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Die Welt · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIE NATIONALE ERZIEHUNG Der Zionismus ist nicht bestimmt, eine Episode in der jüdischen Geschichte zu sein; er muß sich zu einer nationalen Bewegung ausgestalten. Das Nationalgefühl ist das Bewußtsein, einer Nation anzugehören und somit verpflichtet zu sein, alles, was zu deren Größe, Ehre und Wohlfahrt beiträgt, wahrzunehmen, zu fördern, mit Rücksicht auf den allgemeinen Zweck auszunützen und auf diese Weise am Ausbau seines Volkstums mitzuarbeiten. Es gibt nichts Edleres, nichts Höheres auf Erden, als solch eine Betätigung. Nationalgefühl schließt Charakterfestigkeit in sich, und was bei dem einzelnen Menschen hochgehalten wird, das muß bei einem ganzen Volke um so höher gelten; wie der charakterfeste Mann eher seinen Schädel an der Wand einrennt, als daß eiserne Wesenheit wegwerfen würde, so muß auch ein Volk tun. „Jehareg weal jaawor!" Freilich, wo der Charakter fest und kräftig ist, da sind auch die Leidenschaften tiefer, gewaltiger und heftiger. Das Weltbürgertum ist sanft und versöhnlich, weil nichts an ihm ist. Der Allerweltsmensch mit seinem Wachsherzen schlüpft überall in den Flächen und Niederungen des Lebens wie ein Aal durch; er ist ja zu fein, zu gebildet, um zu beleidigen, aber auch zu feig, zu verbildet, um sich beleidigt zu fühlen, zu klug, zu seicht, um redlich zu lieben, zu schwach, um redlich zu hassen —: der Charaktermensch hingegen begegnet bald hier, bald dort Hindernissen und wird in Zusammenstöße und Reibungen verwickelt; er erwidert jeden Stoß und weicht der Reibung nicht aus, und genau so tief und kräftig, als er liebt, ebenso haßt er aus der Seele heraus, männlich und anhaltend. „Gedenke, was dir Amalek angetan hat!" Was vom einzelnen gilt, das gilt auch von der Volksgemeinschaft. Oberall,- wo lebhaftes Nationalgefühl ist, da wird auch Nationalstolz vorhanden sein. Diese Entwicklung ist naturgemäß. Sie bringt allerdings, auf die Spitze getrieben, wie jede höchste und geistigste Sache, die Religionen nicht ausgenommen, bedauerliche Wirkungen hervor, - zumindest führt sie zum Größenwahn, zur Selbstüberschätzung und Trübung des Urteils und damit auch der Vernunft, — aber ihr Gutes und Großes ist weit überwiegend. Sie bewahrt die Völker vor Erschlaffung und Verweichlichung, hält das Ehrgefühl in Spannung und Wachsamkeit, erregt löblichen Wetteifer und entwickelt die eine Menschen- bzw. Volkskraft in hundert- und tausendfältiger Wundergestalt Deshalb läßt es sich nicht mit dem Rechenstifte börsenkursmäßig aufzählen, was der Zionismus für die Volkserziehung mittelbar geleistet hat. Wenn man die zionistischen Studentenverbindungen und die Turner sieht, oder auch die vielen Bachurim-Vereine Galiziens, die vom Zionismus durchdrungen sind, beobachtet, so sieht man eine ganz andere Stimmung, eine ganz andere Lebensfreudigkeit und eine ganz andere Tatkraft. Das sind Menschen, wie sie Gott geschaffen. Sie vermögen zu lieben und zu hassen; sie sind dazu fähig, als Juden stolz zu sein; sie können Widerstand leisten, wenn sie angegriffen werden, und sie werden, dank dieser innerlichen Wiedergeburt, im Leben viel mehr leisten als die andern. Sie sind nicht nur vom nationalen, sie sind auch vom menschlichen Standpunkt wahrer und schätzbarer als der traurige Typus der Assimilation. Die seichten Humanitätsprediger halten uns immer und ewig ihre „Menschheitsideale" entgegen. Aber sie verstehen ebensowenig die Ideale der Menschheit wie die der jüdischen Nationalität. Gewiß, an den höchsten Zielpunkten der Menschlichkeit sollen sich alle Völker des Erdkreises zusammenfinden und als Brüder im Geiste in der Wahrheit und Schönheit vereinigen, aber den Weg dahin soll und muß jedes Volk auf seine eigene Art zurücklegen. So heischt es die Natur selbst; denn wozu hätte sie sonst den einzelnen Völkern besondere, hervorstechende Eigenschaften gegeben? Diese feine Charakter-Eigenart zu wahren, das ist die heiligste Pflicht eines Volkes; denn sie allein verbürgt ihm den Aufstieg zur Höhe, den Aufflug zur Größe. Ohne Pflege derselben stirbt das Volk im Kern ab und wird somit eine leichte Beute derjenigen, die es verschlingen wollen. Nichts stachelt seinen Tatendrang; müßig steht es am Markt des Lebens, oftmals wiederholt es mit Paradepathos die Phrase, es stehe ihm noch eine große Aufgabe bevor, aber im Grunde glaubt es weder an sich noch an seine Aufgabe. Es bleibt ein Schatten, höchstens ein Fähnlein, ohne Organisation und Heerbann, oder noch richtiger ausgedrückt: nur Organisation, Gemeinden, Anstalten, Vorstände, Ausschüsse, Ämter, Ämter und Ämter, bei denen die Form den Inhalt erstickt und die ursprüngliche Zweckbestimmung vollständig der Vergessenheit preisgibt. Das ist der langsame, aber sichere Untergang. Wer möchte dies wünschen, wer — die ruhmreiche Geschichte unseres Volkes so in den Sand verlaufen sehen? Wie mit den Menschheitsidealen, so treten auch unsere innern Volksfeinde uns im Namen des Staats und des Patriotismus entgegen. Sie haben sogar dafür allerhand praktische und politische Gründe in Bereitschaft. Aber all das Gerede hat keinen logischen Halt. Das Jüdisch- Nationale ist ein Etwas, das sich wohl mit einem guten Bürgersinn vertragen kann. Dazu sind die begrifflichen Definitionen ganz überflüssig. Das Leben liefert dafür Beweise in Hülle und Fülle. Es ist ein arger Mißbrauch des schönen Wortes „Vaterlandsliebe", wenn sich die Assimilation seiner bedient, um die jüdische Nationalität aus der Welt zu schaffen. Da ist kein gordischer Knoten zu lösen, sondern zu binden. Wir aber, denen die Offenbarung des Nationalbewußtseins — zum tausendsten Mal in der jüdischen Geschichte — zuteil ward, wir müssen die Schlafenden aufrütteln, die Säumigen anspornen, die Begeisterten unter die Fahne sammeln, den Streitenden beispringen, an ihre Spitze uns stellen. Und da gilt es auch unmittelbar zu wirken. Das ist die nationale Erziehung, die zu den Hauptaufgaben des Zionismus gehören muß. „Die Rückkehr zum Judentum." In blassen Zügen dämmert das Bild dieses Programms, wenn auch noch ganz fern und geisterhaft, auf. Der Zionismus soll überall in Schrift und Wort Liebe zum jüdischen Volkstum wecken, Achtung vor jüdischer Eigenart pflegen und zur Nacheiferung jüdischer Tugenden anregen. Vermag er dies, trägt er zur Hebung des Nationalbewußtseins bei, so wird er zu einer Volksbewegung, die sich immer aus jedem Erstarrungstode verjüngt und erneuert. Man kann sich durch nichts mehr von der faden Assimilation abheben, als durch Mehr- und Besser-Jude sein. Dieses Gefühl wühlt in den Gemütern der tiefsinnigem Zionisten seit dem ersten Kongreß. Man kann die Richtigkeit

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