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Die Welt · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 47 DIE3^ELT 1039 die Gemeinde schulde ihr 2000 Franken. Die Vermittlungsversuche des Großrabbiners von Beirut blieben erfolglos, da der Direktor sofortige Zahlung der Schuld zur Bedingung des Wiedereintritts der Schüler machte. Man denkt deshalb daran, in Beirut eine Talmud Tora zu errichten, für deren Erbauung ein Mitglied der Gemeinde 8000 Franken zur Verfügung stellte. In Serres ist eine neue Schule errichtet worden, deren Bau an 26 000 Mark kostete;' Es verdient hervorgehoben zu werden, daß fast der ganze Betraf durch eigne Anstrengungen der Gemeinde unter rührigster Mitwirkung der jüdischen Jugend aufgebracht wurde: In unmittelbarer Nähe von Salonik, bei 'Katherina, wurden Kaufleute, unter ihnen der Jude Haim Eljakim, von Räubern überfallen und entführt. Die Absicht der Räuber war, von den Familien der Gefangenen Lösegelder zu erpressen. Wie nun mitgeteilt wird, sind die Kaufleute von dem ausgesandten Militär glücklich befreit worden. Das Blatt „Imparcial" in Salonik wurde wegen einer Serie zionistenfeindlicher und gegen den hebräischen Kindergarten des Hilfsvereins gerichteter Artikel boykottiert und hat in der Folge seine allzu assimilatorische Haltung geändert. Die „Buena Esperanza" in Smyrna, die eine Zeitlang ihr Erscheinen eingestellt hatte, hat ihre Publikation wieder aufgenommen. Aus Palästina Ein bedauernswerter Vorfall hat sich am sogenannten Grabe Abrahams zugetragen. Der alte Brauch verbietet den Nichtmohammedanern streng, über die fünf ersten Stufen des Mausoleums hinauszugehen. Ein jüdischer Pilger betrat aus Versehen eine Stufe mehr und wurde von den Wächtern infolgedessen so grausam zugerichtet, daß er an den Folgen der Alißhandlung starb. Der Leichnam des Erschlagenen ist nicht aufgefunden worden. Der Polizeichef von Jerusalem hat eine Untersuchung eingeleitet und bereits mehrere Personen dem Verhör unterworfen. Der Untergang Saronas Der „Osmanische Lloyd" empfängt von seinem Jaffaer Korrespondenten unterm 2. November folgenden interessanten Brief: Unsere älteste und blühendste Kolonie Sarona, welche einen Wert von zwei Millionen darstellt, ist schwer bedroht. Um das tatkräftige Interesse weiterer deutscher Kreise zu erwecken, halte ich es für geboten, verschiedene Gründe hierfür ins Auge zu fassen und klarzulegen. Auf seiner Palästinareise war unser Kaiser entzückt über die herrliche Lage des Dörfchens. Beim Empfang der deutschen Ansiedler in Sarona gab er seinem Erstaunen Ausdruck. Er habe nicht geglaubt, ein solch echt schwäbisches Dorf in fremdem Lande anzutreffen. Der Kaiser und die Kaiserin freuten sich sichtlich, ein solch kerniges kleines Stämmchen unverfälschten Deutschtums vor Augen zu haben. Nahezu vierzig Jahre hielt sich das schmucke Dörflein isoliert von fremden Einflüssen und trotzte erfolgreich allen anstürmenden Gewalten. Durch die massenhaften Einwanderungen besonders russischer Juden, welche immer mehr in der Umgegend Jaffas festen Fuß zu fassen suchen und zum Teil mit sehr reichlichen Geldmitteln versehen sind, ist der Bodenpreis geradezu ins Riesenhafte gestiegen. Wer für den Morgen Ackerland 50—60 Napoleons bezahlt, muß schon einen recht kräftigen materiellen Rückhalt haben, um nur so viel Land zu erwerben, daß der Betrieb lohnend ist, denn hier muß der Boden jahrelang sehr gut gepflegt werden, um gute Ernteaussichten zu gewähren. Es steht daher für jeden Kenner der Verhältnisse unbestreitbar fest, daß diese überaus anormale Preissteigerung zu keinem guten Ende führen kann. Bares Geld ist aber in unserer Zeit für deutsche Ansiedler schwer zu erhalten oder doch nur zu sehr großem Zinsfuß. Daher war ein weiterer Zuwachs an Landgütern für Sarona ausgeschlossen. Deshalb war die vollständige Einkreisung des Saroner Bezirkes unmöglich zu verhindern. Die aufwachsende Jugend fand daher trotz ihrer sehr bescheidenen Lebensweise nicht mehr genügend Bebauungsland vor. Sie mußte sich in andern neuangekauften Kolonien abseits der alten heimatlichen Scholle niederlassen. Zur wirtschaftlichen Hebung eines ganz verwilderten und abgewirtschafteten Landes ist aber im Anfang sehr viel Kapital nötig. Die Erben des väterlichen Gutes sind deshalb naturgemäß gezwungen, ihr Erbteil in barem Gelde zu fordern, um ihre eigenen Bedürfnisse decken zu können. Äußerst günstige Verkaufsbedingungen reizen nun manche zum Aufgeben ihrer Wirtschaft und zur völligen Auswanderung in gesündere Länder. Die Gemeinde Sarona ist aber nicht kapitalkräftig genug, um die in Frage kommenden Güter im Ernstfalle für sich zu übernehmen. Es gibt eben Verhältnisse, welche stärker sind als der gute Wille. Das Hemd steht uns näher als der Rock. Werden die Beteiligten unter dem Drucke der günstigen Angebote gezwungen, zu verkaufen, dann ist gar bald die ganze Kolonie in fremden Händen. Wird erst eine Bresche in die festgefügte Mauer deutschen Gemeinsinnes gelegt, so fallen immer mehr Teile nach. Den übrigen alten Ansiedlern wird der fremde Teil bald zu mächtig, und auch sie wenden der ans Herz gewachsenen Scholle den Rücken. Das Deutschtum hat dann im Auslande einen angesehenen Stützpunkt deutscher Kultur für immer verloren. Ich habe die Überzeugung, daß, wenn es möglich wäre, nur auf einige Jahre genügende Barmittel zu annehmbarem Zinsfuß zu bekommen, diese Krisis sicher überwunden werden könnte. Der fremde Zuzug ist für das arme Palästina eine große Belastung. Auch die Hilfsmittel der jüdischen Einwanderer schmelzen schließlich zusammen. Müssen sie doch in den Städten im Kampf ums tägliche Brot ihren eigenen Gesinnungsgenossen starke Konkurrenz machen. Vorläufig aber ist der wirtschaftliche Druck noch so groß, daß manch a ter deutscher Pionier den Kopf bedenklich schüttelt und fragt: „Wo wird das enden?" Persönlich ist den deutschen Kolonisten sicherlich nichts daran gelegen, zu verhindern, daß das jüdische Volk alte Heimstätten wieder zu erwerben sucht. Ebensowenig ist es aber dem deutschen Kulturträger zu verdenken, wenn er den sauer erworbenen Stützpunkt mit allen Mitteln sich zu erhalten sucht. Kleine Nachrichten Die Tulmud-Tora-Schule in Monastir wurde aufgelöst und die 300 Kinder derselben in die dortige Allianceschule überführt. Die Alliance mußte jedoch der Gemeinde das formelle Versprechen geben, dem Hebräischen im Schulplan breiten Raum zu gewähren. Bekanntlich beabsichtigen die Juden von Salonik eine jüdische „Banque populaire" zu gründen. Herr Mussa Schinavi von New York hat nun 50 000 Franken für diese Bank gezeichnet. Der „Carmel'\ die bekannte antijüdische Zeitung in arabischer Sprache in Beirut, hat ihr Erscheinen einstellen müssen. Neue Gesetzesprojekte Wie der ,,Osmanische Lloyd" meldet, werden der kommenden Sonntag zusammentretenden Kammer Gesetzesprojekte über die Nationalitäten, über das Schulwesen, über den Grundbesitz und -ein Entwurf über ein neues bürgerliches Gesetzbuch zugehen. Brief aus Saloniki (Von unserm Berichterstatter) Wie ich in meinem vorigen Briefe mitgeteilt habe, beschlossen der hiesige Gemeindevorstand und das Komitee des hebräischen Kindergartens,. hier ein jüdisches Gymnasium zu gründen, dessen Kosten der Hilfsverein und die Gemeinde zu gleichen Teilen tragen werden. In diesem Institut sollen als Hauptsprachen das Hebräische und Türkische unterrichtet werden, während Deutsch und Englisch erst in den höhern Klassen unterrichtet werden wird. Die Anstalt soll zunächst mit zwei Klassen eröffnet werden, in die die Absolventen des Kindergartens aufgenommen werden. Für diese zwei Abteilungen, von denen die eine dem Unterricht der Knaben, die andere dem der Mädchen dient, soll noch im Laufe dieses Monats ein Lehrer des Hebräischen aus Jerusalem angestellt werden, und ganz allmählich wird dieses geplante Institut vergrößert werden können und der Gemeinde Ehre und Nutzen bringen. . Infolge der Art des geplanten Unterrichts werden die Zöglinge des Kindergartens die hebräische Sprache dauernd als Muttersprache behalten. Dabei werden sie nicht nur nicht weniger, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutend gebildeter sein als die Zöglinge der Allianceschulen. Außerdem werden sie ebenso echte treue Juden wie Ottomanen sein, was bei den Allianceschülern leider nicht der Fall ist. Ferner wurde beschlossen, drei Saloniker Jünglinge, die die hebräische Sprache beherrschen, nach Jerusalem zu schicken, um sie in dem dortigen Seminar des Hilfsvereinä als Lehre/ ausbilden zu lassen. Die eine Hälfte der Kosten trägt die Gemeinde, die andere der Hilfsverein. Nach beendigter Studienzeit sollen die Lehrer dann an den hiesigen Gemeindeschulen angestellt werden. Ferner ist man bereit, drei Lehrerinnen des Kindergartens, Saloniker Damen, nach Jerusalem zu senden, wo sie während zwei Jahren die hebräische Sprache gründlich erlernen und sich beruflich weiter ausbilden sollen. Es ist erfreulich, feststellen zu können, daß der Hilfsverein sich einer täglich wachsenden Beliebtheit erfreut, besonders seit das Projekt der Eröffnung des Gymnasiums bekannt geworden ist. Die hiesigen Juden wollen ihren Kindern eine gute Bildung zukommen lassen, ohne daß sie dem Judentum entfremdet werden. Diesen Wunsch dürfte der Hilfsverein vollauf erfüllen.1

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