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Die Welt · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1028 DIEMKE LT No. 47 «*\ <**ß'\ ji Die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Zionismus") Von Dr. Aron Sandler, Breslau Geehrte Festversammlung! Die bedeutungsvollen' geschichtlichen Strömungen entwickeln sich nicht in geradlinigem Aufstieg, sondern in einem wechselvollen "K Auf und Nieder. In diesem Wirrwarr von Ideen und •> Tatsachen, von Verwicklungen und Auflösungen, späht das Auge des Kritikers nach Ruhepunkten aus, von denen her eine Orientierung möglich ist. So greift man einige wenige kritische Daten heraus, deren 1 historischer Wert nicht darin besteht, daß sich etwa J an jenen Tagen hochbedeutsame Ereignisse abgespielt ,3* hätten oder wichtige Wendepunkte in der Entwicklung ' eingetreten wären, sondern nur darin, daß sieOrientierungsmöglichkeiten bieten. An einem solchen kritischen Tage kann eine Idee, die auch schon vorher im Leben des Volkes eine Rolle gespielt hat, besonders sichtbar in die Erscheinung getreten oder besonders klar zum Ausdruck gelangt sein. Stellen wir ein solches Datum einem andern charakteristischen Tage gegenüber, so steht uns in plötzlicher greller Beleuchtung Sinn und Richtung der gesamten Entwicklung vor Augen. Solch ein kritisches Datum ist in der modern-jüdischen Bewegung das der Kattowitzer Konferenz, die vor 25 Jahren stattfand. Es gewinnt wahre historische Bedeutung, wenn wir ihm das Datum des ersten Baseler Kongresses gegenüberstellen. Wir haben in der zionistischen Agitation oft auf das Beispiel der deutschen Einigungsbewegung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hingewiesen. Die Ideen, die damals von jugendlichen Schwärmern entgegen dem brutalen Widerstande aller autoritativen Mächte im Staate verfolgt wurden, sind mit überraschender Schnelligkeit Gemeingut des gesamten Deutschland und Wirklichkeit geworden, weil ihnen ein gesunder, geschichtlich berechtigter Grundgedanke innewohnte. Für diese Einigungsbewegung galt jahrzehntelang das Wartburgfest als ein charakteristisches Datum. Es war ein an sich höchst unwichtiges Ereignis, daß einige hundert Studenten ein paar Dutzend Schriften, einen Haarzopf und eine Schnürbrust verbrannten, aber dieses Fest war den Deutschen ein Fanal, es lebte in der Erinnerung wie ein historisches Ereignis fort, wie das Zeichen einer neuen Zeit. Auch die Kattowitzer Konferenz war, wenn wir die Verhandlungen überschauen, kein epochemachendes |jr Ereignis, aber diese Tagung stellt ein charakteristisches Datum zu Beginn einer neuen bemerkenswerten Epoche im Leben des jüdischen Volkes dar. Darin liegt ihre Bedeutung. Wir feiern den 25jährigen Geburtstag einer bedeutsamen jüdischen Bewegung, ja, eigentlich nicht einmal den Geburtstag, sondern den Tag, an dem der f*** Keim gepflanzt wurde, aus dem nicht sobald, sondern erst nach langem Kämpfen und Ringen in späterer Zeit die junge Saat aufsproß. fH Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Ihnen f die Ereignisse ausführlich zu schildern, die der Kattowitzer Konferenz vorausgingen und ihr folgten, oder Ihnen über '<•»».•,. —----------— ::) Festvorlrag, gehalten am 7. November 1909, bei der in Kattowitz veranstalteten Feier des 25jährigen Jubiläums der *ft Kattowitzer Konferenz m,- *■ bh die Verhandlungen zu berichten. Vieles hiervon darf ich als bekannt voraussetzen. Zudem befindet sich eine Festschrift*) in Ihren Händen, in der die Ereignisse im Zusammenhang dargestellt sind und der Inhalt der Verhandlungen skizziert ist. Ich wende mich vielmehr einer kritischen Würdigung jener Strömungen zu, die in den Tagen von Kattowitz zum ersten Male autoritativen Ausdruck fanden und programmatisch festgelegt wurden, die aber sehr bald über ihren engen Rahmen hinauswachsen sollten, um nach mannigfachen Wandlungen über den heutigen Tag hinweg zu einer grundstürzenden Änderung im Lebensgang des jüdischen Volkes zu führen. Welches war die tatsächliche unmittelbare Wirkung der Konferenz, welchen direkten Einfluß nahm sie auf den Gang der Ereignisse? Es sollten hier die zersplitterten Kräfte, die bisher für Zion tätig waren, zusammengefaßt werden. Es war, auch abgesehen von der zum Teil bedeutenden Wirksamkeit einzelner Männer, schon mancherlei, namentlich in bezug auf Organisation und auf praktische Betätigung in Palästina vor 1884 geschehen. Durch des Rabbiner Kalischer und des demokratischen Philosophen Moses Heß' Ideen angeregt, waren einzelne kleine Zionsvereine entstanden. 1870 hatte Charles Netter die Ackerbauschule der Alliance in der Nähe von Jaffa begründet, die freilich später ihrem Namen Mikweh Israel, d. h. Hoffnung Israels, so wenig gerecht werden sollte. Dann wraren, - - um diese Tatsachen hier nur flüchtig Revue passieren zu lassen, — auch bereits bewußt-zionistische Aktionen in Palästina erfolgt, zunächst durch Moses Montefiore, dann durch die begeisterten Pioniere, die es kühn unternahmen, mit der Realisierung der Zionsidee es für ihre Person ernst zu machen. Da war die Kolonie Rischon le Zion von intelligenten jungen russischen Juden gegründet worden, dann die anfangs so unglückliche und heute so prächtig emporgediehene Kolonie Pethach Thikwah von Jerusalemer Juden, weiterhin in Samaria Sichron Jacob (wie die Kolonie später genannt wurde) von rumänischen Juden, und gleichfalls von rumänischen Juden hoch oben im Norden in Galiläa, als nördlicher „Eckstein" des neuen Gebäudes, die Kolonie Rosch Pinah. An vielen Orten, zumal Rußlands, waren Vereine der Choveve Zion, wie sie sich nannten, entstanden. Baron Edmund Rothschild hatte, durch die Choveve Zion für die Idee gewonnen, mehrere Kolonien unter seinen Schutz genommen. All das war vor 1884 geschehen, aber all diese Formen zionistischer Betätigung waren zusammenhanglos, die Arbeit erfolgte nicht nach einem gemeinsamen Plan, nach einem wohldurchdachten System. Dr. LeonPinsker, der Führer der Odessaer Choveve Zion, und Rabinowitz, genannt Schefer, derFührer derWarschauerZionsfreunde, strebten einen Zusammenschluß der zerplitterten Kräfte an, damit in Zukunft in der Sammlung der Gelder wie in der Arbeit in Palästina mehr Einheitlichkeit und Planmäßigkeit herrsche. Zu diesem Zwecke versammelten sich hier in dieser Stadt vor 25 Jahren die 36, zumeist aus Rußland gekommenen Delegierten der Choveve-Zion- Vereine. Hier in Kattowitz war, — um einige wenige Bemerkungen hierüber einfließen zu lassen, — ein Bnebrith-Verein gegründet worden, der nach den Statuten den Zweck verfolgte, „ihres Glaubens wegen verfolgte *) ]"PS ruf"!/ Festschrift zur 25jährigen Gedenkfeier der Kattowitzer Konferenz der ^nmn- Herausgegeben im Auftrage des oberschlesischen Gruppenverbandes. Verfasser Dr. Heinrich Loewe

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