Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316398--52531-3346235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dort Linderung finden für Ihr Leiden. Dieser Ausspruch ist bezeichnend für die ganze Anschauung, die in den Kreisen unserer Gegner vorherrschend war und noch bis auf den heutigen Tag dominiert, und das ist die Anschauung von der Vergänglichkeit des jüdischen Problems. . . . . Nach jeder Judenverfolgung suchten die Optimisten die Schuld auf ein anderes Volk ab^uwäl^en. Bei dem Pogrom in Warschau hieß es: das waren die Nischni-Nowgoroder, und als in.,Nischni-Nowgorod der Pogrom ausgebrochen war, da hieß es, das wären nicht die Großrussen, und ebenso wurde bei Kischinew die Schuld auf die Rumänen geschoben. Noch eins ist es, was man uns entgegengehalten hat. Das ist der Vorwurf: die Idee mag gut gewählt sein, aber der Ort ist schlecht gewählt, denn ihr geht nach dem Osten, während die Menschheit nach dem Westen strebt, der Fortschritt zeigt* seinen Weg nach Westen. Der Osten ist das Land der Verwahrlosung, des Fatalismus, der Trägheit, und da haben wir ein Moment für das politische allgemeine Verständnis unserer Gegner. Aber wie sind diese beiden Kategorien von Vorwürfen und Einwendungen durch die Ereignisse widerlegt worden! Es hat sich gezeigt, daß die Krise der Judenfrage nicht momentan war — unsere Lage wird immer schlechter — und daß der Osten gut gewählt war. Unsere Gegner haben also weder die jüdische noch die allgemeine Lage richtig erkannt. So ist der Zionismus zunächst die richtige Erkenntnis — und die müssen wir der Gesamtheit beibringen. Wenn wir nun zur Erreichung unseres Zieles einer großen Energie bedürfen, dann steht für uns die Frage auf: Wie sollen wir diese Energie verwenden, um unser Ziel zu erreichen? Und da erstreckt sich vor uns klarer denn je das große Fordern einer Tätigkeit, die zu gleicher Zeit politisch und theoretisch, zu gleicher Zeit/aktuell und pädagogisch ist, und das ist die Arbeit im Orient, denn an den schlafenden Orient, der früher vielleicht für uns ein Märchenspuck war, treten wir wie an eine große Schwierigkeit und der Kampf mit Schwierigkeiten, das ist diejenige Stoßkraft, die im gesunden Menschen alle Kraft aufs neue antreibt. Wir müssen die sephardischen Juden für uns gewinnen, und da haben Sie die Antwort, wie wir unsere Energie anwenden sollen, und was wir zu machen haben. Seien Sie ein Volk und politisieren Sie wie ein Volk, nicht episodische Politik, treiben Sie keine Kannegießerei und fragen Sie nicht nach der letzten Post aus Konstantinopel! Unsere Lage ist heut besser denn je, und dieses Bessersein beruht nicht darauf, daß der eine oder der andere uns Zusicherungen gemacht hat. Die Garantie, die Bürgschaft des Besserseins unserer Lage im türkischen Reiche liegt nicht in der politischen Konstellation oder schlechten Laune der Machthaber, der Einzelnen, sondern in der Logik der Entwicklung, in der aufsteigenden Linie des Fortschritts. Und weil wir wissen, daß wir eine gerechte Sache vertreten, und weil wir wissen, daß wir das Interesse jener Macht in Einklang bringen müssen mit unsern eigenen Interessen. Und von diesem Standpunkte aus müssen deshalb all diese Verhältnisse betrachtet werden, und in diesem Lichte scheint die Lage jetzt viel besser. Aber diese bessere Lage stellt an uns höhere Ansprüche, und diese Ansprüche bestehen darin, daß wir unsere Organisation stärken müssen. Es genügt nicht, wenn wir mit abstrakten Argumenten kommen. Wir brauchen die materiellen und moralischen Machtmittel. . . . Wir müssen den Zionismus in all seinen Organen kräftigen, und wir müssen immer und immer wieder unentwegt ins Volk gehen, in die Massen dringen, und mit allen Mitteln der Agitation und der Propaganda. Nicht befehden wollen die Andern, die Gegner, sondern sie aufklären und Arbeit leisten, zur Wahrheit, zum Wohle und zum Heile unseres Volkes. — Alle Reden fanden begeisterte Zustimmung. Die Versammlung war beherrscht von einem ungeheuren Enthusiasmus. Als Schlußveranstaltung fand am Abend unter überaus großer Beteiligungein Festkommers statinem Rechtsan walt Dr. Dobrzynski- Beuthen präsidierte. Es wechselten zionistische Lieder und Reden ab. Zuerst kamen die Vertreter der akademischen Korporationen zu Wort, die ihre Grüße und Glückwünsche darbrachten: Herr Dr. Egon Rosenberg-Berlin als Vertreter des K.Z.V. (Kartells zionistischer Verbindungen). Herr stud. Schindler-Wien als Vertreter der „Kadimah" und Herr stud. Bilewski-Breslau als Vertreter der „Vereine Jüdischer Studenten" im B. I. C. Herr Dr. J. Klausner-Odessa hielt eine hebräische Ansprache, in der er die Verdienste Leo Pinskers in ehrende Erinnerung brachte und zur Sammlung für einen Leo Pinsker-Kulturfonds aufforderte. Dieser Aufforderung wurde alsbald von den Festteilnehmern entsprochen. Herr Reichsratsabgeordneter Stand überbrachte die Grüße der nationaljüdischen Reichsratsfraktion und erzählte von ihren Kämpfen und Mühen. Nach Absingung der Hatikwah wurde der Kommers geschlossen, und es kam der Tanz zu seinem Recht, der viele Festgenossen noch lange zusammenhielt. o o o o j| <Q o o o o o AUS DER BEWEGUNG Mitteilung des Bureaus des IX. Zionistenkongresses Wir bitten alle Landsmannschaften, Fraktionen und Institutionen, die vor Beginn des Kongresses Sitzungen abzuhalten gedenken, uns davon umgehend unter Angabe der ungefähren Teilnehmerzahl und des für die Sitzungen anberaumten Termins Mitteilung zu machen, damit für sie ein entsprechender Raum reserviert werden kann. Wir ersuchen die Delegierten und Qäste nochmals dringend, möglichst umgehend ihre Wohnungsbestellungen unter Benutzung der wiederholt veröffentlichten Formulare an uns gelangen zu lassen. In den Tagen vor dem Kongreß werden wir einen ständigen Bahnhofsdienst auf dem Hauptbahnhof Hamburg einrichten, worüber noch nähere Mitteilungen erfolgen. Da aber wegen der Weihnachtstage ein sehr starker Reiseverkehr zu erwarten ist, so liegt es im Interesse jedes Ankommenden, auf jeden Fall schon vorher sich ein Zimmer zu sichern und über die Lage seines Hotels orientiert zu sein. Der Vortrag Dr. Max Nordaus über „Die Juden im XIX. und XX. Jahrhundert" wird am Mittwoch den 29. Dezember, abends 9 Uhr, im großen Saale des Konventgartens stattfinden. Am Sonntag den 26. Dezember, pünktlich abends 8 Uhr, findet das Schauturnen . des Verbandes jüdischer Turnvereine in der ErnsKMerck-Halle des Zoologischen Gartens (Eingang Tiergartensträße) statt. Die Delegierten des Zionistenkongresses haben als Ehrengäste auf Qrund ihrer Delegiertenkarte ohne weiteres Zutritt. Außerdem werden unentgeltlich Eintrittskarten in größerer Menge abgegeben. Bestellungen auf Karten wolle man rechtzeitig an das Kongreßbureau unter Angabe von Namen und Adresse richten. Vom 20. Dezember ab können Karten an den Schaltern des Kongresses, Eckernförderstraße 42, entgegengenommen werden. Nach dem Schauturnen findet für die .Turner, deren Angehörige und Qäste ein gemütlicher Kommers in einem Saal des „Zoologischen Gartens" statt. Bureau des IX. Zionisten=Kongresses Hamburg, Große Bleichen 65 1