bezüglich neuer Mittel und Formen als eine ausgetrocknete Quelle dar. Es ist dies eine Mumie, die bei entsprechender Anwendung der erforderlichen Mittel in ihrer alten Gestalt erhalten werden mag, bei der jedoch von einem Keimen neuer Lebensformen gar nicht die Rede sein kann. Aber auch dieser Vergleich hinkt, weil er nicht den ganzen Gedanken zum Ausdruck bringt. Es genügt nicht, mehr als eine Mumie zu sein, um Lebenskraft zu betätigen; auch gewisse Lebensspuren genügen noch bei weitem nicht. Man muß auch leben wollen, man muß auch danach streben, sein Dasein zu sichern und zu entwickeln. Man muß Begeisterung, innere Genugtuung und Anhänglichkeit zu diesem Dasein empfinden, um es erhalten und beschützen zu können. Mit zuversichtlicher Sicherheit können wir vermittels dieses Gradmessers die Stufe der Leistungsfähigkeit der verschiedensten Teile des Judentums feststellen. Dank diesen untrüglichen Zeichen können wir bestimmen, wo und in welchen Kreisen das Judentum mit vollem Leben pulsiert, und wo es hingegen nur ein trübes, äußerliches und gewohnheitsmäßiges Dasein fristet. Überall, wo das Leben des Judentums in immer neuen Verkörperungen, in immer neuen Kulturfaktoren, die dem Zeitgeist entsprechen, in Erscheinung tritt, ist es gesund. Wo wir hingegen anstatt eines solchen lebendigen Entwicklungsstroms Stillstand sehen, wo der öden Dürre kein grüner Grashalm entsproßt, dort ist das innere Leben erschöpft, fade, verglimmend und hoffnungslos. Wir wollen nicht einseitig sein. Das moderne Judentum bot in gewissen Epochen in seiner Gesamtheit dem Blick des denkenden Beobachters das Bild einer Reihe von Formen, in denen eine verborgene Lebenskraft mächtig zu arbeiten schien. Es ist gleichviel, ob man mit der einen oder andern Einrichtung einverstanden ist oder nicht; auf alle Fälle läßt es sich nicht bestreiten, daß die Vielheit dieser Mittel, der emsige Eifer bei deren Schaffen, und bei deren unaufhörlichen Entfaltung die Lebenskraft des ihnen zugrunde liegenden Gedankens mit großer Klarheit beweisen. Ob es Rabbiner- oder Lehrerseminare sind, Bibliotheken oder Lesehallen, periodische Zeitschriften oder Gesellschaften zur Sammlung des Gesichtsstoffes, die jüdischen Zwecken dienen, — all diese Einrichtungen und Veranstaltungen sind insgesamt zweifellos ein Lebenspuls, ein Zeugnis des Daseinswillens, ein Zeichen der Erkenntnis, daß die alten Mittel für die sichere Dauer des Judentums im Wirbel neuer Wandlungen und neuer geistiger Bedürfnisse keine genügende Gewähr bieten. In der ersten l {

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