Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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994 DtE% Reiche nie verfolgt wurden. Wohl kam es vor, daß der eine- oder der andere eine Unannehmlichkeit hatte, daß hie und da ein Jude oder auch mehrere von ihnen ermordet wurden, von einer Massenverfolgung war jedoch nie etwas zu hören. Eine politische Verfolgung hatten die Juden in der Türkei nie zu erdulden, und zwar schon aus dem Grunde nicht, weil auch sie sich nie in die Politik mengten. Sie rissen den Handel an sich, begnügten sich aber damit und blieben im ungestörten Besitz ihrer Religion und ihrer Sprache. Heute nehmen sie wohl an der Politik ebenfalls teil, doch befinden sie sich dabei in der Gesellschaft der türkischen Intellektuellen, was die Sympathie derselben erweckt. Doch nicht bei jedem Türken. Auch an mich stellten schon viele die Frage, warum ich ein so großer Zionist bin und die Einwanderung der Juden wünsche? Natürlich sagte man auch, ich sei deshalb ein so großer Freund der Juden, weil sie mich bestochen haben, während ich sie. wie bereits erwähnt, deshalb so sehr schätze, weil ich sie genau kenne, weil ich unter ihnen gelebt habe und einen Teil meiner Erziehung, und zwar den allerersten, ihnen und ihren ausgezeichneten Schulen verdanke. Ich muß jedoch gestehen, daß die Judenfrage auch für das türkische Reich viele Facetten hat und je nachdem, durch welche sie betrachtet wird, anders erscheint Gewiß ist, daß in Konstantinopel weder in Regierungskreisen noch bei der Bevölkerung eine Antipathie gegen die Juden besteht Der Antisemitismus ist hier unmöglich. Auf dem flachen Lande aber verhält es sich nicht mehr so. Die Masseneinwanderung der Juden kann hier leicht Schreckbilder — epouvantail — hervorrufen. Und daran sind zum großen Teil auch die Juden schuld. Sie wollen ihre Sache mit allzuviel Geräusch und Rede machen. Der Umstand, daß, wenn irgendwo zwei jüdische Familien sich niederlassen, sie solches Aufsehen erregen und solchen Lärm machen, als wären sie ihrer hundert, ist auch ein Fehler der modernen großen jüdischen Bewegung. Und doch wäre es besser, sie würden mehr tun und weniger schwätzen (moins bavarder, mais plus agir). Die großen Bewegungen können nicht mit großem Lärm gemacht werden. An dem Schaden und dem Erfolge der neuen großen türkischen Bewegungen könnten auch die Juden sich belehren. Die Poesie ist bei großen Bewegungen eine wahrhaftige Gefahr. Das sage ich, der enrangierte Revolutionär. Solange wir nur redeten, wurde der Despotismus mit uns fertig. Tausende büßten mit ihrem Leben, ihrer Freiheit für die Poesie der jungtürkischen Bewegung. Erst als wir das Geschwätz und die Poesie sein ließen und still, aber ausdauernd zu arbeiten begannen, gelangten wir ans Ziel. Auch die Juden müssen das gleiche tun: wenig reden und viel arbeiten. Nicht mit Schlagworten ein neues Vaterland erobern und dessen alte Bewohner erschrecken, sondern kommen, arbeiten und sich einsaugen, mit dem neuen Vaterlande befreunden, sich assimilieren, doch ihre alten Bräuche, ihren alten Glauben behalten, nützliche Bürger des neuen Vaterlandes werden; aber in Ruhe, ohne sonderlichen Lärm, ohne Affichierung. Es ist die große Stärke des Judentums, daß es sich überall aufs innigste den Verhältnissen anzuschmiegen versteht "und doch auch seinen eigenen vieltausendjährigen Überlieferungen anzuhängen weiß. Sehe ich doch, daß der englische Jude ganz Engländer und in seiner Tradition doch religiös, in seinem Heim ganz Jude ist; sehe ich doch, wie deutsch der deutsche Jude, wie französisch der französische ist . . . ' Ich: Wir hingegen sind Ungarn . . . Riza Tewfik: Ich weiß, vielleicht noch stärkere Ungarn als die wirklichen Ungarn. Diese große Anpassungsfähigkeit und Solidaritä ist es, was diesem über die ganze Erde zerstreuten Volke eine so große Kraft verleiht. Auch ist es unbestreitbar, daß auch seiner Religion eine große Kraft innewohnt. Nicht bloß die Propheten hat diese Religion der Welt gegeben . . . indes ist es eine so bekannte Sache, daß man darüber nicht einmal zu sprechen braucht, daß auch die Christenheit und der Mohammedanismus bloß Variationen des Judentums sind. Und aus diesen hervorragenden Eigenheiten ziehen wir im türkischen Reiche einen großen Nutzen. Wir müssen immer nur vom türkischen Reiche sprechen und nicht von der türkischen Rasse. Die Einwohnerschaft der Türkei ist das vermischteste Ding. Ich selbst bin das Kind eines albanesischen Vaters und einer Tscherkessenmutter und fühle mich als türkischen Vollblutpatrioten. Der Jude in der Türkei ist kein Fremder, und wir bedürfen seiner. Ich bekenne das nicht aus dem Gefühle eines Judenfreundes, sondern aus meiner Überzeugung als türkischer Patriot. Wir bedürfen seiner als eines mächtigen Gegengewichts gegen ein anderes fremdes Element. Das ist der Grieche, gegen den wir nur mit Hilfe der Juden aufkommen. Nicht als ob ich den Griechen gering einschätzen würde. Im Gegenteil. Der Grieche hat hervorragende Qualitäten, kann aber niemals ein Freund des türkischen Reiches werden. Die Griechen sind im ganzen türkischen Reiche verteilt. In Konstantinopel leben mehr als 200 000 Griechen, in seiner Umgebung ebenfalls sehr viele, im ganzen Küstengebiet Kleinasiens befinden sich griechische Siedlungen, die Inseln, sind zum [ELT •-= No. 45 guten Teile von Griechen bewohnt. Und überall sind sie Händler, im Besitze von Geld und Einfluß. Und den Griechen kann man nicht amalgamieren. Rom hat seinerzeit Griechenland unterjocht, und der griechische Geist hat über Rom triumphiert. Dem griechischen Händler ist nur der Jude gewachsen. Weil der Jude noch viel tüchtiger, fleißiger und verläßlicher ist. Deshalb benötigen wir insbesondere die Juden. Wo sie massiert wohnen, wie z. B. in Saigniki, wird der Grieche in den Hintergrund gedrängt. Aber ich erkläre wiederholt: Die Juden müssen ihre Taktik ändern, weniger sprechen und lärmen, sondern mehr handeln. Und ich bin überzeugt, daß sie bei einer solchen geänderten Taktik, wenn sie nicht das Gespenstersehen der Eingeborenen und die Eifersucht der Fremden erregen werden, und wenn der Araber nicht vor ihnen für Jerusalem, die Europäer aber für Kleinasien fürchten werden, überall ihr Ziel auch erreichen werden. Wie schon Jahrhunderte hindurch, so wird sich auch in Hinkunft dieses wundersame Volk, das Gemisch des radikalsten Demokratismus und der verschlossensten Aristokratie, in das jungtürkische Reich gut einfügen. Nur muß je mehr in dieser Richtung gehandelt werden, und es darf je weniger gesprochen werden. Ich sage wiederholt, sie mögen an unserm Beispiel, an dem Beispiel unseres Schadens und unserer Erfolge lernen. Der Zionismus darf kein Schlagwort, sondern eine Aktion sein. Und man darf sich gar nicht darum ümmern, was die Rothschilds über ihre Bewegung sagen und wie sich dieselben der Bewegung gegenüber benehmen. Die Rothschilds bleiben nun einmal dort, wo sie sind; ein neues Vaterland muß für die armen, arbeitenden Juden gesucht werden, und das muß klug gemacht werden, nicht, indem man untereinander streitet und die Rothschilds zu kapazitieren sucht. Und dieses arme, arbeitsame jüdische Volk wird sich auch in großen Massen leicht mit den Türken und Mohammedanern befreunden, denn, sehen Sie, ich kenne nicht nur Philo und bewundere nicht nur die großen jüdischen Männer, sondern ich spreche auch gern ihr tägliches Gebet; „Baruch ata Adanaj elohenu rnelech hoolom" gern her. Ich halte mit diesem vernünftigen Zionismus ... Riza Tewfik Bey versteht unter Zionismus nicht eine Bewegung, die mit der Gründung eines jüdischen Staates verdächtigt wird, sondern die die Ansiedlung der verfolgten Juden in einem neuen Vaterlande bezweckt. Dr. Adolf Agai" Ein ähnliches Gespräch mit Dr. Riz a-Tewfik-Bey hatte das Mitglied des A.-C, Herr Samu Bettel heim in Preßburg, der darüber ausführlich in der „Preßburger Jüdischen Zeitung" berichtet. Rußland Ein „Provokateur" des Bundes Der neueste Provokateur, den Burzew entdeckt hat, heißt Izrael Kaplinski und war unter den Mitgliedern des „Bundes" unter dem Namen „Langsam" bekannt. Im Jahre 1893 schloß er sich der Organisation an, und seine erste Tat war die Gründung einer Druckerei des „Bund" in Wilna, wo die erste illegale jüdische Zeitung „Arbeiterstirnrne" gedruckt wurde. Außer der technischen Arbeit war auch Kaplinski als ein tüchtiger Agitator bekannt. Das Gebiet seiner Tätigkeit war einige Zeit die Stadt Bobrujsk, das Zentrum des Zentralkomitees des „Bund". Im Jahre 1898 hatte die Polizei eine geheime Druckerei in Bobrujsk entdeckt, und Kaplinski wurde verhaftet. Er wurde nach Moskau an den berühmten Gendarmeriegeneral Zukatow gesandt, unterlag den Überredungen des listigen Gendarmen, verriet seine Freunde und wurde darauf befreit. Von der Zeit an war Kaplinski während zehn Jahren ein Spion, ohne daß' jemand in der Partei davon gewußt hat. Er war aktiv in der Partei, und in seiner Wohnung fanden oft Versammlungen" des Zentralkomitees statt. Die Verhaftung der berühmten Mitglieder des „Bundes", „Taras" und „Kaiman", die sich in Sibirien das Leben' genommen haben, war das Werk von Kaplinski. Es ist unmöglich, alle seine Opfer zu berechnen. Nach der Publikation Burzews ist Kaplinski spurlos verschwunden. ' Jüdische Deputationen beim Zaren Während seiner Reise durch Odessa hat der Zar eine jüdische Deputation aus drei Personen, zwei Rabbinern, Polikowski und Halpern, und eines Mitgliedes der Gemeinde, Wolf Blumberg, bestehend, empfangen, die dem Zaren die Heilige Schrift übergaben. Verschiedenes Der Deputierte Nisselowitsch hat den Minister für Volksaufklärung besucht und bat ihn, die jüdischen Schüler, die ihr Examen in Lubiner, Mirogrodner und Kremenetschuger Gymnasien geleistet haben, in die Universität aufzunehmen. Minister Schwarz erwiderte, jeder Schüler solle sich um sich selber kümmern.