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Die Welt · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 47 t> IE EqKE LT 1027 dieser Behauptung förmlich mit Händen greifen. Der Zionismus ist kein kurz- oder langfristiges Unternehmen und soll als solches nicht behandelt werden. Das hat jeder zionistische Intellektuelle schon hundertmal zum Ausdruck gebracht. Das ist nicht ein „Nordpol", der erst jetzt entdeckt zu werden brauchte. Die Theorie von der Volksbewegung, die innerlich, geistig, gefühlsreich, von literarischen und pädagogischen jüdischen Kräften durchströmt sein müßte, die Notwendigkeit eines blühenden, regen, national-jüdischen Lebens, in dem die Sammelfunktion der Mittel für die zionistischen Zwecke ein integraler und dauernder, weil notwendiger Bestandteil sein müßte, — ist ebenso alt wie wahr. Es ist gar nicht möglich, einen Zionismus dauerhaft zu gestalten, ohne nicht an allen Ecken und Enden des jüdischen Lebens jüdisch zu neuern. Die Frage ist nicht theoretisch, sondern praktisch zu lösen. Der letzte Kongreß hatte ja einen Ausschuß für nationale Erziehung eingesetzt. Ohne materielle Mittel mußte und muß jeder Ausschuß und jedes Beginnen dieser Art ein papierner Beschluß bleiben. Von den Brosamen des Armentisches der allgemeinen Organisation kann sich eine solche Arbeit nicht nähren, zumal auch diese Brosamen fehlen. Es ist damit nicht getan, daß ein Warnungssignal gegen einen seichten Zionismus aufgerichtet, daß in anmutiger populärer Form dargestellt oder in zerfasernder und selbstquälerischer Grübelei die Theorie ausgesprochen wird: beides ist wässerige Publizistik, auch das Klagen. Auch könnte man den Klägern mit Recht die Frage stellen: Wer hat denn euch gehindert, etwas anderes zu schaffen? Der Zionismus ist tatsächlich kein Unternehmen, ergo soll nicht alles von diesen oder jenen Personen erwartet werden. Mögen andere ins Volk gehen, die Geister wachrufen, die Erziehung nationalisieren, eine große Literatur schaffen, eine Kunst pflegen und fördern, mögen sie die Bildner und die Beseeler des Ganzen sein, — sind denn die Herren A., B., C. — die Generalpächter des ganzen jüdischen Volkes? Man sollte sich deshalb nicht mit Redensarten begnügen. Offen und unverhüllt soll man sagen: mit der Theorie rennt man offene Türen ein, aber die Praxis erfordert Mittel. Es ist ja notwendig, einmal vom hohen Olymp herabzukommen und an die Wirklichkeit heranzutreten. Wollen wir eine Organisation ä la „Deutscher Schulverein", ä la „Macica" (in Böhmen) für nationale Pädagogik, oder ä la „Görres-Gesellschaft" (in Deutschland) oder „Mianowskische Kasa" (in Polen), — wir können hundert solcher Projekte vorbereiten, aber die Verwirklichung all dieser Projekte wird große Mittel erfordern. Zweifellos ist das ein Vacuum im Zionismus, das früher oder später ausgefüllt werden muß. Es bleibt das Problem, an dem wir uns abmühen müssen, alle zusammen, in friedlicher Zusammenfassung aller unserer Richtungen. Wie sauer dies auch uns ankommen mag, es ist die Bedingung des Lebens, von welcher der alte Historiker sagt, daß man sie um des Lebens willen nicht preisgeben darf. Besonders tritt uns diese unabweisliche Pflicht in Palästina und im ganzen Orient entgegen. Wer die Werbekraft der zionistischen Kräfte und Mittel nicht nur in den oberflächlichen Verwaltungsformen, sondern in den tiefern seelischen Zusammenhängen kennt, wer die schaffende Urkraft in richtiger Weise vor die ordnende und beherrschende setzt, weiß, daß eins der mächtigsten propagandistischen Momente, anregend und herzgewinnend wie kaum ein anderes, die Erscheinung ist, daß in Palästina die hebräische Sprache wie eine lebendige Sprache wenigstens bei einem Teil der heranwachsenden Generation gesprochen wird. Jeder zionistische Schriftsteller und jeder Redner beleuchtet diese Tatsache; alles übrige, namentlich, daß die Leute dann für diesen oder jenen zionistischen Fonds spenden, daß dieses Geld dann in entsprechender Weise verwaltet werden muß, all das ist die Folge, die Wirkung, die Form der Wirtschaft. Je mehr wir solche Tatsachen schaffen, auf die wir hinweisen können, desto mehr werden wir Sympathien und, was darauf folgt, — auch Mittel bekommen. Das ist es, was zu weiterm und höherm Wollen bestärkt. Die neue Entwicklung der Dinge macht auch die kulturell-jüdische Arbeit im ganzen Orient zu einem Faktor erstklassiger Bedeutung. Wir brauchen in der Bewegtheit des politischen Zionismus die aufhaltende, verzögernde, beruhigende Macht der nationalen Arbeit. Wir haben jetzt die Möglichkeit, auf das Judentum im Orient national einzuwirken, die Wege für das geistige Ringen sind gebahnt, die Anfänge sind schon oder können geschaffen werden, es fehlen nur die Kräfte und die Mittel. Jeder, der die Theorie aufstellt, der Zionismus müsse eine richtige, große, weltumspannende nationale Bewegung werden, spricht uns aus der Seele; er wiederholt nur, was wir schon tausendmal gesagt haben. Es ist nicht nötig, durch eine überspannte Derbheit Gegensätze herauszukonstruieren,wro tatsächlich keine Gegensätze, sondern Unzulänglichkeiten vorhanden sind. Nichts ist leichter, als einen pessimistischen Stimmungsdusel zu treiben. Das ist ein Merkmal von Erschlaffung, von Rück- und Hinfälligkeit. Man soll nicht von außen stehen und Jeremiaden anstimmen, sondern in das Zentrum der Arbeit mit aller Gewalt der Begeisterung hineindringen und die Richtung vertreten; für die man sich berufen fühlt, und Wege zeigen, wie man das Versäumte nachholen könne. Was ist denn eine Organisation? Sie ist die jeweilige Umklammerung der vorhandenen Elemente, der Rahmen für die treibenden und wirkenden Kräfte. Kommen die intellektuellen Kräfte, d.h. diejenigen, die einen intensivem Zionismus vertreten, nicht im genügenden Maße zur Geltung, so ist es ihre eigne Schuld. Das muß immer und besonders vor jedem Kongreß wiederholt werden, denn der Kongreß ist nichts Beschönigendes, Unterwürfiges und Zufriedengestelltes. Er ist dazu da, die Dinge zu bessern und die Lücken auszufüllen. Suchen wir ohne übertriebene Schwarzseherei, ohne Selbstüberhebung der Ruhesüchtigen und Trägen auf der einen und ohne grimmigen Spott der E>esserwollenden auf der andern Seite mit gesundem kritischem Sinn in brüderlicher Eintracht die Organisation, die ja unser eigenes Werk ist, so auszubauen, daß sie auch nach der nationalen Seite unter dem Gesichtspunkte der Wahrung unserer geistigen Güter und unserer Ewigkeitswerte dem Ziele sich nähere, das uns allen vorschwebt und voranleuchtet: durch den Zionismus das Volk zu belehren, zu veredeln und zu erheben, damit es die Kraft und die sittliche Größe gewinne, seine Eigenart und seinen Charakter rein und unverfälscht zu bewahren und unablässig dem Zionsideal entgegenzustreben. N. S. l*

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