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Die Welt · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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frommen Männern intensiver empfanden. So entstand die Chalukkah, die von Anfang an für Palästina keinen positiven Wert bedeutete und die immer mehr, da sie auch etliche jüngere im Lande geborene und erzogene Generationen zu Schnorrern verkrüppelte, zu einer furchtbar schädlichen Institution ausartete. Immerhin ist das Verhältnis der Orthodoxie zu Palästina sehr einfach gewesen und darf als bekannt vorausgesetzt werden. Anders war das Verhältnis der fortschrittlichen Juden zu Palästina. Da gilt es, zu unterscheiden zwischen konsequenten und minder-konsequenten Assimilanten. Als Typus der erstem darf Abraham Geiger, als Typus der letztern mancher Führer der Alliance in der ersten Phase gelten. Für die erstem war Palästina ein abstrakter theologischer Begriff, ohne Gegenwart und natürlich ohne Zukunft. Geiger sprach: „Jerusalem ist eine ehrwürdige Erinnerung aus der Vergangenheit, es ist die Wiege der Religion, es ist keine Hoffnung für die Zukunft, nicht der Ort, aus dem ein neues Leben sich entwickeln wird". Er vergleicht Jerusalem mit Rom, dem er auch die Fähigkeit abspricht, zu neuem Leben zu erwachen und „die Hauptstadt eines neuen Reiches zu werden". Und Geiger schließt diese Auseinandersetzung mit einem entsetzlich schrillen Ton: „Ehre sei Jerusalem und seinem Andenken, wie einem jeden großen Toten, aber stören wir nicht seine Ruhe!" Sie sehen, Geiger war ein schlechter Politiker und ein schlechter Prophet: Rom ist zu neuem Leben erwacht, Rom ist die Hauptstadt eines großen Reiches geworden. Hoffen wir, daß sich seine Weissagung über Palästina als ebenso falsch erweisen wird. Das war also das Verhältnis der konsequenten Assimilanten zu Palästina, und Geiger rief noch im Jahre 1872 mit ebensoviel Emphase wie völliger Unkenntnis der Tatsachen aus: „Das Judentum der palästinischen Nationalität und den herkömmlichen Satzungen ist erstorben!" Sie sehen aber, daß wir vor Ihnen stehen voll Leben und voll zukunftssicherer Hoffnungen. Die minderkonsequenten Assimilanten haben aber Palästina in sich nicht überwunden und wollten es auch nicht überwinden. Wohl galt ihnen Palästina nicht als eine große Hoffnung für die Zukunft, nicht als ein Zufluchtsort für die großen Massen der Heimatlosen, aber es galt ihnen immerhin als ein Gebiet sozialer Arbeit. Die Alliance gründete in Palästina Schulen, — sogar eine Ackerbauschule erstand in Jaffa, — und sie freuten sich der schönen Entwicklung ihrer Schöpfungen. Als Albert Cohn nach 15 Jahren wieder einmal im Jahre 1872 in Palästina weilte, kehrte er voll Begeisterung über das dort Gesehene zurück, und in dieser Stimmung schrieb er im Alliancebericht die denkwürdigen Worte: „Ich hoffe, Jerusalem noch den Sitz der Kultur und des Glückes werden zu sehen, die ihm gebühren." Daß Jerusalem Kultur und Glück gebühren, war ein neues Wort, das aber leider ungehört und unbeachtet verhallte. In Alliancekreisen sind die Palästinapläne nicht weitergewachsen. Aber in der Literatur tauchte von Zeit zu Zeit der Palästinaplan als Lösung der Judenfrage auf. In apostolisch-kraftvollen Worten fordert Moses Heß zur Erinnerung an die alte und unvergessene Judenheimat auf. Etwas theologisch gefärbt, aber in wirkungsvoller Weise predigt Kalischer die Liebe zu Palästina. In klarer präziser 'Weise entwickelt Dr. Leon Pinsker den Gedanken der Selbsthilfe, der Selbstemanzipation durch den Wiederaufbau Palästinas. Und noch früher hat Perez Smolenski in seiner stürmisch-drängenden Art von der Möglichkeit gesprochen, dem jüdischen Volke in Palästina einen neuen Frühling zu schaffen. Zur Tat ist es aber die ganze lange Zeit nicht gekommen. Endlich kam auch die Tat. Erschreckend unerwartet kam der Sturm in Südrußland im Anfang der achtziger Jahre und damals — im Jahre 1882 — geschah es, daß eine Schar von schwärmerischen Jünglingen nach Palästina aufbrach und eine Kolonie gründete. Schlechter waren noch nie Pioniere eines großen Werkes ausgerüstet, aber auch nie begeisterter, nie von schwärmerischerer Liebe zum großen Werke, als diese kleine Schar von Romantikern. Man spöttelte über diese traumverlorenen Schwärmer, aber die neunmal Klugen vergaßen oder wußten es gar nie, daß noch nie ohne Romantik etwas Grandioses geschaffen wurde. Die Tat war vollbracht, und eine Tat wirbt. Die wenigen Idealisten, die zerstreut waren in aller Herren Ländern, fühlten: nun sei die Zeit gekommen, sich zusammenzutun, sich selbst über sein Streben klar zu werden, und der Welt zu sagen, was man will. So kam die Kattowitzer Konferenz zustande. Ohne Mandat kamen da 31 Männer zusammen, die wohl keine großen Stellungen, auch nicht, bis auf einige, klangvolle Namen hatten. Sie repräsentierten niemand und nichts als ihren großen Idealismus und ihren unerschütterlichen Glauben, daß sie für das jüdische Volk den richtigen Weg, den einzig richtigen Weg gefunden haben. Und auf dieser Kattowitzer Konferenz wurde die ganze zionistische Ideologie geprägt, die im wesentlichen bis auf den heutigen Tag ihre volle Gültigkeit behalten hat. In Kattowitz wurde die selbstverständliche, aber noch immer von Juden bestrittene Tatsache festgestellt, daß die Juden ein eigenes Volk bilden. In Kattowitz wurde der Wille verkündet, die jüdische Nationalität nicht nur nicht aufzugeben, sondern vielmehr mit aller Energie weiter zu entwickeln und auszubauen. In Kattowitz wurde mit aller Schärfe und Klarheit der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß nur in Palästina dem jüdischen Volke eine gesicherte Heimstätte für die Ewigkeit gegründet werden kann. In Kattowitz wurde mit allem erwünschten Nachdruck das Postulat aufgestellt, die hebräische Sprache als lebensfähige und lebenskräftige Nationalsprache des jüdischen Volkes zu erhalten und zu pflegen. Das Losungswort, das die Kattowitzer Einunddreißig prägten, lautete: „Chibath-Zion", die Liebe zu Zion. Mit dieser Losung gingen sie an die Arbeit. Nun will ich es gleich ruhig, aussprechen, und ich bin mir bewußt, daß ich das historische große Verdienst der Kattowitzer Konferenz damit um kein Jota schmälere: Eine große, die Massen aufwühlende und fortreißende Werbekraft hatte diese Losung nicht. „Chibath-Zion" war ein gutes, schönes und warmes Wort, aber es war nicht stark, es war nicht volltönend, es war kein Schlachtruf. Darum weckte es nicht und rüttelte nicht die Massen auf. Das Unangenehmste an dem Worte war, daß es eine Deutung ins Philanthropische zuließ, eine Deutung, die, wenn ich nicht sehr irre, von der Kattowitzer Konferenz nicht ganz ungern gesehen wurde. In der Tat nahm auch die Arbeit, die von der Kattowitzer Konferenz inauguriert wurde, eine durchaus philanthropische Wendung. Die Chowewe-Zion-Komitees, die bald an vielen Orten gegründet wurden, — das erfolgreichste, das bis heute große und schöne Arbeit

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