Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316397--52504-3346207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

die uns noch reizvoller dünkten als die figürlichen Zeichnungen und die wir glaubten, als etwas ganz Neues in der Kunst des Buchschmucks bezeichnen zu dürfen. Nun liegt uns als zweiter Band der Bibelausgabe der sechste Band der Gesamtausgabe vor, der die Liederdichtung, (die Psalmen, Klagelieder und das Hohe Lied) enthält.*) Er unterscheidet sich hinsichtlich der Ausstattung wesentlich dadurch vom erstenBande, daß das Schwergewicht des Buchschmucks auf das Ornamentale, die Umrahmung verlegt ist, während er nur wenige bildliche Darstellungen aufweist. Diese selbst zeigen uns den Künstler in dem uns vertrauten Lichte. Hervorheben möchten wir das Bild der an den Wassern Babels weinenden Juden. In ihm erweist sich die monumentale Begabung Liliens in ihrer besondern Großartigkeit. Der strenge Stil in der Anordnung der Gestalten, die erhabene Ruhe in der Leidenschaft ihrer Haltung, die mit überaus einfachen Mitteln ungemein wirksam und eindringlich gestaltete Szenerie ergeben ein Bild, das die tiefste Tragik mit einer ganz eigentümlichen, stilvollen Geschlossenheit vereinigt. Beim Betrachten dieses Bildes ist in uns wieder der Gedanke wach geworden, der früher schon beim Genuß Lilienscher Kunst in uns auftauchte: es müßte ein sehr reizvolles Unternehmen sein, Lilien einmal die Gestaltung eines Bühnenbildes anzuvertrauen. Denn die Kunst Liliens deckt sich in einer manchmal überraschenden Weise mit den Bestrebungen auf eine Reformierung des Szenenbildes, die heute unsere besten Köpfe so lebhaft beschäftigt. Das, was alle diese Versuche bezwecken, im engen Rahmen und mit möglichst wenig Mitteln ein Bild von konzentrierter Innerlichkeit zu schaffen, das den Blick des Zuschauers unentrinnbar auf sich zieht, ohne ihn durch Details abzulenken, das in seinen strengen Linien in jedem Augenblick quasi die Essenz des dargestellten Stückes zum Ausdruck bringt, das sehen wir z. B. in diesem Bilde der weinenden Juden vereinigt. Wir denken uns Hebbels „Judith", — die Dekoration und Kostüme von Liliens Meisterhand gezeichnet, die Regie unter seiner Mitwirkung malerisch beeinflußt, und wir zweifeln nicht, daß wir eine ganz neue Offenbarung des Stückes erleben würden. Wir denken auch an manche der romantischen Werke unserer Neuesten und Jüngsten: Hofmannsthals nervöse Klassizistik, Maeterlincks mystische Tragik, aber auch Scheerbarts phantastische Späße, — in Lilienscher Inszenierung würde zweifellos ihr Inneres und Innerstes in einer ganz andern Weise zum Ausdruck kommen, als wir es bis jetzt zu sehen gewohnt waren. Und nach all dem Unzulänglichen und Mißratenen, das uns von berufener und noch mehr von unberufener Seite in den letzten Jahren an Bühnenausstattung und Bühnenreform gezeigt wurde, käme endlich der Künstler zu seinem Recht, der, wie wir nicht zweifeln, all das intuitiv uns geben würde, das von den andern erst auf dem Umwege über verstiegene Theorien und ausgetüftelte Spekulationen erfaßt werden muß. Aber kehren wir zu dem Buche zurück. Wir *) Die Bücher der Bibel, herausgegeben von F. Rahlwes, Zeichnungen von E. M. Lilien, Verlag von George Westermann in Braunschweig. VI. Die Liederdichtung. 328 Seiten, geb. Mk. 10.—. Aus „Die Bücher der Bibel" mit Zeichnungen von E.M.Lilien Verlag von George Westermann, Braunschweig sagten oben schon, daß in diesem Bande das Ornamentale die Hauptsache ist. Wir selbst finden ja den Quell der Begabung unseres Künstlers eben im Ornamentalen, in seiner ausgesprochenen Befähigung für das Dekorative, das ja auch seinen Bildern ihren eigentlichen Reiz verleiht. Und auf diesem Gebiete hat sich der Künstler noch niemals von einer so reichen, überschwellenden Fruchtbarkeit, von einer so unversieglichen Erfindungsgabe, von einem so sichern, niemals irrenden Geschmack — und von einer so tiefen „Jüdischkeit" gezeigt, wie in diesem zweiten Buche der Bibelausgabe. Der Stoff, der durch seinen ausschließlich lyrischen Charakter in diesem Bande der bildlichen Darstellung nur wenig Möglichkeiten bietet, hat dafür dem Künstler um so mehr Gelegenheit zur ornamentalen Schmückung gegeben. Fast jede Seite ist von einer Leiste umrahmt, und fast jede Leiste ist neu, ist schön. Wir hatten schon beim ersten Bande auf die Initialen hingewiesen, die ihn so reichlich zieren, und hatten das Originelle betont, das uns Lilien auf diesem so abgegrasten Gebiete bietet. In diesem Bande aber hat der Meister sich selbst übertroffen. Immer aufs neue schweift der Blick bewundernd über diese Randleisten, die hauptsächlich aus hebräischen Buchstaben und deren Teilen komponiert sind. Wie reizvoll sind diese Balken und Bogen verwendet, welche Fülle von dekorativen Formen vermochte der Genius des Künstlers den Komez' und Kibuz', den Pe's, Schin's und Zade's zu entlocken! Es ist eine ganz neue Seite der ornamentalen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.