Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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kann. Im Interesse des Reichsfriedens ist nur zu wünschen, daß die Regierung die Verfügung wieder zurücknimmt. Einstweilen hat sie im Reichsosten allenthalben große Unzufriedenheit hervorgerufen, die gewiß bald im Parlament ihren Ausdruck finden wird. Mesopotamien Das Zweistromland, das den Träumen vieler zufolge zu einem friedlichen Hafen für einen Teil der unglücklichen jüdischen Wanderer werden soll, ist einstweilen zum Gegenstand des Haders zwischen der Türkei und seinem besten auswärtigen Freunde, — wenn hier wirklich von Freundschaft gesprochen werden kann, — England geworden. In der vergangenen Woche drohte geradezu eine diplomatische Krise wegen dieses Gebiets zwischen den beiden Reichen auszubrechen. England bestand darauf, daß der„Lynch"- Kompanie die Konzession und das Monopol für die Schiffahrt auf dem Euphrat und Tigris gegeben werden; die Türkei will keinen fremden Einfluß in dieser Region neuerdings herrschend werden lassen. Nur mit Aufwand großer Mühe gelang es, den drohenden Konflikt zu beschwören; aber eine Abkühlung der englisch-türkischen Beziehungen wird jedenfalls die Folge bleiben. Inwiefern diese zu praktischem Ausdruck gelangen wird, wird sich bald bei Neuerörterung der kretischen Frage, die die Pforte soeben anregt, erweisen. Die Regierung und die jüdische Immigration Über das Projekt, die jüdische Einwanderung betreffend, das wie mehrfach schon erwähnt, dem Parlament unterbreitet werden soll, ist noch immer nichts Bestimmtes zu sagen. An den maßgebenden Stellen selber lauten die Auskünfte darüber geradezu diametral widersprechend. Inzwischen ist, wie wir erfahren, der alte Antrag des Exministers Ferid Pascha gegen die jüdische Einwanderung im Staatsrate erneut zur Besprechung gekommen und hat eine strikte Ablehnung erfahren. Die Regierung und die jüdische Immigration Der „JeuneTurc" schreibt: Zwischen dem Minister des Innern und der Hohen Pforte fand ein schriftlicher Meinungsaustausch über die Abschaffung des roten Zettels statt. Man hofft, daß der nächste Ministerrat eine günstige Entscheidung treffen wird. Jedenfalls soll die Angelegenheit auf administrativem Wege erledigt werden, ohne daß die Kammer sich mit einem diesbezüglichen Gesetzesprojekt zu befassen haben wird. Der Minister des Innern hat ein Qesetzesprojekt ausgearbeitet, das die Autorisation zu einer-Judeneinwanderung nach Mesopotamien geben soll. Das Gesetz wird der Kammer zur Bestätigung unterbreitet werden. Die jüdischen Rekruten Allenthalben in der Hauptstadt und den Vororten findet jetzt die Auslosung zum Militärdienst statt. In den Vororten Balat und Kusgundschuk wurden aus diesem Anlaß feierliche Umzüge der jüdischen Rekruten mit Militärmusik und patriotischen Ansprachen veranstaltet. Fahnen schmückten die jüdischen Häuser, die Schuljugend feierte mit. Obwohl die ungewohnte Heranziehung zum Dienst so manchen jungen Mann aus seiner Karriere reißt, herrscht doch allgemeiner Enthusiasmus. Entgegen den vom Chachambaschi der jüdischen Öffentlichkeit übermittelten Erklärungen sind die Lehrer der jüdischen Schulen ganz ebenso wie die übrige Jungmannschaft zur Dienstpflicht veranschlagt worden. Weder die Bestätigung ihrer Lehrerdiplome durch das Großrabbinat noch die direkte Intervention Rabbi Nahums beim zuständigen Minister haben bisher den gewünschten Erfolg erzielt. Für die jüdischen Schulen, die ohnedies am Mangel an tüchtigem Personal hinreichend zu leiden haben, wird die Einziehung so vieler junger Kräfte, wenn sich die Energie und der Einfluß des Chachambaschi nicht genügend wirksam erweisen, eine schwere Schädigung und Störung ihrer Entwicklung bedeuten. Ein antizionistisches Bravourstück Es ist zwar peinlich, sich in den Spalten eines Organs, das auf Sauberkeit hält, noch einmal mit der Person Frescos und seinem „Tiempo" befassen zu müssen, aber sein letzter Streich hat Bedeutung für unsere Bestrebungen in der Türkei und ist für die Art des Kampfes gegen sie typisch, darum sei er niedriger gehängt. Das Blatt schreibt über den Nationalfonds, dessen Ertrag in der Hauptstadt er von 1231,50 Piaster (zirka 220 Mark) auf 123150 Piaster (22000 Mark) fälscht, folgendermaßen: „Man erkennt es jetzt offensichtlich, daß die zionistische Agitation in unserer Stadt arbeitet und ungesetzlicherweise unter dem „ottomanischen" Publikum Geld für eine ausländische politische Organisation sammelt. Sehr wahrscheinlich geschieht in den andern jüdischen Gemeinden der Provinz desgleichen. Unglückliches ottomanisches Judentum! Wie. führt man dich irre und kompromittiert dich! Anstatt deine eignen Institutionen zu unterstützen, anstatt andere Werke zu deiner Erhebung aus deiner geistigen und ökonomischen Misere zu schaffen, lässest du dich durch einige Betrüger ausbeuten, die dir deine Ersparnisse entreißen, um damit den Bauch einiger Häuptlinge dieses monströsen Humbugs zu füllen. Und der Großrabbiner von Konstantinopel? Weiß er nicht, daß eine ausländische politische Organisation Sammelbüchsen in den Häusern der ottomanischen Juden unterbringt und Geld sammelt? Zugegeben selbst, der Großrabbiner habe nicht das Recht, zu verlangen, daß kein ottomanischer Jude eine andere Meinung vertrete als er, so ist doch unbestreitbar, daß er als staatlich anerkannte ottomanische Autorität die öffentliche Erklärung abgeben muß, daß er von der Existenz dieser Büchsen weiß, daß sie aber ohne seine Einwilligung in den Häusern der ottomanischen Juden angebracht wurden. Das Stillschweigen ist kompromittierend für die Zentralautorität des Judentums dieses Landes." Ein Kommentar ist übrig. Das ist die Kampfesweise des Organs der Antizionisten Konstantinopels. Das nationale Leben erwacht Die Idee ist auf dem Marsche. In jedem jüdischen Winkel der Hauptstadt ist das zu verspüren. Es ist ja von jeher so gewesen, daß unsere Gegner sich als Teile jener Kraft erwiesen, die das Böse will, aber das Gute schafft. Die Entrüstung, die sie in den Reihen ihrer eignen ehemaligen Anhänger erwecken, nähert die Erweckten der verfolgten Sache und macht sie zu ihren begeistertsten Adepten. Überall aber in der Jugend rührt es sich; man wünscht zu wissen, worum es sich handelt, man will sich unterrichten, man will das Judentum kennen lernen, für das die einen mit Schmutz beworfen werden und das'die andern in Pacht genommen zu haben vorgeben. Man kommt zur Besinnung, und man vertieft sich in die jüdische Frage in Vergangenheit und Gegenwart. Dieser psychologische Prozeß beginnt alle Zentren und Sammelpunkte der jüdischen Jugend umzuwandeln. Die Vereine, Klubs und Cercles, die vordem nichts anders als Unterhaltungsstellen sein wollten oder konnten, die zu großem Teile nicht einmal den jüdischen Namen in ihrem Schilde führten, werden auf einmal zu Tribünen des jüdischen Selbstbewußtseins und zu Pflanzstätten jüdischer Bildung. Kurse werden eingerichtet, Lehrer und Redner herangezogen. Und ist das neue Geschlecht im Werden, das alle Sagen von der Unfähigkeit und Unzuverlässigkeit des orientalischen Juden, von seinem Sklaventum und seiner Selbstverlorenheit zunichte machen wird. In Konstantinopel war es zuerst der ehemalige „Israelitische Turnverein", der seinen Namen in den „Jüdischen" mit dem hebräischen Ehrenschilde „Makkabi", und seine deulschtümelnde Gesinnung in echt national-jüdische verwandelte, der Zweigvereine in den Vororten schuf und überallhin den nationalen Atem trug. Jetzt folgen die Klubs der spaniolischen Jugend. Zwar die Gründung des Klubs der Saloniker Jugend in der Hauptstadt begegnete Schwierigkeiten, weil einige Assimilanten ihm den ausgesprochen jüdischen Charakter vorenthalten wollten; aber das von diesen Elementen bereits gereinigte Gründerkomitee ist nun doch drauf und dran, das gutjüdische Zentrum daraus zu machen. Der Balater „Club de la Jeunesse" hat mit der Organisierung des vorwöchigen Vortrags von Dschelal Nury Bej bewiesen, welchen Weg er zu beschreiten gedenkt, und der „Cercle amical" von Hasköj ist ihm gestern, mit einem hochinteressanten Vortrag des gleichen Redners über „L'union des races" auf demselben Wege gefolgt. Am gleichen gestrigen Abend sprach Herr W. Jabotinski im „Cercle de Kusgundschuk" über die „israelitische Assimilation in Europa". Und der Geschichtszyklus des „Makkabi" in der Stadt ist in vollem Gange. Am Dienstag, den 9. November, sprach Dr. Auerbach über „Moses", und am darauffolgenden wird Herr Moritz J. Cohen einen spaniolischen Vortrag über „Die sephardischen Juden des Orients" halten. Die Einladungen an die Redner häufen sich noch immer. Die Zeitungen, die mit Ausnahme der bewußten einen, sämtlich in nationalem Sinne geführt sind, haben neuerdings im „Relampago", „Der Blitz", einen neuen Mitstreiter erhalten. Die jüdische Satire lebt auf, und das Volk beginnt über seine Gemeindeangelegenheiten, sozialen und intellektuellen Institutionen selbsttätig und kritisch nachzudenken, ohne sich mehr anderer Leute Ideen aufsuggerieren zu lassen. Wenn das so weitergeht, ist das schönste Erwachen der hauptstädtischen Judenheit zu erhoffen. Aus der Provinz Die jüdische Jugend von Magnesia begründete einen Literaturverein, der sich die Pflege der jüdischen Kultur zur Aufgabe gestellt hat. Aus Beirut wird gemeldet: Der Direktor der beiruter Allianceschule entließ über hundert Schüler unter dem Vorwande,