Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gehen müssen. Was endlich die rumänischen Choveve Zion anlangt, die durch einen Delegierten in Kattowitz vertreten waren, so hat ihre Organisation, das Qalazer Zentralkomitee, schon vor 1884 und anscheinend auch nachher ihr Eigenleben geführt. Alles in allem: die unmittelbare Wirkung der Konferenz auf die Tätigkeit der Choveve Zion war nicht bedeutend, und man kann sehr wohl, wenn man sich nur an die praktisch wichtigen Ereignisse hält und nicht als Historiker schreibt, die Geschichte der Choveve Zion darstellen, — wie das in der Jewish Encyclopedia der Fall ist, — ohne der Kattowitzer Konferenz Erwähnung zu tun. Sie war, wie Pinsker sagte, nichts als ein winziger Anfang. Aber das ist es eben, sie war ein Anfang. Sie schuf ein Prinzip und eine Methode, die sich erst später durchsetzten. Die geringe reale Bedeutung der Konferenz bildet keinen Widerspruch zu ihrer großen historischen Bedeutung. Die Wirklichkeit hat an dieses Ereignis nicht angeknüpft, der Historiker aber muß die gesamte neuere Entwicklung der Zionsidee auf jenes Datum zurückführen, weil hier dem neuen Geist zum erstenmal Form und Ausdruck gegeben wurde, der sich freilich erst im Anschluß an neue Konferenzen und Ereignisse Geltung verschaffte. So muß die Geschichte letzten Endes die Kattowitzer Konferenz doch als das Samenkorn betrachten, aus dem sich zunächst ein schwaches Pflänzchen entwickelte, das sich aber in mühsamer Entwicklung zum Baume auswuchs, in dessen Schatten einst Israel seinen Frieden finden soll. Aber der Grundgedanke, der in Kattowitz die Köpfe beherrschte, und der vorher langsam herangereift war, ja, der sogar in Kattowitz selbst nicht mehr in der alten Frische und Schärfe hervortrat, ist kein anderer als der, der später im politischen Zionismus Herzls wieder auflebte; freilich aber ist er ein anderer als der, der zuweilen die Tätigkeit der Choveve Zion beherrschte. Wenn es uns im folgenden Abschnitt gelingt, dies nachzuweisen, so wird uns die historische Bedeutung der Konferenz um so größer erscheinen. Zuvor aber sei noch darauf hingewiesen, daß in einer Beziehung die Konferenz einen wirklichen direkten Erfolg bedeutet, den wir heute als eine der Haupterrungenschaften des Zionismus preisen. Zum ersten Male hatten sich hier Männer der verschiedenartigsten religiösen Anschauungen zusammengetan, um gemeinsam über das Schicksal des jüdischen Volkes zu beraten. Zum ersten Male betrachteten sie sich in Kattowitz in einer großen jüdischen Angelegenheit als gleichberechtigt, als gleichwertig, als Brüder. Geehrte Festversammlung! Bei der komplizierten pathologischen Lage des jüdischen Volkes müssen jüdische Volksbewegungen ebenfalls einen ungemein komplizierten Verlauf nehmen. Die einzelnen Teile des jüdischen Volkes leben voneinander getrennt, befinden sich in verschiedenen Stadien der Emanzipation und der Aufklärung und stehen unter demEinfluß verschiedenartiger Milieus. Selbst der Antisemitismus äußert sich in den einzelnen jüdischen Zentren nach Zeit, Form und Intensität verschieden. Der Weg zur nationalen Idee wurde bald durch philosophisch-historische Betrachtungen, bald unter dem Einfluß großer Ereignisse der europäischen Politik, bald in dem Entsetzen, das die Judenheit zurzeit der ersten Pogrome erfaßte, bald wieder durch religiöse Betrachtungen, und endlich unter dem Einfluß werktätiger Philanthropen oder theoretisierender Schriftsteller gefunden. Eine Bewegung, die aus so mannigfachen Wurzeln herzuleiten ist, muß so kompliziert sein, daß es völlig aussichtslos erscheint, ihre einzelnen Stadien durch Schlagwörter zu fixieren. Gewiß erleichtern Schlagwörter oft die historische Kritik, aber welchen Schaden haben sie hier angerichtet! Nationale und philanthropische Ziele, politische und wirtschaftliche Methode, Klein- und Großkolonisation, — diese Schlagwörter behandelte man wie unwandelbare Ewigkeitswerte und prägte sie bestimmten zionistischen Richtungen auf, obwohl sie nur unter bestimmten Voraussetzungen und Umständen zutrafen. Eine Analyse dieser Strömungen aber lehrt, daß das Schema die Wirklichkeit verzerrt, daß manche Prinzipien, die für die eine Richtung charakteristisch erschienen, tatsächlich aus der ihr angeblich entgegengesetzten Richtung entlehnt sind, oder aber, daß die eine Richtung die andere zur Voraussetzung hat. In einem Essay über die Geschichte erzählt Emerson, er habe einen Bekannten, einen tüchtigen technischen Zeichner, der nur dann eine Skizze von einem gebirgigen Terrain aufzunehmen imstande sei, wenn er den geologischen Aufbau der Felsen kenne. Das ist es: die Kenntnis vom innern Aufbau gibt allein den Schlüssel zum Verständnis der fertigen starren Formen. Schon wenn man der Tätigkeit der Ch. Z. den Stempel der reinen Philanthropie aufprägt, begeht man den Fehler, das in einer langen Epoche wirksam gewesene Prinzip auch für die Ursprünge der Chibath- Zion-Bewegung und den gesamten Verlauf der Tätigkeit des Komitees zu verallgemeinern. Doch davon sei später die Rede. Schlimmer ist es, daß das Schlagwort „philanthropischer Charakter" in manchen Köpfen das schiefe Urteil erzeugt hat, daß die Arbeit der sogenannten Kleinkolonisatoren auch des nationalen Charakters entbehre. Für manche Fälle, — es sei nur an den deutschen Verein „Esra" erinnert, — trifft ja diese Schlußfolgerung zu. W7enn man eine solche Tätigkeit als anational oder gar antinational bezeichnet, so bedeutet das nicht nur, daß die rein philanthropische Tätigkeit der nationalen Triebfeder, des nationalen Geistes ermangle, sondern vor allem, daß sie nicht den nationalen Endzweck der Kolonisation, die Regeneration des jüdischen Volkes in Palästina, die Schaffung einer dauernden Volksheimat als ihr Ziel betrachte. Es ist nicht zu leugnen, daß es in der Chibat-Zion- Bewegung Perioden der Erschlaffung gab, in denen die wahre, ursprüngliche Idee der Bewegung in Vergessenheit geriet und verfälscht wurde. Aber unzutreffend sind solche Vorwürfe gerade für die Perioden intensivster Tätigkeit, für die letzten Jahre, und besonders auch für die Entstehungszeit der Bewegung. Wir wollen bei diesem wie bei den übrigen Vorwürfen uns unserm Thema gemäß an die Ursprungszeit der Bewegung halten und zeigen, daß die Begründer der Chibat- Zion-Bewegung, die sich auf der Kattowitzer Konferenz zum erstenmal zu organisieren versuchten, über jene Vorwürfe hoch erhaben sind, daß vielmehr die Grundzüge des heutigen politischen Zionismus längst ihr geistiges Eigentum waren, und daß es ihnen, soweit nicht Zeit und äußere Umstände die Schuld zu tragen haben, nur an der Macht und Fähigkeit gebrach, diesen großen Ideen Leben einzuhauchen. (Fortsetzung folgt)