Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es folgt der Festvortrag von Herrn Dr. Sandler-Bresiau: „Die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz", den wir an anderer Stelle zum Abdruck bringen. Mit der Absingung des Hatikwoh-Liedes schloß die Feier. Hierauf folgte ein Festessen, bei dem die hebräische Rede Nahums Sokolows, die einen historischen Oberblick über die Zusammenhänge zwischen Kattowitz und Moses Montefiore, recht viele persönliche Erinnerungen und Eindrücke aus dem East Cliff Lodge in Ramsgate enthielt, Stürme der Begeisterung auslöste. Abends fand eine Volksversammlung statt, die größte jüdische Versammlung, die Kattowitz, die vielleicht Oberschlesien je gesehen hat. Mehr als 1500 Menschen hatten den großen Saal bis auf den letzten Platz besetzt, viele mußten umkehren, weil es unmöglich war, sie noch unterzubringen. Als erster Redner sprach Herr Rabbiner Dr. Osias Thon-Krakau, dessen Rede wir in der vorigen Nummer veröffentlicht haben. Sie wurde mit begeistertem Beifall aufgenommen. Sodann sprach Dr. Wittkowsky-Berlin über „Der Zionismus und die deutschen Juden": Es ist ein mühevolles Unternehmen, dem Wege nachzuspüren, der die Psyche der deutschen Judenheit von Kattowitz nach Basel, von dem verborgenen Winkel, in dem die Grenzen der beiden großen Strömungen am modernen Judentum des Ost und West zusammenlaufen, in das helle Licht der europäischen Öffentlichkeit geführt hat. Ja, es ist vielleicht unmöglich, einen Weg dort zu finden, wo eine kontinuierliche Entwicklung nicht zu bestehen scheint____So beginne ich denn, in den alten Jahrgängen der deutsch-jüdischen Zeitschriften nach dem Geiste zu forschen, der vor 25 Jahren denkende Männer an dieser Stelle zusammengeführt hatte zur sogen. Kattowitzer Konferenz! Welch einen eigentümlich symbolischen Klang hat doch dieses Wort für uns alle erhalten, die wir mit unserm besten Trachten in der zionistischen Bewegung stehen. Wir sehen in ihr den Anbruch einer neuen bessern Zeit, das Erwachen der jüdischen Volksseele zu neuem Wollen, und über ein Menschenalter hinweg fühlen wir in der Glut unserer Sehnsucht, in dem Ringen nach eigenem, nicht erborgtem Besitz uns eins mit jenen 36 Männern, die den Grundstein legten für eine neue jüdische Heimat, die als erste das Golus innerlich wie äußerlich zu überwinden suchten. Was aber lebte von diesem frischen Geiste in jener Generation deutscher Juden, den Zeitgenossen der Kattowitzer Konferenzler? War er überhaupt vorhanden, so mußte man ihn in dem jüdischliterarischen Niederschlag jener Tage suchen, und - ich muß es gestehen — dieses Suchen bot einen eigenen trostreichen Genuß. Es ist, als begäben wir uns aus der Höhenluft der Gegenwart, in der das Atmen so frei ist, die Brust sich weitet und die Seele sich stark fühlt zu großem Wollen, in den Dunstkreis der engen Judengasse. Der graue Jammer packt uns bei dem Anblick jenes gequälten Suchens, dem jüdischen Volke zwischen Leben und Tod noch eine dritte Erscheinungsform ausfindig zu machen. Ein Bild herzbeklemmender Sinn- und Zwecklosigkeit breitet sich vor unserm geistigen Auge aus, es ist ein Bild, das sich immer gleich bleibt: die Sucht der seelisch Entwurzelten, ihre ihnen selbst sinnlos erscheinende jüdische Sonderinstanz vor sich selbst zu rechtfertigen. Nicht der Hauch eines Verständnisses oder eine Ahnung nur, daß unter ihnen tapfere, edle Männer lebten, die, wenn auch nur Ostjuden, in Hazefira, Hamagid, Hameliz den Kampf gegen die geistige Assimilation aufgenommen hatten, die von einer hebräischen Kultur schwärmten und die seelische Regeneration des jüdischen Volkes als sittliches Postulat aufstellen konnten. Nicht mit einer Zeile wird solches Streben erwähnt; was Wunder, daß wir vergeblich suchen nach einer Stellungnahme zu den Beschlüssen der Kattowitzer Konferenz. Nur wie zufällig findet sich ein Bericht über die Gründung eines Vereins „Zion" in Heidelberg, der die Kolonisation Palästinas, die Forderung der hebräischen Sprache und die Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina erstrebt und der mit einigen hämischen Worten abgetan wird; dafür aber wird mit großem Benagen ein angeblicher Protest pal istinensischerGemeinden gegen diedrohendeEinwanderung und Kolonisation des heiligen Landes abgedruckt und auf ein von der türkischen Regierung erlassenes Verbot der Immigration nachdrücklichst hingewiesen. Eine merkwürdige Analogie übrigens mit der Brunnenvergiftung unserer Freunde aus dem Lager der Allianz. So viel über den Geist der deutschen Israeliten jener Tage, freilich war es nur der Geist der sogenannten liberalen Kreise. Es war daher nichts als ein äußerer Zufall, der die Chowewe Zion nach Kattowitz auf deutschen Boden geführt hat. So dürfen denn die deutschen Juden den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, mit wenigen Ausnahmen den Verhandlungen jener Tage fast völlig ferngestanden zu haben. Und doch hieße es unkritisch verfahren, wollte man an solches Verhalten den Maßstab eines moralischen Werturteils legen. Wie jede historische Erscheinung haben wir auch das Assimilantentum, um uns eines Ihnen allen geläufigen Parteiausdrucks zu bedienen, zunächst rein intellektuell zu beurteilen, haben uns zu fragen, wie dieser Geist, der sich dauernd ändern, anpassen und doch sich nicht gänzlich aufgeben will, überhaupt Zustandekommen konnte. Es ist eine gerade unter unsern Freunden verbreitete irrige Anschauung, daß die Assimilation mit allen ihren betrüblichen Begleiterscheinungen ein Produkt der Neuzeit sei. Es ist das eine irrige Anschauung. Denn wir dürfen uns nicht verhehlen, daß mit dem Begriff der Assimilation eine Seelenanomalie keineswegs nur der modernen Judenheit bezeichnet ist, vielmehr lehrt die ganze Geschichte unserer Diaspora, daß überall und zu allen Zeiten unser Volk, wenn es den Weg zu den Kulturgaben seiner Umgebung offen fand, mit einer seltenen Agilität nicht Fremdes sich anzupassen, — das tut jedes kulturell befähigte Volk, — sondern sich dem Fremden anzupassen suchte. Kongruenz! Was für ein Unterschied besteht zwischen dem jüdisch-hellenischen Philosophen, der Abraham als das Symbol der griechischen Sophrosyne darzustellen sucht und dem jüdisch-deutschen Philosophieprofessor, der einen Zusammenhang zwischen Kant und dem Judentum nachweisen zu können glaubt. Über Jahrtausende hinweg sehen wir jüdische Intellektuelle an der gemeinsamen Arbeit, Gegensätze zu überbrücken, die ein tragfähiger Steg nie verbinden kann. Eine Sisyphusarbeit, denn was ist uns geblieben von jenen hellenistischen Kulturtaten, merklich nicht viel mehr als ein armseliger Name, das Geschenk der Isis, der Isidor, damals ein Assimiiantenname par excellence, heute das Gespött der Völker, dem sich in Jahrhunderten wahrscheinlich Jung Siegfried ebenbürtig und als Pionier der jüdischen Familientradition an die Seite stellen kann. Was also konnte dem deutschen Judentum Kattowitz bedeuten? Was konnte ihm jüdischer Nationalismus sans phrase, wie er damals propagiert wurde, sein? Die da glückliche Besitzende zu sein wähnten, hatten nicht mehr als ein mitleidiges Achselzucken für jene Schwärmer einer jüdischen Kultur, wenn sie es überhaupt für nötig fanden, von ihnen Notiz zu nehmen. In dem zuversichtlichen Glauben, mit der deutschen Kultur unlöslich verankert zu sein, befangen von dem Nebel eines Liberalismus, der damals gerade erst zu zerbröckeln begann, eines Liberalismus, der dem Judentum identisch war mit allem, was Freiheit, Humanität, Menschenrechte bedeutet, mußte er jüdische Selbstbefreiung als Reaktion, als ein Zurückfallen in längst überwundene Kulturformen ansehen. Und nun setzte merklich die Reaktion ein, nur daß sie nicht von innen kam, — wie könnte überhaupt ein Volk ohne eigenen Boden und Kultur eine in sich geschlossene und durch sich bedingte Entwicklung durchmachen, — sondern von außen in das Judentum hinein getragen. Ich kann es mir ersparen, auf die einzelnen Phasen dieses Vorgangs näher einzugehen. Sie alle wissen ja zur Genüge, wie gerade, genährt durch die Gedanken des liberalen Zeitalters, die sogenannte nationale Bewegung unter den Völkern aufkommen konnte, wie die ja immer bestandene Differenziertheit der Nationen dem frühern verbindenden Ideal zum Trotz als sittliche Forderung hingestellt wurde und wie dann endlich unser Volk, als alle Nationen ihre Bilanz aufgestellt hatten, dastand als ein Haufe verlorener Menschen, die sich ihrer Blöße bewußt wurden und mit den Farben der andern ihren Mangel zu decken suchten. So wurden sie nationale Polen, Tschechen, Deutsche, und vielfach war es der lächerlichste Grund, dem sie ihre Zugehörigkeit zu dieser oder jener Nationalität zu danken hatten. Es kam etwas seelisch Haltloses, Unwahres in den jüdischen Geist, was die andern wohl zu entdecken wußten. Und voller Entsetzen mußte der deutsche Jude wahrnehmen, daß gerade die größten Söhne seines Vaterlandes, ein Wagner, Treitschke, Schopenhauer, Paul de Lagarde, den tiefsten Abscheu empfanden, nicht vor dem altjüdischen, Geiste, sondern jenem, der in anderm Gewände an den Kulturgütern seiner Umgebung wirksam mitzuarbeiten wähnte. Diese Mißachtung der Intellektuellen, die ihren markantesten Ausdruck im gesellschaftlichen und politischen Boykott fand, war die große Katastrophe für unser modernes Judentum, nicht, weil gerade die Elemente, die eine gewisse kulturelle Höhe erreicht hatten, sich dauernd vom Judentum abwandten, sondern weil nun ein Wüten gegen sich selbst, eine Selbstzerfleischung begann, die vielleicht in der ganzen Welt ihresgleichen sucht. Es ist die unvergleichliche Tat eines an sich bis zum Wahnsinn verzweifelnden Geistes, wenn Weininger, ein unglücklicher Sohn, aber zweifellos ein Mann von sittlichem Pathos, im Judentum gar eine Kategorie im Kanteschen Sinne, die alles enthält, was an negativen Kräften in der menschlichen Seele vorhanden ist, sieht. Nicht jeder hat den schrecklichen Mut dieses Mannes, seine letzten Gedanken zu Ende zu denken. Doch Tausende führten ein Dasein mit einem ingrimmigen Haß gegen sich und ihr Judentum, dem sie in dem sogenannten jüdischen Antisemitismus Luft machten. Sie alle litten und leiden an der Heimatlosigkeit. Was dem altgläubigen, der messianischen Zeiten harrenden Juden möglich war, die Heimatlo:igkeit mutigen Herzens zu ertragen, dem modernen Juden des Westens, dem sogar das Surrogat einer nationalen Kultur, das