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Die Welt · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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1002 ",;t fl m ri: v. DIE^ ELT No. 46 " *ÜH! ■' i il p - fl f V 1 \ \r »ff, y a f.£ ■&* >M l' " w il MH? V DIE ZIONSLIEBE Der Kattowitzer Gedenkfeier 1885/1909 gewidmet. Die Liebe eines Vofkes ist eine Macht. Sie ist das einzige wertvolle Gut im Leben einer Nation. Sie ist die Kraft, die alle Last erleichtert und alle Widerwärtigkeiten mit Ausdauer und Gleichmut ertragen läßt. Sie ladet das schwerste Joch auf sich, ohne zu murren, und wandelt die galligste Bitterkeit in süße Wonne um. Sie ist freigebig, unternehmerisch, sie strebt nach großen Zielen und lechzt nach Vollkommenheit. Sie schwingt sich immer höher und findet an Gemeinem keine Befriedigung. „Vediglecha aläi ahavah." — Dein Panier über mir ist die Liebe, heißt es im Hohelied. Nichts ist zarter als die Liebe eines Volkes für sein Ideal. Nichts ist mächtiger, nichts erhabener, nichts gnadenreicher, nichts vollkommener und nichts besser auf Himmel und Erde. Sie gibt alles für alles; sie besitzt alles in dem, was sie liebt, weil das, was sie liebt, ihr alles ist und alles enthält. Sie fürchtet nicht, sich ganz hinzugeben, weil auch ihr alles gegeben ist. Die Liebe eines Volkes kennt keine Grenzen; sie überschreitet sie und läßt sie weit hinter sich. Kein Hindernis beunruhigt sie, keine Arbeit strengt sie an; sie versucht mehr, als sie kann, weil sie keine Unmöglichkeiten kennt. Sie glaubt, daß ihr alle Wagnisse gestattet und alle Erfolge gesichert seien. Sie ist zu allem fähig. Sie unternimmt, verfolgt und vollzieht Dinge, die ein nichtliebendes Herz entmutigen und niederschlagen würden. Sie wacht immer; auch im Schlafe schläft sie nicht. Sie regt sich auf, ohne zu ermüden, sie wagt, ohne auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen, sie stürmt und drängt, ohne sich je zu enttäuschen; sie ist wie eine lebendige, helle und leichte Flamme, sie brennt, steigt und leuchtet mit Sicherheit. Nur ein liebendes Volk kann diese Sprache verstehen. Suchet diese Sprache der Liebe nicht in den Meisterwerken Griechenlands und Roms; fragt nach ihr nicht bei den Genien des heidnischen Altertums, dessen Vorbild noch jetzt die Regel eurer Lebensregeln ist; erwartet sie weder von der Wissenschaft, noch von der neuen Literatur. Sie strömt von unserer Bibel, von unsern Midraschim, von unserm Jehuda Halevi, Salomon Ibn Gabirol und Mose Ibn Esra! Die Form der Zionsliebe war nicht so unwandelbar wie ihr Prinzip. Sie folgte, ihrer Natur gemäß, den verschiedenen Wandlungen der allgemeinen Kultur, ohne aber den erhabenen Charakter, der ihren Ursprung kennzeichnete, einzubüßen. Sagt ihr, die ihr noch einen Blick und eine Sprache für die Liebe besitzt, wie viel duftende Poesie und romantischen Zauber das Ideal und die Liebe unseres Volkes in den sanften Gesängen der „Jonathi", — der Piutim, die jeden Samstag von Pessach bis zum Wochenfest rezitiert werden, — und in den wunderschönen Sagen über die Zerstörung des Tempels, die uns der Talmud erhalten hat, vereinigt haben. Und besitzet ihr nicht das Geheimnis, die Vergangenheit auferstehen zu lassen, und kennt ihr nicht das Zauberwort, das die Toten aus ihren Gräbern in der Glorie ihrer Unschuld und im Feuerglanz ihrer Begeisterung erstehen läßt, so sucht es bei Mikha Joseph Lebensohn, sucht es bei Jehuda Leib Gordon, sucht es bei Bialik, die aus ihren Harfen die ewigen Töne dieser Liebe hervorgezaubert haben. Oder leset die Episode über Palästina in „Jehuda Halevi" von Heine. Oder leset die „Hebrevv Melodies" von Byron. Oder leset „David Alroy" und „Tancred" von Benjamin Disraeli (Lord Beaconsfield). Das ist es, was die Assimilation zerstören wollte. Ein frecher Geist ging daran, das, was noch von der Zionsliebe übrig geblieben ist, zu vernichten, so wie ein unterirdisch wühlendes Insekt mit seinem unreinen Gift die Wurzel einer Rose zerfrißt. Eine eigentümliche Metaphysik stellte sich bei den Leuten ein, die das „Judentum" reformieren wollten. Die Frage lautete nur, ob das „Judentum" von einer sogenannten „Humanität" ersetzt oder überhaupt aufgegeben werden Soll. Die Liebe des Volkes für Zion kam nicht mehr in Betracht; sie existierte beinahe nicht mehr. Wohin hatte sie sich geflüchtet? Das ist kein großes Geheimnis! — Wohin sich die hohen Gedanken der Nation flüchten, wenn die Verräter fortgehen. Sie kehrte zum Volke zurück; denn nur im Volke erhalten, entwickeln und verjüngen sich die Elemente der Zivilisation, wie saftige Samenkörner, die im Erdboden gebettet werden, damit sie in blühende und fruchtbringende Pflanzen emporschießen. Dort lebte sie weltfremd, unruhig, traumverloren, tragisch; dort war sie, jung und regsam wie im Altertum und im Mittelalter. Sie war da, als das letzte Geschlecht der Assimilation erwachte, schon reif für den Tod, beim Brausen des Flügelschlags einer geistigen Revolution. Es wurde mehreremal gefragt, woher diese Revolution gekommen sei? Sie kam von dort, von wo die Agonie alles dessen, was gelebt hat, kommt, von der Notwendigkeit des Sterbens, das sämtlichen Geschöpfen eigen ist und vor der keine Weisheit und kein Mittel das Individuum oder die Gattung zu schützen je vermocht hat. Wenn ihr aufmerksam das letzte Geschlecht der Assimilation beobachtet, so werdet ihr an ihm all die Bedingungen der letzten Lebenskrise erkennen, die Qualen der Auflösung und die Notwendigkeit der Veränderung, die Zuckungen der Schmerzen und die Strahlen der bevorstehenden Verklärung und Apotheose. Da ist die Selbstverleugnung, ja die Selbstverachtung und zugleich der Traum von einer Weltmission, der Abscheu gegen das lebendige Judentum, gegen die Mosche und Abram, und wie sie alle heißen, die in der Judengasse leben, — und eine fast krankhafte Sentimentalität für das Judentum, weil es ein Abstraktum ist, — und all die Tausend Widersprüche. Ja, das sind die „Zangen des Todes". Wenn die Kraft hin ist, dann kommt das Gesetz zur Geltung: „Ki afar atha weel afar thoschuw!" (Denn ihr seid vom Staube geboren und müsset zum Staube zurückkehren!) Die Völker, die uns umgeben, kamen, — die einen früher, die andern später, — zu demselben Resultat, als sie die Liebe zu ihrem Stammlande und die Anhänglichkeit an ihren Ursprung verloren hatten. Sie begannen zu klügeln, sie fragten, wozu sie eigentlich da wären, — und sie starben mit dieser Frage auf ihren Lippen. Manche von ihnen warfen einen tiefen Blick auf den Abgrund und maßen ihn lange, lange, bevor t

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