Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. ,47 DIE% Baumwollpflanzungen in Galiläa Seit langem war es bekannt, daß diejenigen Gebiete Palästinas, die Wässer besitzen, sieh für Baumwollpflanzungen gut eignen dürften. Insbesondere hat der Prof. Warburg mehrfach diese Frage aufgerollt. Der erste, der emen praktischen Versuch in dieser Sache unternommen hat, ist der reiche Beyrouther Bankier und Besitzer ausgedehnter Latifundien in Galiläa und in Syrien, Sursuk-Bey, der in dem verflossenen Jahre in einigen seiner Ländereien in Galiläa Baumwollepflanzungen anlegte. An zweiter Stelle waren die beiden Petach-Tikwaer Kolonisten, die Landwirte Paskai und Apfelbaum, welche bei der Kolonie Melchamie in diesem Jahre 400 Dunam Land gepachtet haben, um auf denselben Baumwolle zu pflanzen. Dieser Versuch scheint durchaus gelungen und die Baumwollkultur in Palästina ein sehr rentables Unternehmen zu sein. Man kann bestimmt erwarten, daß in naher Zukunft weite wasserreiche Gebiete Galiläas Baumwolleplantationen aufweisen werden. Es ist hier ein Gerücht verbreitet, daß eine äußerst kapitalkräftige Gesellschaft aus Ägypten die Absicht habe, Zuckerrüben und Baumwolle in großem Maßstabe anzupflanzen und, da für diese intensiven Kulturen zu wenige Arbeitskräfte im Lande vorhanden sind, größere Arbeitermassen aus Ägypten und dem Djebel-Huran in Palästina anzusiedeln. Jahresversammlung des „Hapoel Hazair" Jaffa, den 22. Oktober. Während der Sukkoth-Feiertage fand hier eine allgemeine Versammlung der Arbeiter-Organisation „Hapoel Hazair" statt. Die Verhandlungen ließen die Überzeugung aufkommen, daß die Arbeiter sich immer mehr von ausschließlich unfruchtbarer Kritik und lebensfremden Theorien lossagen und jenen Gebieten zuwenden, die das Fortschreiten der praktischen Arbeit in Palästina erheischen. Es kam insbesondere zum Ausdruck, daß man eine Verbesserung der gegenwärtigen Lage des jüdischen Arbeiters in Palästina anstreben müsse. Zu diesem Zwecke sollten zunächst Arbeiterküchen, Arbeiterwohnungen, Konsumvereine und Krankenkassen gegründet werden, Beginn des neuen Schuljahrs Jaffa, den 25. Oktober. Um eine Woche später als gewöhnlich begann in diesem Jahre der Unterricht in den hiesigen Schulen. Die Ursache war die in diesem Jahre in Palästina viel verbreitete Influenzakrankheit, infolge deren Lehrer und Kinder die Schule aufzusuchen vielfach verhindert waren. Die Krankheit hat in allen Orten und unter allen Schichten der Bevölkerung Palästinas gleich stark gewütet, so daß nur wenige Familien von ihr verschont blieben. Manche Ärzte bezeichnen sie als Denkofieber, nach der in Indien auftretenden ähnlichen Krankheit, andere halten sie für eine Influenza, die jedoch in Palästina in schwächerm Grade auftritt als in Europa, wenn sie auch eine bedeutend größere Anzahl von Menschen angreift. Schließlich wollen manche Ärzte in dieser Krankheit einige Symptome bemerken, die an die in Tropenländern verbreitete Schlafkrankheit erinnern. Nun ist seit einigen Tagen die Winter-Regenzeit ernstlich hier eingetreten, diese Krankheit ist leider aber noch immer nicht verschwunden. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Von der Wiedereröffnung des Parlaments Am Sonntag den 14. November nimmt die zweite Tagung des türkischen Parlaments ihren Anfang. Sie wird sich zweifellos weniger mit den allgemeinen Grundlagen des Staatslebens, dafür aber desto mehr mit den sozialen Reformen und den Einzelheiten der Geset7gebung befassen. Den bisherigen offiziösen Verlautbarungen der Minister zufolge wird der Kammer eine ansehnliche Menge gesetzgeberischen Materials von der Exekutive übermittelt werden. In erster Reihe steht das Budget, das sich auf 550 Millionen Mark belaufen wird. Der Bericht des Finanzministers, der das Budgetprojekt begleiten ■ wird, konstatiert mit Genugtuung eine geradezu unerwartete Erhöhung der Staatseinnahmen im abgelaufenen Jahr. Das neue Finanzjahr wird nur einer einzigen mäßigen Anleihe bedürfen, die ohne Garantie abgeschlossen und lediglich von den Reichseinkünften gedeckt werden wird. Unter den neuen Steuerprojekten wird das Gesetz über die Immobilien den hervorragendsten Rang einnehmen. Das Justizministerium wird u. a. eine vollkommene Änderung [ELT —-= 1037 des Handelsrechts vorschlagen; auch der Strafkodex wird reformiert, und ambulante Gerichtshöfe werden eingeführt werden. Der Minister des Innern hat ein Gesetz über die Verwaltung der Provinzen und über die städtische Selbstverwaltung ausgearbeitet. Ferner wird er größere Beträge zur Förderung und Regelung der muselmanischen Einwanderung verlangen und wahrscheinlich bewilligt erhalten. Das Unterrichtsministerium hat ein großes umfassendes Gesetz über den Unterricht ausgearbeitet, das alle Erziehungsinstitute von der Universität bis zur Dorfschule bedenkt und alle offiziellen wie privaten mohammedanischen und nichtmohammedanischen Anstalten begreifen wird. Das Ministerium für die öffentlichen Arbeiten wird eine Anleihe von 10 Millionen Pfund zur Ausführung der notwendigsten Unternehmungen vorschlagen. Es steht in Unterhandlungen wegen der Bahnbauten Siwas-Kharput-Diarbekir-Bitlis-Wan mit zwei Abzweigungen nach Jumurtalik und Mossul-Kurkuk-Suleirnania, ferner der Linie Panderma-Soma und Timur-Hissar-Dschumai-Bala. Es wird auch über den Bau des Hafens Cavalla verhandelt wie über die Schiffbarmachung der "Flüsse und Seen Jenitsche, Erdar und Cara-Ironak. Die Projekte über die Bewässerung der Ebene von Adana beschäftigen noch den Ministerrat, und die Arbeiten für Mesopotamien werden demnächst ausgeschrieben werden. Der Ackerbauminister legt 18 Reglements über die Agrikultur und das Tierarzneiwesen vor, und der Efkafminister einen großen Plan über die Säkularisation des Wakufbesitzes, der wahrscheinlich zu schweren Diskussionen führen wird. Im übrigen wird mitgeteilt, daß zwei neue Ministerien eingerichtet werden, indem das Ministerium des Handels von dem der öffentlichen Arbeiten und das des Ackerbaus von dem des Minenlind Forstwesens abgetrennt werden. Für das neue Handelsministerium wird wieder einmal ein Jude, der Deputierte Faraggi, namhaft gemacht. Veränderungen im Kabinett sind jedenfalls zu erwarten; um Hilmi Pascha wird, scheint es, ein heißer Streit entbrennen. Vom Ausscheiden Haladschian Effendis, des Arbeitsministers, wird mit viel Bestimmtheit gesprochen. Die neue Kammer Wenn nicht alles trügt, wird die neue Kammer sich nicht so einhellig-friedlich auftun, als die alte geschlossen. Schon jetzt sind Anzeichen eines starken Parteitriebes vorhanden. Das Komitee will eine straffere Parteidisziplin entfalten, wird dafür aber seine Mitläufer einbüßen müssen, die allem Anschein nach sich mit den Resten der ehemaligen Ahrarpartei zu einer neuen vereinigen werden, die eine starke Opposition zu wrerden verspricht. Es sollen bereits 70 Deputierte den Anschluß an diese Gruppe versprochen haben. Über ihr Programm verlautet bisher noch viel Widersprechendes, auch ihre Führer stehen noch ganz im Hintergrund, aber sie scheint starke Beziehungen zur Person Hilmi Paschas zu haben, den sie durchaus an der Spitze des Kabinetts erhalten will. Wenn das den Tatsachen entspricht, so ergäbe sich eine ganz analoge Situation zu der im Februar des laufenden Jahres, da Kiamil Pascha durch die Korniteemaiorität zum Verlust seiner Macht verurteilt war und sich durch ein Bündnis mit der Ahrarminorität zu halten suchte. Hoffen wir, daß die weitere Entwicklung nicht wieder einem 13. April entgegenführt, der diesmal um so bedenklicher ausfallen könnte, als das Komitee durch eine Differenz mit dem Offizierkorps gegenwärtig sehr geschwächt erscheint. Außer den beiden Hauptgruppen, die schon bei der Präsidentenwahl im Kampfe miteinander liegen werden, ist eine kleine dnttere im Werden, die radikalere Züge aufweist und als der Anfang zu einer sozialistischen Partei angesehen werden kann. Türken und Araber Es ist das erstemal, daß sich ein ernster Konflikt zwischen der iungtürkischen Regierung und dem Arabertum auftut, das bisher, - abgesehen von den undisziplinierten, im ewigen Aufstand verharrenden Beduinenstämmen, - eine durchaus ruhige, loyale Haltung bewahrte. Die Ursache des Konflikts ist wieder auf Seiten der radikalen türkisierenden Bestrebungen zu suchen. Den Anlaß gab eine Verfügung des Justiz- und Kultusministers, derzufolge künftig in allen arabischen Landen das Türkische als Gerichtssprache einzuführen ist. Diese Maßregel verletzt den Brauch eines Jahrtausends, beraubt die einheimische arabische Bevölkerung des ausreichenden Rechtsschutzes und schlägt dem historisch begründeten Stolz des Arabers auf seine Kultur und Sprache ins Gesicht. Sie stellt einen geradezu gefahrdrohenden Eingriff in das Leben des östlichen Majoritätsvolkes im Reiche dar, der leicht zur Zuspitzung des schwierigsten aller ottomanischen Probleme, der Araberfrage, führen