Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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jüdische Milieu, fehlte, mußte sie zum eigentlichen Lebensproblem werden. — Es war die geniale, für alle Zeiten bestehende Tat unseres großen Meisters Theodor Herzl, das Grundübel, die letzte Ursache unseres Leidens, eben in der Heimatlosigkeit erkannt zu haben. Nicht die sogenannte Reform, die nur kindliche Geister für eine Lösung halten konnten, nicht eine noch so weitgehende Anpassung an fremde Art kann uns aus der seelischen Net befreien. Nur in der Aufhebung der Diaspora selbst liegt des Jammers Heilung. Eine Heimstätte für das jüdische Volk auf dem geheiligten Boden unseres Stammlandes verlangt Herzl und findet so die wunderbare Synthese, die die wirtschaftlichen Forderungen eines auch physisch heimatlosen Volkes mit den seelischen Wünschen der westlichen Judenheit verknüpft. Das Ost und West verknüpfende gemeinsame Ideal war gegeben. Durch ihn haben wir alle, Ost- und Westjuden, unser generelles Schicksal erkennen gelernt Niemals wird die Diaspora selbst den besten Sohn unseres Volkes ihres Daseins letzte Möglichkeiten ausschöpfen lassen. Nie wird die Laubhütte oder der Esrog auf deutschem Boden mehr sein als ein Redespruch an sich, nie wird jüdischer Geist, der sich dem deutschen zu vermählen sucht, mehr sein als eine kulturelle Kuriosität und als ein Beweis für die ungeheure Vitalität unserer Rasse. Mit dieser Erkenntnis müssen wir resignieren, müssen verzichten auf die Möglichkeit, dem Diasporaproblem die Lösung zu finden, ohne das Golus an sich aufzuheben. In der Zerstreuung aber, die den meisten von uns das Lebensschicksal bleiben muß, richten wir unsern Blick nach Zion. Was unsere Brüder dort vollbracht haben, was sie für eine glückliche Zukunft gegründet haben, was an neuen jüdischen Werten dort heranreift, alles das wird einmal in dem bunten Strome jüdischen Geistes sich in die Länder des Golus ergießen. Was wir an materiellen Gütern zum großen Werke beisteuern, wird zu uns kommen als jüdischer Kulturbesitz, und so wird auch uns Juden des Westens das Licht anders leuchten von Zion. M. D. u. H.! Zion und Diaspora in geistiger Wechselwirkung, ein schönres Zukunftsbild, wüßte ich nicht zu ersinnen! Wir haben fast alle die Zeit erlebt, in der alles, was jüdisch in uns war, zu schwanken begann; der Zionismus erhielt manchen von uns, der sonst in ein allgemeines Menschentum sich verloren hätte; viele glauben ihm ihre Dankesschuld dadurch abtragen zu müssen, daß sie ihm ihre besten Kräfte widmen. Nun lassen sie uns alle dafür sorgen, daß unsere Anhängerschar sich mehre, daß die seelische Unrast, die wie ein Alpdruck früher auf uns lag, auch in den andern schwinde und jene erwartungsvolle Sicherheit erreiche, mit der wir unser Zionsideal in alle Beziehungen unseres Lebens hineintragen. Juden, Volljuden in des Wortes edelster Bedeutung zu werden, ist uns hier nicht beschieden; doch soll die Sehnsucht nach dem großen Ideal und das Bewußtsein, mitzuarbeiten an dem Größten, das der jüdische Volksgeist seit Jahrtausenden anstrebt, uns alle mit dem Mut der Propagandisten der Tat erfüllen. Tun wir unsere Pflicht, damit der Tag nicht fern sei, an dem die gesamte deutsche Judenheit in den Männern, die vor 25 Jahren in dieser Stadt geweilt haben, die Bringer einer neuen Zeit ehren, von dieser neuen Zeit aber, dem zionistischen Zeitalter, das Heil auch der deutschen Juden erhoffen. Hierauf sprach Herr. Reichsratsabgeordneter Dr. Stand- Wien: Es ist eine erwiesene Tatsache, daß gewöhnlich in der Gegenwart geschichtliche Ereignisse überschätzt und geschichtliche Ideen unterschätzt werden, und wenn wir überhaupt die Geschichte verschiedener Völker und speziell unseres Volkes sehen, so bemerken wir, daß über ein Ereignis, über eine Tatsache sehr viel gesprochen wird. Wenn wir uns aber die Geschichte der Vereinigung der Ideen ansehen, so bemerken wir, daß speziell in dieser Generation, in der die Idee gewonnen wurde, fast gar nicht von ihr gesprochen wird, daß sie durch viele Jahre, ja durch Jahrzehnte unter dem Kreis bleibt, der sie geschaffen hat, und daß später df#e neue Generation, allerdings mit gewaltiger Macht, mit vehementer Macht, sich ihrer bemächtigt und sie in die Massen schleudert. So war es auch mit der Kattowitzer Idee. Sie kam im Jahr 1884 auf. Es verging dann über ein Jahrzehnt. Es war fast überall Ruhe, nur kleine Gruppen von Studierten in Odessa, in Lemberg, Wien befaßten sich mit der Idee, bis sich ein gewaltiger Mann dieser Idee bemächtigte und sie so groß machte, wie sie heute dasteht. Im Jahre 1896 kam Theodor Herzl, und diejenigen, die sehen wollten, die sahen, was dieser große Meister, unser Herzl, dem Judentum geschaffen hat, wie er das Judentum modelte, wie er das Volk der Sklaven, der Verfolgten, zu einer großen, gewaltigen, starken Macht, zu einer Potenz, mit der man heute rechnet, gemacht hat. Als der Zionismus noch früher begann, da hatte er sehr viele Kritiker. Wir Juden haben ja nie einen Mangel an Kritik, und von verschiedenen Seiten wurde mit ihm abgerechnet. Die einen sagten, das sei eine Utopie, eine Schwärmerei. Und wie ist es in 25 Jahren geworden? Wir können stolz sein auf das, was in den letzten 25 Jahren geschehen ist. Wo kämen wir hin, wenn wir über alles lächelnd und ironisch sagen würden: Ja, das ist Utopie. Seit den Tagen, wo Ikarus die Luft erobern wollte, da galt die Eroberung der Luft als eine Utopie. Und ich komme aus einer Stadt, wo 500000 Menschen zugeschaut haben, wie BleYiot flog. Er ließ sich durch kein Mißgeschick zurückhalten und verfolgte mit gewaltiger Kraft die Idee. Schauen wir auf ein anderes Ereignis der Neuzeit: die Entdeckung des Nordpols. Und, meine Damen und Herren, so schwer ist unsere Sache, ein großes Volk seinem Lande zuzubringen, nicht, wie den kalten Nordpol zu erringen oder mit den Elementen der Luft zu kämpfen. Und wenn die Gegner im mauschelnden Ton sagen: Utopie! so antworten wir eins: Für diese Leute ist es eine Utopie. Sie würden das nicht erreichen. Aber wenn Gott uns einen Cook und einen Bleriot gab, so wird er auch uns den geeigneten Mann geben, und er gab uns einen Herzl! Da werden viele fragen: Rückkehr zum Judentum? Und ich sage darauf kurz und klar: Es gibt heute keine Juden. Wenn wir heute untersuchen, wie es mit dem Judentum steht, so finden wir zwei große Gruppen: es gibt lsrae'iten, rund es gibt Golusjuden. Die Israeliten haben weder Form noch Inhalt. Die Form ist eine erstohlene, eine erborgte bei andern Nationen. Sie sind etwas Halbes, etwas Teilweises. Sie sind gebrochene Menschen und gar keine Juden. . . Was ist dem Golusjuden das furchtbare Ringen mit dem makkabäischen Geist? Was ist ihm der Ruf unsref Ahnen? . . Wir fordern vom Juden europäische Form und jüdischen Inhalt! Es erfordert viel Arbeit. Was 20 Jahrhunderte gesündigt haben, das kann in 20—30 Jahren nicht wieder gebessert werden1. Rückkehr zum Volljudentum, das meinte Theodor Herzl, und das meinen wir. Seine Größe liegt nicht da, wo man sie suchen wird. Wir sagen nicht, er war der größte Redner, den wir gehabt haben. Was an ihm groß war, wrorin er sich einzig unterschied von allen, die in den 20 Jahrhunderten gelebt haben, das war dieses: er war ein Prachteuropäer und ein Prachtjude. Es gibt für einen modernen geschulten Menschen keinen höhern Zweck, als sich ganz und voll zu erhalten, zum Heile seines Volkes, zum Heile der Kultur. Es folgte die Rede Nah um Sokolows (die wir in Kürze resümieren>; Meine Damen und Herren! Eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, - ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, — und ich glaube, es gibt kaum einen Menschen in- oder außerhalb dieser Versammlung, der das Wünschenswerte dieses Zieles bestreiten würde. Es gibt aber Menschen, und Menschen, die sich Juden nennen, außerhalb und vielleicht auch innerhalb dieser Versammlung, die die Frage stellen, ob dieses Ziel erreichbar sei. Diese Frage möchte ich beantworten, und ich möchte zum Unterschiede von den bisherigen so glänzenden Reden und besonders von den Reden, die am heutigen Vormittag gehalten worden sind und die mehr das Historische beleuchteten, einen kleinen Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft werfen. Ein Naturforscher formulierte die Bedingungen des materiellen Fortschrittes folgendermaßen: Ein genügender Vorrat an Energie und die Fähigkeit, die Energie in richtiger Weise zu verwenden. Haben wir Energie genug, um unser Ziel zu erreichen, und wie sollen wir diese Energie schaffen, und wenn wir diese Energie schon geschaffen haben, wie sollen wir sie so verwenden, daß wir in sicherster Weise unser Ziel erreichen können? Das sind die großen Probleme, mit denen sich der Zionismus befassen muß. Die Energie ist nur die Folge einer gewissen Erkenntnis, und der Zionismus ist eine gewisse Erkenntnis. Es ist schon mehrmals gesagt worden, der Zionismus bilde eine Weltanschauung. Was ist die zionistische Weltanschauung, und wodurch unterscheiden wir uns von den andern? Wo liegen die Differenzpunkte zwischen uns und zwischen den Antizionisten? Welche Überzeugungen müssen der jüdischen Gesamtheit beigebracht werden? Das sind die Fragen, mit denen sich die Organisation und die Propaganda zu befassen haben. Man muß das jüdische Leid empfinden, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß man dem zionistischen Ideale zustreben müsse. Die Vorbedingung ist die jüdische Einheit. Das nationale Prinzip ist eine Grundlage des Zionismus. Deshalb ist die' Propaganda der nationalen Idee eine Vorbedingung des Zionismus. Jüdisches Können und jüdisches Wissen müssen im Volke verbreitet werden, das ist eine Vorbedingung des Zionismus .... Die Frage der Schaffung der Energie ist durch diese Antworten einigermaßen gelöst worden..... Ein historisches Beispiel. Als Leo Pinsker nach der Abfassung seiner Autoemanzipation einen der größten jüdischen Prediger s. Zt. gesehen hat, — so schreibt Jellinek in der Wiener „Neuzeit", — so fühlte sich Jellinek tief gerührt von der Darstellung des jüdischen Leides in Rußland.....Als er jedoch zum positiven feil der Broschüre überging, sagte er zu Dr. Pinsker: Lieber Freund, Sie scheinen sehr leidend zu sein, gehen Sie nach Italien. Italien hat ein sehr mildes Klima, und Sie werden