Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Jahr an Zahl, aber wir wurden noch keine Macht im Judentum. Wir wurden wohl schon beachtet, aber man rechnete noch nicht mit uns. Wir wurden wohl schon angefeindet, aber noch nicht mit der Wut bekämpft, mit der man einen gefürchteten Gegner bekämpft. Wir hatten schon eine Partei, aber noch keine Organisation. Unserer zionistischen Betätigung fehlte noch jener Zug ins Qroße, der große Bewegungen schafft. Es war die Zeit der nicht ganz ausgedachten Pläne und der kleinen Mittel. Es fehlte noch der Führer, der die Pläne ganz ausdenken und die Mittel groß machen könnte. Damals kam uns Theodor Herzl. Erst kam sein Buch, und dann kam er selbst. Und er war um einen ganzen Himmel größer und mächtiger als sein Buch. Als der „Judenstaat" im Jahre 1896 erschien, galt er vielen wie eine Offenbarung. Freilich, die Intellektuellen schüttelten einigermaßen die Köpfe. Wohl erkannten sie, daß in diesem herrlich-schönen Buche ein großer und heller Geist spricht. Wohl hörten sie aus jeder Zeile den Schlag eines ge^ waltigen Herzens heraus. Aber in diesem Buche, das voll Phantasie und Herzenswärme war, fehlte noch eins: Der Zionismus. Und wie konnte es auch anders sein? Herzl lebte ja damals im Mittelpunkt jener glänzenden Welt, in deren helle und fröhliche Salons der Seufzer des jüdischen Volks nicht dringt. Man muß nur staunen über die gewaltige Intuition der Genies, die mitten in dieser Welt den ganzen Komplex der Judenfragen mehr empfinden als verstehen konnte. Der „Judenstaat" schlechthin war ein kühner Griff, ein genialer Wurf, eine bewundernswerte Konzeption, aber es fehlte noch das Essentiellste — „in Palästina". Herzl wußte damals noch nichts von dem Vorhandensein einer zionistischen Partei. Er wrollte einfach ein Buch geschrieben haben und zu seinem edlen Dichterbertif zurückkehren. Da kamen aber die Zionisten, besonders die zionistische Jugend, und wiesen ihm einen edlern Beruf. Nicht dichterische Kompositionen sollte er fürderhin gestalten, sondern Menschengruppen formen, nicht Bücher sollte er fürderhin schaffen, sondern ein Volk. Und dieser geborene König mit der Denkkraft eines tiefen Philosophen, dem Verstände eines großen Diplomaten und dem Willen eines siegreichen Schlachtenlenkers ging hin und ward der Bildner seines Volkes. Er gab seinem Volke Ziel und Weg. Es war im Februar 1897. Da hörten wir im Berliner Verein „Jung-Israel" von einem Projekt, eine große zionistische Tageszeitung zu gründen, zu der Herzl 300 000 Gulden hergeben wollte, wenn die entsprechenden weitern Fonds aufgebracht würden. Wir waren fasziniert von der Größe des Projekts, und ich berief damals im Verein mit Dr. Nathan Birnbaum und dem schon verstorbenen Willy Bambus eine vertrauliche Konferenz nach Wien ein, um über die Ausführung dieses Projekts zu beraten. Und nun erging es uns wie Saul, der ausging, um Eselinnen zu suchen und eine Königskrone fand. Wir wollten eine Zeitung und hc^en die Einberufung des ersten zionistischen Weltkongresses beschlossen. So kamen wir im September 1897 nach Basel. Aus „DieBücher der Bibel" mit Zeichnungen von E.M. Lilien Verlag von George Westermann, Braunschweig Was gab uns Basel? In Basel haben wir ein Programm geschmiedet und die zionistische Organisation geschaffen. Das Programm geschmiedet! Ich finde kein anderes Wort. Denn das Baseler Programm ist fest wie in Erz gegossen, und keine Engherzigkeit und kein Kleinmut wird es uns wegrevidieren können. Und die Organisation, — sie ist das große geschichtliche Ereignis in der jüdischen Diaspora. Nie noch in der ganzen langen Dauer unserer Diaspora haben die Juden eine solche Organisation gehabt, die sich wirklich über die ganze „y*(j o^toujxevr;" erstreckte, wie die zionistische. Es gab Zeiten, wo wir eine Viertel Million organisierter Zionisten hatten, das heißt, nach Familien gerechnet, ungefähr eine Million Juden bekannte sich zum Zionismus. Es kam dann freilich auch eine Weile des Rückfalls und — noch schlimmer — des Abfalls, Aber welche große Volksbewegung ist je auf einer geraden Linie bis ans Ziel gegangen? Bei uns war noch des Unglücks zuviel auf einmal. Da starb uns der Führer. Da mordete man uns in Rußland die Juden weg. Da liefen uns manche davon, weil sie einem Irrlicht nachliefen. Der Zionismus hat seine Feuerprobe bestanden, er hat seine unverwüstliche Lebenskraft bewiesen, denn er überstand alle Krisen. Und heute geht er wieder aufwärts. Wir sind mit dem Baseler Programm zum jüdischen Volke gekommen, und die Massen folgten dem Rufe. Wir wollten eine Bank gründen. Wir gingen nicht zu