Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316398--52537-3346241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der „Imparcial" oder, richtiger gesagt, die „Alliancepartei", ist eifersüchtig, denn trotz der Artikel, in denen sie die hebräische Sprache, den Zionismus, den Hilfsverein, die Talmud-Thoraschule und den Kindergarten angegriffen hat, mußte sie sich überzeugen, daß nicht die Gemeinde, sondern nur eine kleine Gruppe mit einem Lehrer von der Alliance an der Spitze sich zu ihrer Ansicht bekennt. Ein Beweis für die Unzufriedenheit mit den Artikeln des „Imparcial" ist der Umstand, daß von seiten vieler junger Gemeindemitglieder versucht worden ist, diese Zeitung zu boykottieren. Es wurden z. B. Aufrufe an die Synagogentüren geklebt, den „Imparcial" nicht mehr zu kaufen. Die hiesigen Zeitungen „El Avenir" und „El Pueblo" antworteten in großen inhaltreichen und schwungvollen Artikeln auf die jüngsten Angriffe des „El Tiempo" auf den Zionismus. Die Proteste der genannten Zeitungen fanden lebhaften Beifall bei vielen Saloniker Juden, vor allen Dingen bei den Orihodoxen. „LaEpoca" bringt folgendeinteressanteNotiz über die kleine jüdische Gemeindein Demotica bei Adrianopel: Das Erste, was die Aufmerksamkeit des Beobachters in Demotica anzieht, ist die geschlossene Einheit, die vollständige Brüderlichkeit unter den Gemeindemitgliedern. Konkurrenzkampf und Feindseligkeiten sind unbekannte Dinge. Es ist möglich, daß diese Ruhe und Friedensliebe Resultate der guten Organisation sind, die dort besteht. Demotica besitzt einen Vorstand, der sich durch seine Administrationstätigkeit hervorragend auszeichnet. — Der Jude in Demotica ist sehr religiös, aber ohne Fanatismus; er besucht täglich die Synagoge und hört an den Festtagen mit großer Aufmerksamkeit die verschiedenen Vorträge der Hachamim. An jedem Sabbat wird gepredigt, und es gibt keinen Juden in Demotica, ohne Rücksicht auf Bildung und Stand, der nicht in der Synagoge anwesend wäre. Dieser Zustand ist die Folge der guten Erziehung der Gemeinde, die auch sehr für Bildung sorgt. Das Gebäude ihrer Schule für Knaben und Mädchen ist im Bau. Der hebräische Lehrer dieser Schule beherrscht diese Sprache vollkommen und ist auch ein guter Redner. Die Juden dieser Gemeinde besitzen kleine Läden oder Käsefabriken, die den Reichtum dieser Gegend ausmachen. Der Frauenverein, der viel für das allgemeine Wohl, besonders für die Errichtung der Schule tut, hat alle jüdischen Frauen des Orts als Mitglieder. Auch ein Verein besteht dort, der im geheimen Geld von seinen Mitgliedern sammelt und es ebenfalls im geheimen bedürftigen Familien zum Bezahlen der Miete aushändigt. Donnerstag den 13. Chechwan fand in Uesküb die Aushebung der nichtmuselmännischen jungen Leute für den Militärdienst statt. Der kaiserliche Firman wurde in Anwesenheit aller hohen Regierungsbeamten, der verschiedenen Religionsoberhäupter und einer Delegation von Notabein vorgelesen, wobei die Militärkapelle verschiedene Stücke spielte. Die Aushebung der Saloniker Nichtmohammedaner ist bald zu Ende. Nächsten Freitag wird der kaiserliche Firman vorgelesen werden und die Ziehung stattfinden. Smyrna Die Administration des Gemeindevorstandes hat die Arbeit begonnen. Das Programm, das sie entworfen hat, ist in modernem, fortschrittlichem Sinn gefaßt. Ihre Projekte über Erziehung sind sehr wichtig und beachtenswert. Sie will die administrativen und finanziellen Angelegenheiten der verschiedenen Institute ordnen und mit den Vorstehern aller Vereine ohne Kritik und Zank arbeiten. Die Mitglieder des Vorstandes arbeiten unentgeltlich und bemühen sich, auch die übrigen Vereine an die Arbeit heranzuziehen. Vor allen Dingen soll die Erziehung der jüdischen Kinder gehoben werden. Es ist die Einrichtung höherer Klassen und selbst einer höhern Schule geplant, um die Kinder von den protestantischen und übrigen Schulen zu befreien, in denen sie weder in Hebräisch als Juden, noch in Türkisch als Ottomanen unterrichtet werden. Ferner ist der Vorstand bestrebt, eine bezahlte Kraft für die Administration zu gewinnen, damit die Angelegenheiten immer in Muße erledigt werden können. Was die finanzielle Frage betrifft, so hat der Vorstand beschlossen, eine Subskription zugunsten der Gemeinde zu eröffnen. Aus den gesammelten Geldern sollen die Ausgaben für den noch nicht gewählten Oberrabbiner, den Administrator, die Schaffung einer höhern Schule, den Umbau des Hospitals usw. bestritten werden. Eine Anzahl junger energischer Mitglieder der Gemeinde betreibt ue Gründung eines jüdisch-nationalen Klubs, der aus 100- -150 Mitgliedern bestehen wird, von denen jeder zwei türkische Pfund als Eintrittsgeld bezahlt. Für diesen Zweck ist ein provisorisches Komitee gebildet worden, das seine Arbeit bereits aufgenommen hat. In seinem Flugblatt erklärt der Klub, daß er insbesondere für die Erziehung der Jugend sowie für Neugründungen von Schulen sorgen wird. Er wird verschiedene öffentliche Vorträge halten lassen, um das nationale Gefühl des Publikums zu wecken und zu entwickeln. Ferner hat der Klub Abteilungen für Turnen und Musik, auch hält er wissenschaftliche Vorlesungen und solche aus der jüdischen Geschichte. Es ist besonders zu betonen, daß der Klub darauf bedacht ist, keinerlei Art von Geselligkeit zu betreiben, so daß die Mitglieder sich nur mit ernsten und nützlichen Gegenständen beschäftigen können. Es ist zu hoffen, daß er alle seine Projekte ausführ;. Der „El Novelista" veröffentlicht in einem Artikel über nichtjüdische religiöse Schulen folgende interessante Ausführungen: „Die Folgen davon, daß unsere Kinder, die christliche Schulen, wie die der Freres usw., besuchen und bei deren Oratorien anwesend sein müssen, sind sehr gefährlich für die jüdische Nation. Es könnte vielleicht eine Zeit kommen, wo ein großer Teil unseres Volkes nicht nur nichts mehr vom Judentum, seiner Religion, Geschichte und Literatur wissen will, sondern sogar seine Nation wegen des Todes Jesu anklagen wird. Wir müssen alle Kräfte anstrengen, um dieser Gefahr zu steuern. Auch der „Tanin" in seinem Artikel „Die amerikanische Schule in Beirut und die Notwendigkeit der Erziehung" macht die Regierung darauf aufmerksam, daß die amerikanische Schule ihre muselmännischen und jüdischen Schüler zwingt, an den christlichen religiösen Zeremonien und dem Unterricht des Katechismus teilzunehmen, wobei man gegen die Gedankenfreiheit verfährt. Alle Schüler der ersten Klasse sind von der Administration dahin informiert worden, daß sie nach den Ferien nicht wieder aufgenommen würden, wenn sie an dem Religionsunterricht und den Zeremonien nicht teilnähmen. Der „Tanin" kritisiert diese Maßnahme, die dem Gewissen der nichtchristlichen Kinder Gewalt antut und die auch auf ihre übrigen Studien keinen guten Einfluß ausübt. Die Zeitung fragt, weshalb wir unsere Kinder solchen Unbilden aussetzten und uns nicht an den Amerikanern ein Beispiel nähmen, die aus einem andern Erdteil hierher kommen, um bei uns Schulen zu gründen, die besser als unsere bis jetzt bestehenden sind? Die Missionare, Katholiken und Protestanten, die die verschiedenen Schulen im Orient leiten, verfolgen nicht das Ziel, hier die Erziehung zu fördern, sondern sie wollen auf uns einwirken, unsere religiösen Verbindungen abzubrechen und das Christentum anzunehmen. Es ist wahr, daß sie aus unsern Kindern keine Prediger und vielleicht auch keine Christen machen werden, eine Tatsache ist es aber, daß unsere Kinder in unserer Religion und Geschichte unwissend bleiben. Aufgabe der Eltern ist es, dieser Gefahr vorzubeugen, und sie können es tun, wenn sie mit dem Gelde, womit sie jetzt noch die Kassen der nichtjüdischen Schulen füllen, gute jüdische Schulen gründen." Die Smyrnaer türkische Zeitung „Keulu" bespricht in einem Artikel über den Nutzen der Einheit aller Elemente und den Militärdienst die Tatsache, daß die Smyrnaer jüdische Jugend sich ohne Zögern zum Militärdienst gestellt, habe, was ihren Patriotismus beweise. Der „Verein zur Förderung der Erziehung armer Schüler" wird Montag den 17. Chechwan das bekannte Theaterstück „Dreyfus" in spaniolischer Sprache im Salon des Sporting Club zur Aufführung bringen. Die Einnahmen fließen der Talmud-Thora-Schule zu, deren finanzieller Zustand sehr bedauernswert ist. [y NACHRICHTEN ^] Deutschland Die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben Ein Vortrag Professor Sombarts Professor Werner Sombart eröffnete in der Berliner Singakademie eine Vortragsreihe über „Judaismus und Kapitalismus" mit dem einleitenden Vortrage, der das Thema „Die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben" zum Gegenstand hatte. Saal und Galerie waren dicht gefüllt, und das Publikum' folgte den bedeutungsvollen, ein wichtiges soziales Problem unter teilweise ganz neuen Gesichtspunkten behandelnden Ausführungen Professor Sombarts mit größtem Interesse. Sombart meint, es gibt kaum eine Erscheinung in der Weltgeschichte, die so bedeutend für die Kultur und speziell für die wirtschaftliche Kultur geworden ist, wie die Geschichte des jüdischen Volkes. Sombart ist den Ursachen dieser Erscheinung wissenschaftlich nachgegangen, und er versichert, daß er dem Problem völlig unparteiisch und objektiv gegenüberstehe, so daß er lediglich die Tatsachen sprechen lassen will. Unter