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Die Welt · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 45 DIE^gELT 993 in der Haup'.stadt Bouwinas — Czernowitz — entstand auch der erste amtliche Streitkum die Landesüblichkeit der jüdischen Sprache. Herr Dr. Diamant, Vertreter eines jüdischen Theatervereins in Czernowitz, überreichte dem Landespräsidium die Statuten des Vereins in jüdischer Sprache. Die Behörde verweigerte die Annahme des Schriftstücks, da es in einer Sprache abgefaßt ist, die nicht landesüblich sei. Herr Dr. Diamant führte Beschwerde über diese behördliche Entscheidung, also gegen das Ministerium des -Innern, beim obersten Gerichtshof. In der Begründung verweist der Kläger auf die Tatsache, daß 900 000 Juden Galiziens und der Bukowina sich der jüdischen Sprache im Hause und gegenseitigem Verkehr bedienen, daß in dieser Sprache Zeitungen und Bücher geschrieben, Vorträge und Reden gehalten werden. Die Umgangssprache eines so bedeutenden Teiles der Bevölkerung kann unmöglich nicht „landesüblich" sein. Der oberste Gerichtshof verwarf die Beschwerde. Die Begründung der Entscheidung des Reichsgerichts ist schroff zurückweisend, nahezu gereizt. Es scheint, daß gewisse Mitglieder des obersten Gerichtshofes, die ihre Beziehungen zum Judentum am Taufbecken unterbrochen haben, den Versuch, die Anerkennung der jüdischen Sprache zu erzwingen; als eine persönliche Beleidigung empfunden haben. Das Reichsgericht bezeichnet das Jüdisch als „Jargon", ohne sich in eine wissenschaftliche Untersuchung, ob das „Jüdisch" wirklich eine Sprache ist, einzulassen. Es macht nur den Einwurf, daß nicht alle Juden jüdisch sprechen, die Sprache somit keine Volkssprache ist. Weil also 250 000 Juden Westösterreichs nicht jüdisch sprechen (sondern nur hie und da „jüdeln"), deshalb soll die Umgangs- und Muttersprache von 900 000 Juden Ostösterreichs als nichtexistierend betrachtet werden. Es hat keinen Zweck, gegen die Entschließung des obersten Gerichtshofes zu polemisieren. Denn die Begründung kommt zur Ablehnung des „Jüdisch" als Sprache, nachdem es die Vorfrage, ob die Juden in Österreich als Volksstamm zu betrachten sind, verneinend beantwortet hat. Bei der Beantwortimg der Frage, ob die Juden in Österreich als Nation zu gelten haben, beruft sich das Reichsgericht auf die Verfassung und alle gesetzlichen Verfügungen, in denen die Juden stets nur als Bekenner der mosaischen Religion, also als Religionsgemeinschaft, nie als ein Volksstamm betrachtet werden. Wir sind natürlich nicht in der Lage, die Richtigkeit dieser Behauptung zu prüfen. Es wäre keine leichte Arbeit, die Judenpatente und -Erlässe der österreichischen Regierungen eines ganzen Jahrhunderts durchzustöbern. Aber Abg. Dr. St rauch er berief sich in seiner Landtagsrede, anläßlich der Wahlreformdebatte auf Gesetze, die an der Existenz des jüdischen Volkes keine Zweifel hegen. Wäre aber die Feststellung des Reichsgerichts auch unumstößlich richtig, es wäre damit nur bewiesen, daß die osterreichischen Regierungen von israelitischen Assimilanten irregeleitet wurden, Mauscheleiriflüsterungen zugänglich waren und die „Lüge des neunzehnten Jahrhunderts", ürn mit Graf Dzieduszycki zu sprechen, die Lüge der Nationslosigkeit oder der nationalen Anpassung der Juden für bare Münze hielten. Bedenkt man noch, mit welcher Behaglichkeit die Regierungen in Österreich das Verschwinden der neunten Nation betrachten mußten, wird man begreifen, warum sie den Grundsatz der „Religionsgenossenschaft" in ihre Gesetzgebung so willig aufgenommen haben. Galizien (Von-unserm Berichterstatter) Slowaokifeier und die Juden Die polnische Nation begeht jetzt feierlich den hundertsten Geburtstag ihres großen, vor 60 Jahren in Paris verstorbenen Dichters und Denkers Julius Slowacki. Es ist dies eine National- und Kulturfeier zugleich, weil Slowacki ein großer Kulturmensch war. Aber unsere Assimilanten fanden darin wieder Anlaß, um ihre Sklavenseele hervorzukehren, ihre Sldavenseeie, von der sich ein Slowacki mit größtem Widerwillen abgewandt hätte. Und so kam es in Tarnopol während des zum Andenken des Dichters im Tempel veranstalteten Gottesdienstes,. als die Moschkos die polnische Nationalhymne „Jeszcze Polska ttie rgineta" sangen, zu einer Gegendemonstration. Die zionistische Jugend intonierte nämlich unsere Nationalhymne, die „Hatikwah". Durch diesen Schaden sind aber die Lemberger Moschkos klug geworden. Sie verstanden es, daß -die Gefühle der Zionisten nicht beleidigt und nicht provoziert werden dürfen. Und so erlebten wir che große Genugtuung, daß im Lemberger Tempel die polnische Nationalhymne nicht gesungen wurde und daß seine Ehrw. Rabbiner Dr. Samuel Guttmann eine geradezu nationale, vom jüdischen Geiste getragene Predigt anläßlich des ebenfalls zum Andenken des Dichters veranstalteten Gottesdienstes gehalten hatte. Dr. Guttmann hat gezeigt, daß man einen polnischen Dichter ehren und feiern könne, ohne seine eigenen nationalen Gefühle zu verleugnen und ohne sich dabei die Maske eines Polen anlegen zu müssen. Ungarn Kolonisierung von Juden im ottomanischen Reiche (Unterredung mit Dr. Tewfik Riza Bey) Budapest, 27. Oktober. Dieser Tage weilt in Österreich eine türkische Reisegesellschaft- Über ein Interview, das der Führer der Deputation, Dr. Riza Tewfik Bey bei der Durchreise in Budapest hatte, berichtet der „Pester Lloyd": „Dieser Tage ist.aus einem Teile der hauptstädtischen Presse die Nachricht in die Öffentlichkeit gedrungen, die neue ottomanische Regierung sähe nicht gern, widersetze sich sogar, daß die auswandernden Juden auf den entvölkerten Gebieten des heiligen Landes und in andern Teilen des ottomanischen Reiches sich niederlassen. Es hieß eine Gelegenheit ergreifen und so haben wir unser drei (Privatdozent Dr. Max Schächter, der Vertreter der Handels¬ und Gewerbekammer Michael Vadja und ich), die wir aus naheliegenden Gründen uns für diese Frage interessieren, den Führer der hier weilenden türkischen Deputation Dr. Tewfik Riza Bey, Universitätsprofessor in Konstantinopel und Abgeordneten von Adrianopel, aufgesucht, um von ihm Aufklärung über das Wesen dieser Frage zu erbitten. Es war kein eigentliches Interview, — zu dreien pflegt man kein Interview zu machen —, sondern wir holten bloß in Form einer Konversation die nötigen Informationen ein. Wir trafen mit Riza Bey, einem schönen Manne mit feurigem Blick, im Lesesaale des Schriftsteller- und Journalistenklubs „Otthon" zusammen, wo wir nach gegenseitiger herzlicher Begrüßung sofort in medias res eindrangen. Im nachstehenden reproduziere ich mit möglichster Treue unsere Unterredung: Ich: Gestatten Sie, daß wir drei, die wir ungarische Juden sind, Sie über die in den Blättern erschienene und einer politischen Korrespondenz entnommene Nachricht interpellieren, welche besagt, daß die türkische Regierung die Einwanderung der Juden in die Länder des ottomanischen Reiches ungern sieht? Dr. Riza Tewfik Bey: Ich will darauf gern antworten, und wenn Sie gestatten, will ich die aufgeworfene Frage detailliert erörtern. Ich selbst habe in den Schulen der Alliance Israelite Unterricht genossen und dort meine erste Ausbildung erhalten, bin mit jüdischen Kindern zugleich erzogen worden, kenne die jüdischen Gebräuche ganz gut und verstehe auch einen großen Teil der Gebete und Segenssprüche der Juden. Auch während meines Aufenthalts im Auslande machte ich die Bekanntschaft vieler hervorragender Juden, kenne die Leiter der Pariser Alliance, Leven und Reinach, ich kenne Zangwill, und auch sie bringen mir Sympathie entgegen; mehrfach haben sie auch Bankette zu meinen Ehren veranstaltet. Ich erkläre also zunächst, daß ich ein Zionist bin und die Einwanderung der Israeliten, der Juden . . . Ich: Mit Verlaub, weshalb unterscheiden Sie zwischen Israeliten und Juden? Dr. Riza Tewfik Bey: Ich distinguiere nicht; ich weiß, daß das egal ist, aber manche haben es so lieber. Ich halte also die Einwanderung der Juden in die türkischen Provinzen für eine Frage von höchster Wichtigkeit. Indes wissen Sie wohl auch, daß hierüber unter den Juden selbst die verschiedensten Auffassungen herrschen. Die Zionisten halten Palästina und dessen Hauptstadt Jerusalem für das Ziel der Einwanderung, und die jungen Leute möchten geraden Weges Jerusalem in Besitz nehmen. Die Territorialisten legen kein besonderes Gewicht auf das heilige Land; sie würden wo immer gern für einwanderungsbereite Juden entsprechenden Besitz ankaufen. Und es gibt Juden, die überhaupt jede Bewegung perhorreszieren, wie z. B. die Alliance selbst, die einen entschieden antizionistischen Standpunkt einnimmt. Reinach will nicht einmal davon hören. Warum? Weil Reinach zu den Juden gehört, die die westliche Zivilisation so liebgewonnen, mit den Quellen der christlichen Zivilisation, dem Lateinischen und dem Griechischen, sich bereits dermaßen befreundet haben, daß sie schon gar keinen Sinn für die Quellen des Judentums, für die hebräische Sprache und für den Orient, besitzen; anderseits ist es Tatsache, daß ein Teil des Judentums neuer Ansiedlungsorte bedarf, weil sie auf dem alten Gebiete nicht existieren können, da sie dort zu Tausenden ermordet werden. -Hier muß ich bemerken, daß die Juden im türkischen

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