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Die Welt · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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988 DIEE^ELT No. 45 das nicht einmal peinlich. Das ist ja so natürlich. Die Widerwärtigkeiten der Seereise mit Frau und Kindern ertrug er ebenfalls mit der größten Ruhe. In Jaffa — dem Endziel — hatte man ihm früher gesagt, seien auch geringfügige Formalitäten, aber nicht ernst zu nehmen. Er konnte den Gedanken gar nicht aufkommen lassen, diese Formalitäten könnten ernst genommen werden. Er fand in seiner Liebe Entschuldigungen für die kleinen Schwächen. Ein Paß? Eigentlich sollte ja bei den guten Türken überhaupt kein Paß mehr existieren? Existiert er ja nicht, wie man erzählt, unter all den guten Völkern! Aber es ist am Ende nur so eine Eigenheit; ist einmal das Gesetz da, so muß es auch beobachtet werden. Es ist doch ein sehr gutes und gastfreundliches Volk — daß es Gott erhalte! Erschöpft, begeistert, von tausend Gefühlen durchzittert, ist endlich Beril, der Türke, an das Ziel seiner Sehnsucht angelangt. Alles war in ihm chaotisch verworren. Jeder Nerv war in ihm wach, er empfand die Nähe Palästinas im Blut, er fühlte sich von ihren Lüften umbraust, und das Wort Jehuda Halevis: „deine Luft ist Seelenleben", schallte in ihm volltönend wie eine Orgel. Er, Beril, der Türke, hier, in dem Lande, das zum Türkenreich gehört. Es sind ja Verwandte, die ihn aufnehmen werden. Dabei ist er aber auch so müde und aufgeregt, um die Frau und -die Kinder besorgt. Aber er hat keine Zeit, seine Gefühle zu meistern. Das Schiff hielt an und der große Tumult entstand. Das war ein Höllenlärm! Es wurde ihm ganz grausig. Her mit dem Paß! — befahl ihm ein Gendarm kurz und barsch. Er war plötzlich bleich bis in die Lippen hinan, und mußte sich an etwas stützen, um nicht zu wanken. Sein Verstand wirbelte. Der Gendarm schmunzelte ironisch und fuhr dann fort: Sie werden gleich wieder zurückgeschickt. Er verstand die Worte nicht, aber die Mimik war sehr begreiflich, fast handgreiflich. Bald kam ein anderer, der die Ankommenden mit seinem scharfen Späherauge musterte, dann folgte ein Dritter und ein Vierter. Die einen schrieen und lachten, die andern brüllten und fluchten gräßlich. Die kleinen Bote kamen heran, und die Botsleute und die Lastträger schrieen wie toll. Viele Leute sprangen schon in die Bote; er wurde hin und her gestoßen und geschleudert, alles schwankte unter seinen Füßen. Totblassen, verzerrten Gesichtes blickten ihn die Frau und die Kinder an. Da kam ein Mann heran, maß ihn mit einem forschenden Blick und zischelte ihm höhnisch ins Ohr: Onkelchen, wie kommt ihr so hineingeschneit, habt ihr keine Dokumente? Es fiel ihm schwer, die Sache kurz und bündig zu erklären. Der Mann betrachtete ihn mit einem aus Mitleid und Geringschätzung gemischten Blicke und sagte: das muß bezahlt werden. Ihr gebt dem Kerl dort soviel und dem andern soviel. . . . Kommt. Beril, der Türke, schleppte sich mit seiner Familie über das Verdeck. Sie wurden ins Bot schier hineingestürzt. Betäubt und fast bewußtlos gelangten sie an die Küste. Das Geschäft war erledigt. Vom Kapital, das Beril für seine Ernährung in der ersten Zeit mitgebracht hatte, verschwand ein ganz großer Teil. Dafür wurde Beril, dem Türken, ein roter Zettel eingehändigt. Es war das erste Türkisch, das Beril in seinem Leben gesehen hatte. Als er sich beruhigt hatte, [ragte er: — Was soll mir denn dieses rote Stück Papier? Diese Frage hatte den Leuten offenbar einen großen Spaß bereitet, denn sie lachten hell auf. Einer der Lachenden sagte: — Dem Kerl scheint das Rot nicht zu behagen. Ja, Onkelchen, wenn ihr Jude seid, müßt ihr rot sehen. — Und was steht in dem Papier geschrieben? — fragte Beril schüchtern. Der Befragte hatte wieder einen Lachanfall und konnte kaum die Worte hervorbringen: — Das ist ein Diplom, euch von den Türken überreicht, daß ihr Jude seid. Versteht ihr das nicht? Ihr könntet doch das vergessen, deshalb geben euch die Türken dieses Zeichen zur Erinnerung. Die Stimme klang so schrill wie diejenige Itzikels im Bethaus zu Ilowo, als er ihm „Türke" zurief. Aber jetzt hatte Beril keine Kraft der Empörung, um sich auf den Mann zu stürzen. Er hatte auch keine Lust zum Lachen. Es war ihm mit diesem roten Papierfetzen ganz eigentümlich zumute. Es war ihm, als ob in ihm ein Stück eigenen Lebens gestorben wäre — dort an der Schwelle des neuen Lebens! Neue Bücher Herzls Biograph Leon Kellner Wenn ich an die Spitze dieses Artikels die Worte gesetzt hätte: „Die englische Literatur im Zeitalter der Königin Viktoria" von Leon. Kellner, dann hätten wohl viele Leser das Blatt überschlagen, aber von dem Manne, der seit Jahren jede Zeile liest, die Herzl zur Veröffentlichung oder privat je geschrieben hat, das Stück um Stück den Knaben, den Jüngling, den Mann Theodor Herzl in sich neu aufleben läßt, von dem Manne, der unserer Generation das letzte Wort über die heißgeliebte, unvergessene, mir unvergeßliche Persönlichkeit Herzls zu sagen hat, von diesem Leon Kellner wird jeder Leser der „Welt" gerne hören. Und an seinem Werke sollt ihr ihn erkennen. Leon Kellner ist ordentlicher Professor an der Universität Czernowitz, seines Faches Neuphilologe, als Kenner der englischen Sprache und der englischen Literatur innerhalb seiner Fachkreise hoch angesehen, als Schilderer Englands mit den Verhältnissen des Landes weit und breit bekannt. Die schriftstellerische Tätigkeit in den Tagesblättern hat wohl seinen Blick über das Fachinteresse hinaus geweitet, aber was man in dieser bei Tauchnitz erschienenen Literaturgeschichte zu lesen bekommt, das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Kulturgeschichte Englands vom Jahre 1837—1901. Zum Linguisten und Schriftsteller fügt sich die Kraft und die Nachdrücklichkeit, des Zionisten, das heißt des Mannes, der gezwungen ist, seine Überzeugung gegen das eigene materielle Interesse und gegen die gesamte Umwelt logisch zu begründen und zu verteidigen, und der dann die Doktrinen der Weltgeschichte, der Weltweisheit, der Nationalökonomie, der Soziologie und der Kunstgeschichte fast so sicher handhabt wie seine SpezialWissenschaft. Man liest in diesem Buche über Spencer und Stuart Mill ebenso interessante Abschnitte wie über Dickens oder Wilde, und sein Verfasser sieht die kunsthistorischen, sozialen und politischen Zusammenhänge des Britenreiches ebenso klar wie' die literarische Entwicklung. Und er weiß sie auch klar zu formulieren, manchmal so sehr, daß einem die Augen übergehen. Bei seinem Urteil über Dickens vermögen wohl nur wenige mitzugehen, zu festgewurzelt ist die Meinung einer Welt über diesen Schriftsteller, und mancher Freund dieses großen Kleinmalers wird Kellner die Fähigkeit absprechen, sich in das rein Künstlerische einzufühlen. Liest man jedoch, was der Autor über das Ehepaar Browning zu sagen weiß, wie er da in die verborgensten Tiefen der Künsterseele steigt, dann ist man gezwungen, andere Gründe für sein Urteil über Dickens und auch über Wilde oder Carlyle zu suchen. Denn diese drei weit auseinander strebenden Geister faßt Kellner aus einem und demselben Grunde ab. Was Kellner befähigt, jede Disziplin, für die er Interesse hat, rasch in ihrem Kern zu erfassen, sein klarer, unbestechlicher Blick wird durch jede Übertreibung gestört, und mag sie auch mit einer an sich echten Empfindung aufgepfropft sein. Bei Dickens das Umschreiben, das Drechseln rundlicher, drollig sein sollender Sätze, anstatt klarer Benennung, die maßlose Wiederholung einer scheinbar wirksamen Charakteristik, die Übertreibung ins Zerrbild, was ihn vielleicht herbe in seinem Urteil macht. Was einen gesunden und gesund empfindenden Menschen an Wilde abstößt, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden; aber Kellner glaubt auch nicht einmal an sein tiefgreifendes De profundis, an dieses gewaltige Klage- und Anklagelied aus dem Gefängnis, das Hunderttausende erschüttert und bewältigt hat. An Carlyle stört ihn das Schwanken zwischen den Weltanschauungen, seine unsichere Stellung zu Gott und Menschen, sein zwitterhafter Stil. Wer in diesem über 700 Seiten starken Werke die originelle Gruppierung originell benützt und von Spitze zu Spitze schreitet, dem verspreche ich einen besondem Genuß, der an das Lesen von Belletristik grenzt. Kellner teilt nämlich die ganze geistige Miliz Englands in Kompagnien mit je einem Häuptling, um den sich die verwandten Waffenträger sammeln. Man lasse sich von diesem Kriegsvolk nicht verwirren, man überschlage auch in der ersten Zeit den Troß und Train der Literaturnachweise, man lasse in den 32 Hauptleuten die ganze geistige Entwicklung eines großen Volkes an sich vorüberziehen und genieße in wenigen Tagen, was Kellner in mehreren Jahrzehnten erdacht und erschaffen hat. Denn so lange hat wohl Kellner dieses Werk vorbereitet, in welchem kein Buch, keine Broschüre ungenannt oder unbenutzt ist, welche auf die literarische Entwicklung Englands , in diesen bedeutungsvollen 64 Jahren Einfluß hatte. Die meisten Autoren werden durch den Verkehr mit ihrem Stoffe, durch den Umgang mit ihren Helden in ihr Arbeitsmaterial

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