Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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no. 46 — — die: sie der unvermeidlichen Notwendigkeit, die sie hindrängte, gehorchten. Was unterscheidet uns von all diesen Völkern? Nicht nur der Glaube, denn auch sie glaubten und litten für ihren Glauben, und doch sind sie untergegangen. Auch nicht die Menschheitsliebe, das Weltbürgertum und die Brüderlichkeit mit all den Theorien, denn mit diesen waren sie alle ausgerüstet. Was ihnen fehlte, das war die unverbrüchliche Treue, der unauflösbare Bund mit dem Ahnengeist und dem Ahnenland. Das ist es, was uns im Chaos des Goluth und der Emanzipation erhält: Die Zionsliebe und der Zionismus! Es war früher eine traurige Liebe für Zion, die Liebe der „Kinoth". Sie konnte nur einen Tribut der Melancholie und des Leids darbringen. Die großen Seelenträume wichen vor dem Bedauern des Trübsinns, die erhabenen Ekstasen vor der gedrückten Schwärmerei. Die Glaubensstarken wurden der Erde entrückt, und die Glaubensschwachen begannen die feigen, selbstmörderischen Gedanken der Fahnenflucht zu hegen. Diese Liebe erging sich in langen Klageliedern! Sie stieß mit Ludwig August Frankl einen bittern und tiefen Schrei aus („von Ägypten nach Jerusalem"), dann erlosch sie und starb. Und wollt ihr wissen, woher das kommt? Begreift ihr nicht, weshalb der erhabenste Ausdruck des jüdischen Genius zu einem Seufzer geworden ist, dem kein Seufzer folgt? Weil da keine Liebe war, sondern eine allegorische Spielerei. Nichts vermochte wieder aufzublühen und zu duften. Die Augen konnten nicht mehr klar und hell schauen. Die krausen Gedanken altertümlicher Erinnerungen zerflossen wie Nebelschwaden. Dem Volke wurden Schlummerlieder gesungen: es sei einst groß gewesen, ein Juwel, ein Schatz, — nicht um die Wunden der Liebe zu lindern, sondern um sich an fremden Worten, an schönen Worten zu entzücken. Jeden lebendigen Juden überkam dabei immer ein inneres Beben vor diesem „Israel" und diesem „Judentum", — keine Furcht, kein Schauder . . . nein . . . sondern etwas, was man nicht bestimmen kann: Süß- Trauriges, ein Gefühl wie Schmerz und Wonne zugleich, — als ob alle Farben des Glücks in Grau begraben lägen und doch nur darin enthalten wären . . . als ob der Traum vom Leben und vom Tode, ein Schlummer in allen unbewußten Freuden des Seins, ohne daß man daraus zu wirklichem Leben je erwachen könnte, nur in der Trauer zu finden wären. Aber wir fühlten ein neues Glück in uns aufkeimen. Da ward es mit einem Male licht und schön — in uns. Ja, es haftete noch am Anfang zu viel Dunkel an uns. Wir waren wie ein schwarzer Schattenfleck. Finsternisse umflatterten uns, an denen alle Lichtstrahlen zerflossen, die alles Licht aufsaugen und nie wieder zurückgeben. Aber wir hatten das Gefühl von etwas Unaussprechlichem, das unsere Brust erfüllte: so viel lag darin, — so viel Seligkeit, daß wir empfanden, wie unser Inneres neu aufblüht. Und das war die Zionsliebe! Ihr Zweck war es, die Schatten, die auf unsere Seele ihre Finsternis warfen, auszulöschen und an deren Stelle ein Stück blauen Himmels leuchten zu lassen. Sie schwebte nicht mehr auf Linsern Lippen, — die Zionsliebe, sie brannte in unserm Blut, sie pulsierte in unserm Innern. So ist der Zionismus entstanden. Was man in Programmen und in der Methode als Choveve-Zionismus jgELT =1003 bezeichnet hat, gehört teils zur Vergangenheit und teils zu einem ganz andern Kapitel. Aber was diese Richtung an Zionsliebe erzeugt und erhalten hat, — das ist die Kraft das ist das Lebenselement unseres Zionismus. Es ist das Sonnenlicht, das der Himmel über unsere Erde ergießt, damit sie die ewige Last seiner Kuppel ertrage. Beleuchten soll es das Dunkel der Erdentiefe . . . trösten soll sie uns dafür, daß wir in der Tiefe liegen . . . uns glauben machen, daß wir nur dazu da seien, um das Licht zu tragen, um es fluten zu lassen. Die Klüfte des Goluth stöhnten nach diesen Strahlen, — nun haben sie deren Segnungen aufgenommen. Wir sind wieder ein gesundes, lebendiges Volk, und wir leben wieder in Palästina. Es ist gleich, ob wir oder unsere Brüder, die das „Scheerith Israel" verkörpern. Wir alle erleben diese Auferstehung. N. S. Von Kattowitz bis Basel Rede, gehalten bei der Kattowitzer Gedenkfeier Von Dr. O. Thon Von Kattowitz bis Basel ist ein weiter Weg. Das jüdische Volk hat ihn aber rasch in der Luftlinie durchflogen. Versuchen wir, die Distanz abzumessen. Kattowitz war ein Anlauf, Basel ist eine Richtung, eine Bahn geworden. Kattowitz war eine Idee, Basel ist ein Programm geworden. Kattowitz war eine Konferenz, Basel ist ein Kongreß geworden. In Kattowitz kamen dreißig Einzelne zusammen, in Basel versammelten sich Hunderte von gewählten Delegierten. Hinter der Kattowitzer Konferenz standen Hunderte, vielleicht schon an die Tausende zerstreuter einzelner Idealisten, hinter dem Baseler Kongreß stand eine festgefügte, wohlorganisierte Masse von Hunderttausenden. So weit ist der Weg von Kattowitz bis Basel, — es ist der Weg vom leisen bescheidenen Wünschen bis zum starken energischen Wollen, vom zweifelnden, tastenden Versuch zur klardurchdachten, siegessichern Tat. Einen so weiten Weg pflegen Völker in sehr langen Zeitläufen zurückzulegen, das jüdische Volk hat ihn in nicht ganz 13 Jahren durchschnitten. Das jüdische Volk muß sich eben beeilen, es muß schnell gehen, will es mit noch halbwegs geraden Gliedern und einer nicht verkrüppelten Seele ans Ziel kommen. * * * Doch lassen Sie mich zuerst einiges über Kattowitz sagen, noch früher aber ein Wort über, — wenn die Wortbildung gestattet wäre, — Vor-Kattowitz. Was galt Palästina dem modernen Juden vor der Kattowitzer Konferenz? Ich spreche bloß vom modernen, fortschrittlichen Juden. Denn das Verhältnis des orthodoxen Juden zu Palästina ist seit jeher konstant. Ihm ist Palästina einfach ein integrierender Bestandteil seiner Religion, und darum, wie jene, etwas Transzendentes, ein Wunder, der menschlichen Wirkungssphäre ganz entrückt. Als nun seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts Palästina, speziell einige besonders geweihte Stätten des Landes, immermehr das letzte Ziel für fromme Pilger wurden, die dort in heiliger Kontemplation und weitabgewandter Lehre ihr müdes Leben beschließen wollten, da trugen die orthodoxen Kreise gerne ihr Scherflein zur Erhaltung dieser Pilger bei, weil sie so ihren Zusammenhang mit dem Heiligen Lande und den l*