Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316397--52513-3346216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE3&ELT No. 46 1017 Wird wieder über lärmende zionistische Propaganda geschrien werden? Hier ist wieder ein spontanes Hervortreten zionistischen Interesses aus der unbeeinflußten Mitte des einheimischen Judentums heraus, und ein ebenso spontanes, mannhaftes, freimütiges Bekenntnis eines Türken zu unserer Sache. Man wird nicht gut von den hiesigen Zionisten verlangen können, daß sie solche Regungen unterdrücken sollten. Sie wären einmal dazu gar nicht in der Lage, anderseits täten sie mit solchem Versuche sich selbst den schlimmsten Tort an; es müßte scheinen, daß sie absolut etwas zu verbergen hätten, daß ihre Sache wirklich zu schlecht oder verdächtig sei, um Denunziationen entgegen vor das Tageslicht zu treten. Dschelal Nury Bej sprach eineinhalb Stunden Türkisch, um sodann in kurzer Zusammenfassung noch einmal eine halbe Stunde lang das Wesentliche des Gesagten in französischer Sprache zu wiederholen. Er hatte es sich zur Aufgabe gestellt, die Frage zu beantworten: „Was hat die Türkei von den Juden und was haben die Juden von der Türkei zu erwarten?“ Der Redner begann mit der Charakterisierung der alten und der neuen Türkei, dann der Juden unter dem alten und unter dem neuen Regime. Um ihr früheres Verhältnis zum Staate zu zeichnen, repetierte er das bittere Wort eines Saloniker jüdischen Deputierten: „Wenn der ottomanische Jude zehn Para verdient, so kauft er sich Brot, wenn er die ersten tausend Franken verdient, so kauft er sich einen fremden Paß.“ Diese Fahnenflucht aus der ottomanischen Untertanenschaft in die ausländische, verdiente ihre mildernden Umstände; dem Bereich des alten Regimes zu entgehen, war eben ein Glück. Anders in der Gegenwart; er sei sicher, daß jetzt die entgegengesetzte Strömung bestehe; die ottomanischen Juden seien ebenso freiheitsliebend und staatstreu, wie die übrigen Nationalitäten. Beweis dessen seien gewisse ihrer Vertreter im Parlament, und werde noch viel mehr die Teilnahme der Juden am Militärdienst werden. Diese Anhänglichkeit vergelte die Türkei mit aufrichtiger Freundschaft. Sie ist mehr als philosemitisch. Sie hat vor hunderten von Jahren das verjagte jüdische Volk Spaniens aus freien Stücken in ihre Grenzen geladen und mit offenen Armen empfangen. Ein Reich mit solcher Vergangenheit und solchen Traditionen kann-, niemals antisemitisch sein oder werden, trotz der albernen Versuche eines senilen Schwachkopfes wie Ebbuzzia Tewfik, der übrigens jetzt schon widerrufen und somit seine eigene Theorie zerstört hat. So ist das gegenseitige Gegenwartsverhältnis der beiden Faktoren. Die islamische und die jüdische Welt haben aber auch innere Verwandtschaft. Bei beiden ist die Religion, abgesehen von ihrem verwandten seelischen Gehalt, sozusagen politischer Faktor für sie geworden. Selbst für die freiestdenkenden unter ihren Adepten ist sie zum Ausdruck der Zusammengehörigkeit, der Solidarität gegenüber der christlichen Welt, zu ihrer nationalen Fahne geworden. Aber nicht sie allein, auch die historischen Traditionen, das Festhalten an ihrer Urväter Sprache, an ihren Sitten und Gebräuchen, hat die Juden aller Welt als einheitliche, eigengeprägte, Nation erhalten. Und als solche verehrt und bewundert sie die türkische Welt, als die Nation „par exellence“, die keine Gewalt und keine Zerstreuung hat brechen und vernichten können. Der Türke wisse, was es heißt, gegenüber dem Andrängen der christlichen Welt nationale Eigenheit zu bewahren. Wenn daher der Jude weiter von den Türken geachtet und geliebt sein will, so hat er weiter sein Eigengepräge, seine Religion, seine Sitten, seine Kultur und Sprache, und seine Teile als geschlossene Einheit in alle Welt zu bewahren. Die ottomanischen Juden haben daher vor allem ihren sie von der übrigen Judenheit trennenden, kulturlosen, an ihre Schmach erinnernden spanischen Jargon abzulegen und ihre Sprache, das Hebräische, eine der schönsten, die in der Welt existieren, deren Ruhm kaum eine zweite gleichkommt, unter sich zu verbreiten. Die Türkei braucht zu ihrer Regierung intelligente Köpfe, hilfreiche Arme und Kapitalien. Sie muß also Einwanderer in ihre Grenzen rufen. Sie weiß, daß die Juden in aller Welt unterdrückt und verfolgt sind und nach der Türkei ihre Blicke richten möchten. Die Türkei wird und muß einsehen, daß diese verfolgten Juden das beste Element für die nötige Einwanderung ist. Sie sind intelligent, arbeitsam und reich, sie haben keinen Staat, keine Kanonen, nicht einmal einen Dragoman hinter sich, der politischen Hintergedanken, die ihnen völlig fernliegen, Vorschub leisten und dem türkischen Reiche gefährlich werden könnten. Alles Gerede von einer Gefahr durch die Juden ist Unsinn, Betrug und Eselei. Die Türkei kann ganz sicher sein: sollten irgend einmal separatistische, reichsfeindliche Gedanken einem Teil der immigrierten Juden beifallen, so genügt es, ihre eigenen Brüder, die ottomanischreichstreuen Juden auf sie loszulassen; diese werden den Ungetreuen selbst die Köpfe zerschmettern, ohne daß die Türkei selber auch nur die geringste Anstrengung zur Unterdrückung nötig hätte; die jüdischen Kompanien, die bald existieren werden, werden ausreichen, die türkischen Soldaten werden ruhig zu Hause bleiben. Also die Befürchtungen und Verleumdungen sind nichts als Hirngespinste. Die noch in Bildung begriffene Regierung wird das ganz sicherlich in kürzester Frist erkennen und vertrauensvoll den Juden die Tore öffnen, um so die glorreiche Tat der türkischen Altvordern noch einmal zu wiederholen. Nein, die Juden werden weder eine separatistische Autonomie, noch ein eigenes Königreich, oder gar ein Kaiserreich begehren. Was sie verlangen und erhalten werden, das ist in Palästina, das ihnen aus tausend Gründen teuer ist, ein Zentrum für ein ruhiges, gesichertes Zusammenleben nach eigner Art und mit eigner Kultur. Ihre eigenen Sitten, eigne Kunst, Sprache, Schule, Universität, Presse. Die türkische joder die islamische Welt wird ihnen das nicht verweigern. Hat s e doch in Kerbela eine geschlossene Gemeinschaft aller Schiiten, dieser gegnerischen Auffassung der ottomanischen Staatsreligion, trotz aller erbitterten historischen Feindschaft, nicht nur zugelassen, sondern sogar herbeigeführt, indem sie alle Anhänger dieser Lehre aus allen Ländern der Welt einlud, in die ihnen heiligen Stätten einzuwandern! Warum sollte sie das für die Juden nicht tun? „Ich habe“, fuhr Dschelal Nury fort, „erst heute mit einem unserer Minister gesprochen. Er hat sich wärmstens in meinem Sinne für die jüdische Einwanderung in alle Teile der Türkei, Palästina nicht ausgenommen, ausgesprochen. Nur drei Bedingungen, sagte er mir, werde die Regierung von den einwandernden Juden verlangen müssen: Erstens die sofortige Aufgabe ihrer frühem Staatsangehörigkeit und die Annahme der ottomanischen, zweitens den Nachweis, daß die Immigranten dem Lande nicht ökonomisch zur Last fallen werden, und drittens die Gesundheitsnachweise, die auch die Vereinigten Staaten von ihren Einwanderern verlangen. Ich zweifle nicht, daß die Juden diese Bedingungen erfüllen werden. Die Türkei hat viel, sehr viel von der Einwanderung der Juden und von der Freundschaft der zurückbleibenden, ihr dankbaren Juden, besonders auf finanziellem Gebiete zu erwarten. Wer weiß, ob dann nicht als Entgelt später auch die Türkei, wenn sie stark geworden, in der Lage sein wird, wenn kein anderer Staat der Welt es tun wird, für die Juden, da wo sie unterdrückt sind, einzutreten. Die türkische und die jüdische Welt gehören zu einander, und wenn sie sich jetzt noch nicht verstehen, so werden sie sich verstehen lernen. Sie sind beide berufen, sich gegenseitig die allergrößten historischen Dienste zu leisten.“ Diese, mit viel Überzeugung, Empfindung zum Teil mit geistreichem Humor vorgetragenen Ausführungen des begabten Publizisten machten tiefen Eindruck. Die Räumlichkeiten des „Club“ waren überfüllt. Militärdienst der türkischen Juden Im Laufe dieser Woche werden die nichtmohammedanischen Militärpflichtigen ausgelost werden. Von den Juden der Hauptstadt werden zum aktiven Dienste 969 (Nisornie) und 326 zur Reserve (Ihtiod) ausgehoben werden. KORREPONDENZEN Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Ratibor, den 1. November 1909. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich lese in Nr. 43 der Welt den Bericht über den Judentag in Breslau, und es ist mir ein unabweisbares Bedürfnis, einen Punkt des sonst so vortrefflichen Referats nicht ohne Widerspruch zu lassen. Sie schreiben, nachdem Sie die Stimmung nach den Worten des Oberpräsidenten schildern: „Die Lehre für den Verband.. . . . Ich gestehe Ihnen offen, überall hätten mich derartige Auslassungen nicht befremdet, in Ihrem Blatt überraschten sie mich aufs tiefste. Sie mögen auf den zionistischen Kongressen es vermeiden, wohl mit Recht, ein religiöses Referat zu halten, bei den Verhandlungen kommt man doch zur Besprechung von Dingen, die das Geistesleben der Juden berühren. Ganz anders liegen die Verhältnisse beim deutschen Judentag. Wenn die deutsche Judenheit einen Verbandstag abhält, so würde sie sich selbst degradieren, wenn man nicht mit einer Rede beginnen würde, die etwas von dem ewigen Ideengehalt des Judentums wiedergibt. Wäre es ein würdiger Zustand, wenn die jüdisch - interessiertesten Männer Deutschlands Zusammenkommen und dann in ihren Auslassungen