Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Es war die Zeit des russisch-türkischen Krieges. Ilowo verfolgte die Entwicklung der Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit. Die Judenschaft schwärmte für die Türken . . . Genau wußten die Leute nicht, weshalb, aber — der Volksinstinkt. Der „Onkel Ismael", — da verfolgt man die Juden nicht, und da weiter hinunter liegt Palästina und, dieser Krieg, er ist ja nicht für das Wohl IIowos, es ist ja nur die Regierung, die diese Kriege heraufbeschwört und wenn sie siegt, so wird sie "noch mehr drücken . . Das soll nicht heißen, llowo sei etwa landesverräterisch gewesen, war es ja an dem Krieg mit Blut und Gut beteiligt, wurde es ja tüchtig ausgepreßt und hatte ja mehr als eine Familie einen Sohn, einen Bruder, einen Vater, die einzige Stütze und Hoffnung, auf dem Schlachtfeld. Aber es war so, wie zur Zeit des russisch-japanischen Krieges, als es ein offenes Geheimnis war, daß alle Bürger, die für das Wohl und die Befreiung des Landes schwärmten, sich ob jeder Nachricht über eine Niederlage des eigenen Heeres kränkten und zugleich freuten. Sie kränkten sich, weil es ihnen weh tat, und freuten sich, daß die Regierung eine Lektion erhielt, die sie vielleicht zum Bessern führen wird. Solche Gefühlskonflikte kommen eben in Ländern vor, in denen zwischen Regierung und Volk ein Abgrund gähnt. Dieses Wohlgefallen, richtiger dieses gemischte Gefühl von Mißtrauen und Zufriedenheit, Ratlosigkeit, Schadenfreude gegen die böse Regierung und stiller Trauer konnte man nicht nur unter Juden, sondern auch unter Polen und selbst unter freidenkenden Russen schon während des russisch-türkischen Krieges beobachten. Im jüdischen Bethaus in Ilowo, das zugleich Klub, Kasino, Heiisarrneestation, Wärmestube für Obdachlose, Studier- und Unterhaltungslokal ist, wurde in Pievna gelagert, Schepko bestiegen und all die strategischen Bewegungen mit der größten Genauigkeit abgezirkelt. Ich weis nicht, ob Osman irgendwo solch begeisterte Verehrer hatte, wie in llowo. Aber den Gipfelpunkt der Exstase erreichte dieses Interesse bei Beril Blum. War es doch der Sentimentale, der Weltenlenker und Schlachtendenker des Ghetto. Er verfolgte den Krieg nicht — das wäre eine zu fade Bezeichnung. Für ihn war jedes Ereignis — ein Erlebnis. Er war auch derjen'ge, der alles am genauesten wußte, und kaum zeigte er sich im Bethaus, da waren die Leute um ihn her. „Was ist neues?" „Was ist mit Kars?" . „Was mit Pievna?" Und er setzte eine würdige Miene auf, seine freundlichen Augen lachten aus dem edlen Gesicht, .er schnalzte vor Wohlbefinden mit der Zunge und sagte: „Seid ruhig, Kinder, das sind tüchtige Kerls — die Türken!" Da lachte der Humorist des Bethauses, Itzikel, hell auf und sagte: „Der Beril ist ja ein leibhaftiger Türke. Wenn die Türken das wüß.en, so würden sie ihn zum Oberbefehlshaber machen!" Alle Leute lachten; das Wort blieb sitzen. Beril brach das Gespräch ab, weil ihm die Sache zu ernst war für Witze. Er hatte mit Itzikel schon lange ein Hühnchen zu pflücken wegen der Frivolität, die seiner melancholisch-schwärmerischen Natur zuwider war. Aber bald kamen große Sorgen. Auf all die Pracht der ersten Siege sank Finsternis herab. Beril verteidigte sich so.gut er konnte. Als ihm vorgehalten wurde, daß die Heere Suleinians nnd Osmans noch imrrer nicht zusammen vereinigt sind, verzog er geringschätzig die Oberlippe. Es war ihm traurig und unbehaglich zumute, aber er erwiderte finster in grimmigem Tone: „Was versieht ihr denn eigentlich von der Kriegskunst? Die wissen es besser — die Türken!" Da ließ sich noch einmal so ein Wiederhall vernehmen; „Beril, der Türke!" Das war wieder Itzikel, der Spaßvogel. Da überkam es Beril plötzlich mit einer unwiderstehlichen Kraft, es. war vielleicht der erste Wutausbruch seines Lebens. Er stürzte sich auf Itzikel, um auf ihn loszuschlagen. Man konnte ihn kaum von ihm losreißen. Er wußte selbst nicht, was er tat. Als ihm dann gute Bekannte Vorwürfe machten, schob er die Brauen zusammen, blickte unbeweglich in ihre Gesichter, dann schüttelte er den Kopf, senkte müde die Lider, biß sich auf die Lippen und fragte trocken: „Warum laßt ihr es denn zu, daß der mich immer reizt?" Dann fügte er selbstzufrieden hinzu: „Wenn ihr wollt, so bin ich wirklich ein Türke, und ich bin stolz darauf!* Er blickte ihnen unverwandt, stumm fragend in die Augen, als ob er sagen wollte: „Was soll ich denn sonst sein?" „Nicht doch", wehrten die Bekannten ab, „deswegen machen wir dir keine Vorwürfe, aber so einfach — losschlagen, wegen eines Wörtchens, das ist zu heftig!" Und so blieb er der Türke. Es herrschte gegen ihn keine feindselige Stimmung, man meinte bloß, der Mann engagiere sich zu sehr, und für einen Juden, der am Ende in Ilowo Getreide- und Wollgeschäfte zu machen hat, sei doch eine gewisse Neutralität geboten. Die Hiob?posten ließen nicht lange auf sich warten. Kraft- und gedankenlos streifte Beril, der Türke, umher. In seinem Kopfe summte es. Er stand im Bethaus wie ein durchgeprügelter Schulbube, als ihn die Leute fragten, was eigentlich nach dem Fall Plevnas werden soll. Es war ein schwerer Schicksalsschlag — so lautete sein trübseliges Geständnis, und als ihm jemand zuflüsterte: sie werden sich noch jenseits des Balkans halten, erwiderte er mit einem schweigenden Händedruck. Das war erzwungener Selbsttrost, aber im Grunde drückten ihm seine Gedanken schwer und stumm das Herz. Als dann aber nach kurzer Zeit die bösen Nachrichten von der andern Seite des Balkan zu kommen begannen, da war es mit aller Hoffnung zu Ende. Er hatte die Schlacht verloren, er war geschlagen. Lange zeigte er sich nicht im Bethause. Er sah mit Grauen und Entsetzen, daß die Sache verloren war. Er konnte keine Verteidigungspunkte mehr erspähen. Wie ausgelöscht lag alles vor ihm! Aber er ist der Türke geblieben. Alles, was türkisch war, bedeutete für Beril etwas judenfreundliches, etwas erlösendes. Das Städtchen hatte ihn zum Türken gestempelt, mit Türken in ein Fach gesteckt und in einem Atem genannt, und er fühlte sich auch mit dem Türkentum ganz und gar eins. Das Land der religiösen Duldsamkeit, das die spanischen, jüdis.chen Flüchtlinge aufgenommen hatte, das Land, zu dem „Erez Israel" gehört, das Land des Sonnenaufgangs zog ihn seltsam an. Mit feurigen Umrissen bohrte sich sein Bild in die Seele Berils. Ist es hier in Ilowo so trüb und drückend — so ist es dort ganz anders. Und die Wirklichkeit in Ilowo wurde nicht nur für die Gesamtheit, aber auch für ihn immer trauriger. Um sich mit Frau und Kind schlecht und recht durchs Leben zu helfen, spannte Beril, der Türke, all seine Kräfte an. Aber mit tiefer Sorge mußte der Arme in die Zukunft der Seinen blicken. Er hatte schon so viel wie nichts, sein Dasein zu fristen. Er war von Stufe zu Stufe immer mehr ins Elend geraten, und dach war er noch jung und strebsam, und Kinder wuchsen ihm heran, die auch arbeiten könnten. Soll das Leben in Knechtschaft vertrödelt werden? Ist nicht ein Land vorhanden, das nur der Arbeit harrt, um selbst aufzuleben und all denjenigen ein freies Leben zu gewähren, die es zu lieben vermögen. Da erwachten in dem abgestandenen, düstern Leben Ilowo's die großen Gedanken." Nach dem Osten, nach der Heimat, zu den Unsrigen! — schallte es von allen Seiten. Das stets gleich trübe Antlitz des Alltagslebens strahlte hell auf. Beril, der Türke, feierte seine innere Auferstehung, die Auferstehung seines geistigen Wesens, seiner seelischen Regungen. Es war das fleischgewordene, greifbare Ideal. Heraus aus den Krämerbuden zur Natur, heraus aus dem dunklen und kümmerlichen Dasein zu einer menschenwürdigen Existenz, hin nach dem Orient, nach der Türkei, nach Palästina. Er lebte in dieser Welt schon; vor seinen innern Augen verschwand die Entfernung. Die andern erzählten, stritten; er war -still und gedankenvoll. In ihm wuchs der Plan, er wuchs und reifte, bis er die ganze Seele ausfüllte. Die große Nostalgie eines alten Volkes kam über ihn. Die schwärmerische Verehrung und Sehnsucht wichen bald einem festen Entschluß: er hatte beschlossen, mit seiner Familie nach Palästina zu ziehen. In andächtigen Extasen malte er sich die Arbeit im Lande, wo kein Haß das Gilt ausbreitet, im Lande der Väter. Ob genügend oder karg das Stück Brod sein wird — gleichviel, aber keine Knechtschaft, keine Demütigung, ist es ja das Türkenvolk, sind es ja die stammverwandten Araber!... Aber wie ist dieser Plan auszuführen? Man muß Ersparnisse machen, man muß Geld erübrigen. Er war zu stolz, um jemand um etwas zu bitten. Er beschloß seine Arbeit zu verdoppeln, zu verdreifachen; er sparte sich den Bissen vom Munde, fieberhaft griff er nach jeder Arbeit, und nach einer Reihe von Jahren hatte er genau so viel, als es nötig war, die Reise zu machen und für die erste Zeit das Notdürftige, um sich und seine Familie befriedigen zu können. Er schüttelte den Heimatstaub von den Füßen und trat die langersehnte Reise an. Die Gedankenbilder aus seiner Jugend wurden in ihm wieder wach und standen frisch und lebhaft in seiner Seele da, wie damals, als er für die Türken schwärmte. Schüchtern und zurückhaltend beobachtete er das Gewirr der Städte, durch die er reiste. Es rumorte so toll, aber was kümmert ihn all das? Er sah froh in die Welt hinein. Er konnte keinen richtigen Paß bekommen, um Rußland zu verlassen. Da sind ja die ewigen Schwierigkeiten mit den endlosen Formalitäten und Schikanen. Er hatte von einem Kaufmann in seinem Städtchen eine Empfehlung an seinen Geschäftsfreund an der Grenze, von dem er Unterstützung für die Hinüberbeförderung erhoffte. Der gute Mann nahm ihn mit Verdrossenheit auf und verschaffte ihm vor allen Dingen einen Führer, indem er sich für diesen Agent verbürgt hatte. Die Beförderung war mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Beril, der Türke, empfand