Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316396--52484-3346186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 45 NEBELT 989 derart verliebt, daß sie leicht Maß und Perspektive verlieren; Kellner steht gänzlich über seinem Stoffkreise, — den er als Außenstehender beurteilt und darstellt. Sein starkes Stammesbewußtsein, diese Treue zu dem, was gewesen ist, schützt anderseits vor parteimäßigem Urteilen einzelnen Kulturströmungen gegenüber. Er versteht und würdigt alles, was auf eine natürliche Entwicklung zurückzuführen ist und organisch dem Wesen der Führer oder Geführten entstammt. Und darum auch vermag er der Oxforder Bewegung gerecht zu werden, die als Protest der Geistlichen gegen die Abhängigkeit yon politischen Führern begann und mit dem Übertritt Newmans zum Katholizismus endete. Wie wenig Kellner sich jedoch von vorgefaßten Meinungen, von Lieblingsideen beeinflussen läßt, will ich mit einem Beispiel belegen. Eines Tages teilte mir Theodor Herzl ganz begeistert mit, daß er in einem alten Roman der George Elliot ein herrliches, ganz zionistisches Buch gefunden habe: Daniel Deronda. Ich mußte es bald lesen und teilte Herzls Freude. — Kellner sagte mir ruhig: Ich halte dieses Buch für eines der schwächsten dieser großen Künstlerin, — sein Urteil konnte die uns angenehme Tendenz nicht beeinflussen. Er nennt es auch öffentlich eines ihrer schwächsten Werke. Wie Kellner in wenigen markanten Sätzen weit ausgreifende Urteilsbegründungen darzustellen weiß, sei mit seinen eigenen Worten wiedergegeben, der Schilderung des komplizierten, in allen Farben schillernden Charakters von Benjamin Disraeli, des getauften Juden, der die Idee vom britischen Weltreich geschaffen und verkörpert hat. „Drei Kräfte zerrten an ihm und zogen ihn nach drei verschiedenen Richtungen. Der Ehrgeiz drängte ihn nach einer' Machtstellung um jeden Preis, das ererbte Stammesgefühl erhob bald laut, bald leise, aber immer eindringlich seine Stimme, und das christliche Bekenntnis zog ihn mit unabweislicher Gewalt immer wieder zur Kirche zurück. Wo findet sich der Seelenkenner, der aus diesen drei Kräften das Ergebnis konstruiert? Ob man Disraelis Parteinahme für die Kirche gegen allen Unglauben als echte Empfindung und jüdisches Erbe anzusehen habe, ist eine offene Frage; aber zwei bestimmende Faktoren in seinem Leben, das Mitleid mit den Enterbten und die Wertschätzung des Bodens hat er gewiß seiner jüdischen Abstammung zu verdanken. Das Wort von den „geheiligten Rechten der Arbeit" war ihm tiefster Ernst, und „Sybil", der erste soziale Roman im modernen Sinne, ist sein bestes, sicherlich sein aufrichtigstes Buch. Der alttestamentliche Geist, der nur Söhne eines Vaters, ein Volk von Brüdern kennt und eigentlich keine ökonomische Ungleichheit gelten läßt, ist die Seele dieses Werkes, wenn auch der Untertitel „Die zwei Nationen" wohl Cicero entnommen ist. Und ein Zweites, Größeres hat Beacohsfield dem Judentum zu verdanken, jenen im Blute wurzelnden Instinkt, kraft dessen er dem höchsten Adel als Heilbringer, der großen Masse als willkommener Gegner ihrer Bedrücker erschien. Die zweitausendjährige Sehnsucht nach einem Stückchen grüner Erde, die, bewußt oder unbewußt, in jedem nach Licht und Luft ringenden Ghettobewohner schlummert, wurde in Beaconsfield zur Erkenntnis, zur Richtschnur im privaten wie im politischen Leben. Wie er als Gutsherr in Hughenden mit immer neuer Wonne den Duft der eigenen Frühlingskrume einsog und das Glück, ein eigenes Heim, ein wirkliches, im eigenen Boden wurzelndes Heim zu besitzen, allem Glanz seines Ruhmes vorzog, so strebte er danach, als verantwortlicher Politiker dem von ihm regierten Volke ein Mehrer des Reiches zu werden, den Engländern Boden, recht viel Boden als Errungenschaft seines Lebens zu hinterlassen. Heute ist die Wertschätzung des Bodens als des Bestehenden, Ewigen, Unveränderlichen mitten in dem Wandel der Werte und Güter dieser Welt beinahe zum Gemeinplatz geworden, die Rückkehr zum Boden wird von Ruskin und Tolstoi als das einzige Heilmittel gegen alle sozialen Schäden verkündet. Beaconsfield hatte im Zeitalter' der durch Industrie und Handel erworbenen Milliarden- Vermögen als Erster die Kühnheit, die Unersetzlichkeit des Bodens, die Heiligkeit des Ackerbaues zu betonen." --Nach dieser Probe aber weiß jeder Leser der Welt, warum ein Referat über Kellners Geschichte der englischen Literatur im Zeitalter der Königin Viktoria in diesem Blatt veröffentlicht werden soll, — abgesehen davon, daß sein Autor die Biographie Theodor Herzls schreibt. H. York-Steiner Asew, Harting & Co. Von Jean Longuet und Georges Silber (Vita-Verlag, Berlin) Dieses Buch braucht nicht erst ausführlich besprochen und literarisch gewertet zu werden. Schon durch die frisch pulsierende Aktualität erzielt es große Wirkung, schon durch die Fülle an inter" essanten Tatsachen und wahren Details erzwingt es sich die Beachtung weiter Massen. Ein Stück Zeitgeschichte geben uns die Autoren, indem sie den schrecklichen Kampf zwischen Regierungspolizei und Revolutionsterrorismus in Rußland anschaulich und quellengemäß schildern. Eine bemerkenswerte Stellung in diesem dantesken Vernichtungskrieg nehmen einige überspannte, entgleiste jüdische Desperados ein, die im Guten oder Bösen ins Übermenschliche emporragen. Die jüdische Rasse, die der russischen revolutionär-sozialistischen Partei ihren reinsten Helden Grigori Gerschuni schenkte, hat ihr auch den schlimmsten Genossen Ewno Mayer Fischelewitsch Asew gegeben, der zuerst sein Volk verriet, indem er sich taufen ließ, und dann die Revolutionspartei heimlich der Polizei auslieferte. Wie ist das zu erklären? Die Autoren dieses Buchs unternehmen es, zu beweisen, daß eine besondere Atmosphäre und außergewöhnliche Verhältnisse notwendig sind, um einen Asew oder Harting hervorzubringen. Ihr Buch liest sich wie eine niederschmetternde Anklage gegen das ganze russische Regime, gegen Bedrückung, Knutenherrschaft, Polizeiwillkür und Spitzelturti. Nur bleiben sie uns die Antwort auf die Frage schuldig, warum gerade die Juden sich verhältnismäßig zu stark für die Revolution exponieren. Hätten sie die Lage der Juden in Rußland geschildert, so fände auch eine solch ungeheuerliche Erscheinung wie Asew Erklärung. Die stete Verfolgung, die drückenden Beschränkungen, dei grimmige Haß zwingen dort die Juden zu List und Lüge, zu Schlichen und Kniffen. Schwache Charaktere krümmen sich und verschwistern sich der Schande. So einer war Asew. Wie man aber den edlen, aus Verzweiflung und Vaterlandsliebe geborenen, aufopfewingstiefen Heldenmut des Freiheitskämpfers Gerschuni nicht generalisiert, so soll man auch für die von der eigenartigen Siftnpfatmosphäre beeinflußte Verschlagenheit des Verräters Asew nicht das jüdische Volk verantwortlich machen. Das Judentum muß es mit Recht ablehnen, mit diesem Schandmal —- Asew — identifiziert zu werden. Wie er durch die Taufe das Judentum aufgab, so darf dieses auch ihn von sich abschütteln. Er war ein Kind der russischen Polizei, wie Harting, Gapon e tutti quanti. Paul Langenscheidt: Graf Cohn (Verlag Dr. Langenscheidt, Groß-Lichterfelde Ost) Schon der Titel des vorliegenden Romans wirkt wie eine Satire. Und je mehr man sich in diese Lektüre vertieft, desto öfter drängen sich einem Bedas Gedichte von Getauften und Baldgetauften auf. Nur daß Langenscheidt schonungsloser häßliche Narben am jüdischen Volksorganismus aufreißt und erbarmungsloser in wehen Wunden wühlt, ohne auch nur einen Moment das befreiende Lachen, und sei es gar unter Tränen, zu finden. Er geißelt eben nicht wie der Satiriker Beda, vielmehr schildert er mit epischer Ruhe eine der übelsten Krankheitserscheinungen des Judentums, die Taufe. Eigentlich doch nicht den Taufakt an und für ßich und nicht einmal die Taufseuche versucht Langenscheid zu behandeln; tiefer dringt sein Messer und legt Herz und Niere des Täuflings bloß. In Isidor Cohns degenerierte schlammige Seele läßt er uns blicken und scheint dabei sagen zu wollen: Für viele eures Volks ist hier ein Spiegel, wenn auch ein trüber, gesprungener. Ein Erbübel deckt der Autor auf. Das neue Geschlecht erbt von den Vätern Geld und Glauben wie einen Fluch. Den Glauben gibt es treulos auf, da dieser seinem kleinlich kriecherischen, nach oben schnöde schielenden, zu den christlichen Aristokraten unter Selbstverleugnung hinüberschleichenden Wesen nur ein Hindernis mehr im Wege wäre. Das Geld vergeudet es in blöder Verblendung in einem unseligen Triebe, die Fremden zu verblüffen, zu blenden, ihnen durch wahnsinnigen Aufwand gleich zu werden und ihnen durch forcierte Wohltätigkeit zu imponieren. Ein unwürdiges, verkommenes Geschlecht. Oder stehen diese Isidor Cohns vereinzelt, als Ausnahme da? In diesem Roman fehlt leider die Relation dieser Gestalt zum Judentum, es fehlt sowohl die Ergänzung als auch der Gegensatz. Durch ein Pendant und einen Gegenspieler hätte die Hauptgestalt, hätte der Roman gewonnen. So ist Graf Cohn wie eine kolossale Sumpfpflanze, die allein aus dem Sumpfe herausragt, wodurch sie ein wenig exotisch wirkt. Aber für den Verfasser sollte Graf Cohn nur die nivellierende Geldmacht repräsentieren, die im Kampfe steht gegen den exklusiven Adel! Dieser Kampf ist geradezu glänzend geschildert, mit allen Minen und Konterminen, in allen Phasen und Folgen. Gerecht ist die Verteilung von Licht und Schatten, gerecht die Gleichstellung der kämpfenden Elemente: des geldgierigen verarmten Adels und des nach Nobilitierung lechzenden emporgekommenen Geldjuden.