Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1016 DIE3§PLT No. 46 hältnissen, mit der vollkommenen Abdankung der Komiteemacht gleichbedeutend gewesen wären, sind nichts als Papierwerk, so war doch schon ihre Verkündigung von verhängnisvollen Folgen. Zwar unaufdringlich, aber doch deutlich erkennbar, traten sofort alte, längst verschollen geglaubte Mächte in Erscheinung, die anscheinend die Zeit zu ihrem Wiederauftauchen für gekommen erachten, die „mohammedanische Liga“, die plötzlich anzeigt, daß sie eigne Schulen und größere Betonung des Religiösen in den Staatsanstalten will; Ismail Kemal, der jetzt auf einmal glaubt, die Stunde für seine Rückkehr habe geschlagen, und dem in Valona Empfangsdemonstrationen vorbereitet werden; und die spurlos versunkene Ahrarpartei endlich, die jetzt in diesem Moment ihre Wiederauferstehung unter dem Namen „Demokratenpartei“ verkündet. Viel ernster aber waren die Indikationen im sogenannten jungtürkischen Lager selber. Die Offiziere scheinen durch die Aufforderung zum offiziellen Austritt aus der Politik sehr erregt, und hier mag wohl die tiefste Ursache zu jenem Zwiespalt zwischen dem Offizierkorps und der Zivilpartei des Komitees liegen. Den Vorwand, den psychologisch sehr dankbaren und kulturell höchstbezeichnenden, zu der Differenz gab eine jener fatalen Ungeschicklichkeiten von Ahmed Risa, die schon im Vorjahre gerade aus ihm den bestgehaßten Mann aller Oppositionen gemacht hatten. Beim großen Empfange auf dem Bairamfeste glaubte er, in der willkürlichen Abänderung einer uralten Palastsitte, des Kusses der Goldquaste am Saume des Sultansmantels, seinen demokratischen Elan beweisen zu müssen; und Hussein Dschahid vom „Tanin“, der Hitzkopf des Komitees, hielt es für angezeigt, diese Tat in seinem Blatte zu verherrlichen und die alten „Sklavenbräuche“ zu bekämpfen. Das wurde das Signal zu einer eruptiv spontanen Opposition aus dem militärischen Lager. Und ein drohendes Memorandum aller Offiziere der Hauptstadt vom Hauptmann abwärts verlangte Einschreiten gegen die „Verkleineren des Kalifentums und die gottlosen Reformer“. Kaum, daß der „Tanin“ vor der Schließung bewahrt und die Empörung des Offizierkorps durch Mahmud Schefket Pascha beschwichtigt wurde. Die Manöver in Adrianopel fielen glücklich dazwischen; wer weiß, wohin sonst der Zwischenfall geführt hätte. Auch am äußern politischen Horizont ist nicht alles rosig. Die Zusammenkunft des Zaren mit dem Könige von Italien, der Besuch Zar Ferdinands in Serbien und die plötzliche gegenseitige Anhimmelung der slawischen Balkanstaaten sind ziemlich sichere Vorzeichen einer russisch-balkanslawisch-italienischen Fronde, die — man mag versichern, was .man will — wohl kaum gegen Österreich allein, sondern auch gegen die Türkei gerichtet sein dürfte. Auf der andern Seite scheint eine schwere Störung der englisch-türkischen Beziehungen in Sicht infolge der stürmischen Forderung Englands auf gewisse wirtschaftliche Zugeständnisse, die die türkische Regierung im Hinblick auf die Staatssicherheit glaubt entschieden ablehnen zu müssen. Wenn diese Spannung bestehen bleibt, ist ein Bruch der vielbesagten englisch-türkischen Freundschaft und unangenehme Folge für die Türkei in der Kretafrage wahrscheinlich. Es müßte denn sein, daß die sich anders orientierende Türkei in ihrer Not engem Anschluß an ihren frühem Freund Deutschland und an Österreich sucht, dem die gleiche Gefahr droht wie ihr und das soeben durch ein Militärabkommen mit Rumänien seine Position gut verstärkt hat. In diesem Falle könnte die Türkei vielleicht an dem starken mitteleuropäischen Staatenbund jene Stütze finden, die ihm durch den Zwiespalt mit England verloren zu gehen droht, und der zu entraten sie noch lange nicht genug gerüstet erscheint. Das alles sind große, verhängnisschwere Fragezeichen, von deren Beantwortung das weitere Schicksal der Türkei abhängen wird, an dem wir ein dauerndes herzliches Interesse nehmen. Von der Bagdadbahn Die Fortführung der Bagdadbahn steht nunmehr fest, da die Regierung den Verlauf der Linie endgültig bestimmt und die vorgelegten Pläne der Gesellschaft gebilligt hat. Die Arbeiten werden sofort in Angriff genommen werden. Wie für den ersten Abschnitt der Linie, wird auch für den weitern, d. i. die 840 km lange Strecke zwischen Bulgurlu und El-Helif, eine Baugesellschaft gebildet werden. Sie wird ihren Sitz in der Schweiz, haben und ihr Kapital wird zehn Millionen Francs betragen. Im Aufsichtsrat werden fünf Deutsche, vier Franzosen, ein Österreicher und drei Schweizer sitzen; von Gwinner wird das Präsidium führen. Das Direktorium wird aus drei Mitgliedern bestehen: Riese als Präsidenten, Huguenin, Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahnen, und Dr. Helfferich, dem Direktor der Deutschen Bank. Die Anlage der Strecke bei Bulgurlu durch den Taurus und die Adana-Ebene wird von den Ingenieuren Winckler und Mavrogordato, die Bergstrecke über den Giaur-Dagh und Kurd-Dagh von Meißner Pascha, dem Erbauer der Hedschasbahn, ausgeführt werden. Die Arbeiten werden von Bulgurlu aus, von Adana aus gegen den Taurus und den Giaur-Dagh und von Aleppo aus gleichzeitig begonnen werden. Das Klima der Adana-Ebene erlaubt die Arbeit auch im Winter, und so werden in Bälde viele arbeitslose Hände in der Türkei Beschäftigung erhalten. Am 4. November ist der Bahnhof der Anatolischen- und der Bagdadbahn in Haidar-Pascha, ein gewaltiges, imposantes Gebäude, unter großen Feierlichkeiten eingeweiht worden. Konkurrenzen der Bagdadlinie England tut sein möglichstes, um der unter der Ägide Deutschlands erbauten Bagdadbahn eine Konkurrenz zu schaffen. Auf dieses Bemühen ist jedenfalls das von Sir William Willcocks ausgearbeitete Bahnprojekt Bagdad-Hit-Taurus-Homs zurückzuführen, das die große syrische Wüste an ihrem Nordrande berührt und den 60000 Personen jährlich betragenden Pilgerstrom aus Mesopotamien an die Hedschaslinie befördern soll. Die Linie soll keiner Kunstbauten benötigen und deshalb ihre Herstellung verhältnismäßig geringe Mittel erfordern. Dieser Konkurrenz für den Personenverkehr stellt sich die des Lastenverkehrs zur Seite, welche die Euphrat- und Tigris-Schiffahrt schaffen soll. „ Bisher haben zwei Gesellschaften bestanden, eine ottomanische, die ihre Einnahmen unter dem alten Regime in den Jildis direkt abführte, und die englische Schiffahrtskompagnie „Lynch“. England verlangt nunmehr auf Grund früherer Erörterungen und Versprechungen ehemaliger Minister die Verschmelzung beider Gesellschaften in eine englische und die Verleihung der Konzession an diese. Die türkische Regierung scheint aber nicht geneigt, auf dieses Verlangen einzugehen. Wie nun die neuesten Informationen melden, sucht die englische Regierung eine förmliche Pression auf die ottomanische zugunsten dieses Projektes auszuüben; ja, es soll eine bedrohliche Spannung deswegen zwischen den beiden Kabinetten herrschen. Man darf auf den Ausgang dieser Krise gespannt sein. Was ist Wahrheit? Nach den Informationen, die wir aus dem Munde des Großrabbiners empfangen und wortgetreu wiedergegeben haben, ist bei seiner Unterhaltung mit Talaat Bej, dem Minister des. Innern, vom Zionismus, oder wenn nicht von diesem, so doch von der Judeneinwanderung in Palästina, die ja das Projekt der Zionisten ist, und von Befürchtungen die Rede gewesen, die der jüdischen Einwanderung gegenüber von gouvernementaler Seite zum Ausdruck gebracht worden sein sollen. Damit vergleiche man folgendes offiziöse Dementi, das vor einigen Tagen im „Tanin“ erschienen ist und also lautet: „Die jüdischen Blätter, die über die Unterhaltung berichten, welche der Großrabbiner jüngst mit dem Minister des Innern Talaat Bej hatte, versichern, es sei dabei zwischen den beiden Persönlichkeiten vom Zionismus die Rede gewesen. Nach unsern Informationen an autorisierter Quelle ist im Laufe dieser Unterredung nichts über den Zionismus gesprochen worden. Der Großrabbiner hat lediglich Bemerkungen über die Unschicklichkeit des roten Passes gemacht, der den nach Jerusalem pilgernden ausländischen Juden eingehändigt wird. Der Großrabbiner hatte gebeten, diese Formalität aufhören zu lassen, und Talaat Bej versprach, das Nötige zu veranlassen“. Es ist schwer, mit einem Ausgleich dieses Wiederspruches zustande zu kommen. Ebenso hatte die Presse die Ausarbeitung eines Ausnahmegesetzes für die Judeneinwanderung angekündigt und der Großrabbiner ebenfalls Vermutungen in diesem Sinne ausgesprochen; auch hinter diesen Meldungen ist den neuesten maßgebenden Erkundigungen zufolge noch ein Fragezeichen zu setzen. Ein türkischer Vortrag für den Zionismus Am Sonnabend den 6. September, hielt der Herausgeber und Redakteur des „Jeune Turc“ (früher „Courrier d’Orient“) in Balat einen Vortrag über das Thema: „Die Juden als Faktor der Regeneration der Türkei“. Die Veranstaltung ging vom „Club de la Jeunesse juive de Balat“ aus, demselben, der mit dei Inszenierung der großen Synagogenrede unseres Gesinnungsgenossen Caleff unsere antizionistischen Intriganten so erbittert und den Chachambaschi zu seinem Synagogenverbot unschuldigerweise veranlaßt hatte. Wie es scheint, hat man sich also im Schoße dieses Klubs nicht gar zu sehr ins Bockshorn jagen lassen. Man fühlt sich in einem konstitutionellen Staatswesen, in dem Gedanken und Rede frei sind, und wenn eine große Idee ihren Offenbarungsweg einmal angetreten hat, vermögen keine Zeitungsartikel und keine konsistorialen Verbote sie in ihrem Zuge aufzuhalten.