Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316396--52481-3346183
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

986 DIE3 — Aber das ist eine ungeheure Last! Man muß eine Droschke holen. — Was? Droschke? Vierzig Groschen? — Und sie sind hungrig ... — Dann sag' ich dem Hausmeister . . . Nur von der Treppe. — Nein, nein! Ich selbst! Wozu solche Zärtlichkeiten mit mir? Ich trag' es schon selbst . . . — Aber Vater und Mutter werden sich ärgern, daß du solche Lasten schleppst! — Vater? . .. Mutter? ... Wenn mich ein schneller Tod wegraffen würde, würden die nichts sagen. — Wie? Was sagst du? So schlechte Eltern hast du? Sie verneinte lebhaft, — wehrte mit den Händen ab. — Sie sind gut! . . . Ach, wie gut sind sie! . . . Wie zärtlich! ... Sie möchten mich pflegen, wie das teuerste Vögelchen. Sie möchten mich auf den Händen herumtragen! Einzig teuer bin ich ihnen. O jej! . . . Wenn ich ein anständiges Mädchen wäre, möchten sie mich mit Honig salben! Ein Stöhnen war in diesen Worten und ein Triumphschrei zugleich. — Wie das? . .. Bist du kein anständiges Mädchen? — Nein. Ich gehöre zur Partei. Und sie sind Chassidim. Sie mußten mich verleugnen. Sie stöhnte dumpf. — Ach, wie sie weinten! Wie sie sich die Haare ausrissen! Vater und Mutter rissen sich Haare aus und jammerten . . . Wenn ich dreimal sterben, wenn man mich dreimal begraben würde, würde es kein solches Jammern geben. — Und du hast sie in diesem Jammer verlassen? — Ich mußte. Ich krankte daran, aber ich mußte. Dort ist solch ein Unglück, . . . solch Totenzittern . . . — Mehr als fünfmal bin ich zurückgekommen und an der Schwelle gelegen; und habe den Kopf an die Tür geschlagen und gehört, wie sie lamentierten, und bin mehr als fünfmal aufgestanden und weggegangen. Ich mußte . . . Dort ist solch ein . . . Solch ein . . . Aclr! . . . Sie schwieg eine Weile, indem sie schnelle, tiefe, schwere Seufzer atemlos hervorstieß. — Und Sie? . . . Was würden Sie tun? Sie versenkte ihre unruhigen, goldbrennenden Augen in mich. Dicke Tränenperlen rollten in großen, einsamen Tropfen ihr abgemagertes, geschwärztes Gesicht herunter. Ich senkte meinen Blick zur Erde. — Ich? . . . Ich weiß es nicht, mein Kind. Beril „der Türke"*) (Reminiszenz) Ich erinnere mich eines Städtchens in Polen: kleine, schmierige Kaufläden, schmutzige alte Buden, überfüllte Wohnungen, Fenster ohne Vorhänge, mit zerbrochenen Scheiben, mit Papier verklebt, ein wirres Durcheinander von Hütten, — ein weltvergessener, verlorener Winkel, eisenbahnlos, unberührt, — wie die gesegnete russische Verwaltung die meisten Städte zugerichtet hat. Inmitten dieses Städtchens stand ein Gebäude von recht vorgeschichtlicher Art mit lehmverklebten Mauern und einem fast auf die Erde reichenden Schirmdach. Es war das größte Haus in Ilowo, das Haus des „reichsten" Juden jenes Städtchens: Abraham Blum. *) Über die aktuelle Frage des roten Zettels, mit der sich das bekannte Konstantinopeler Tageblatt „Courrier d'Orient" (nunmehr ,Le Jeune Türe") in ernster und höchst sympatischer Weise beschäftigte, brachte dieses Blatt in seinem Feuilleton eine in novellistischer Form dieses Motiv behandelnde Reminiszenz aus der Feder Nah um Sokolow's, die wir hier wiedergeben. KELT - Mo. 45 Das war ein wurzelechter polnischer Jude mit langem Bart, langen Haarlocken an den Schläfen und langern Kaftan. Er führte, wie man dort zu sagen pflegte, ein großes Haus. Er war auch ganz darnach geschaffen, ein großes Haus zu führen. Er war ein großer, stämmiger Mann, verkehrte mit den polnischen Gutsbesitzern der Umgegend fast in einer intimen Kameradschaftlichkeit, und sie wagten es nicht, ihn nach ihrer Art „Abramek" (die Verkleinerungsform von Abraham) zu nennen. Er war ihnen zu groß dafür. Sie nannten ihn daher mit vollem Namen, und sie nahmen ihn auch für voll. Er soll mit ihnen Geschäfte gemacht haben: er kaufte ihnen Getreide und Wolle ab, verkaufte ihnen hingegen Ackergeräte. Ich verstehe nicht viel von diesen Geschäften und verstand damals noch viel weniger. Ich wußte nur, daß man von ihm sagte., er sei ein wohlhabender Mann und sehr wohltätig. Ich kannte hingegen sehr genau seinen einzigen Sohn Beril. Ich sehe noch jetzt den heißen Glanz seiner Augen, ich höre noch jetzt den ruhigen gemessenen Klang seiner Stimme. Seine hohe, kluge Stirn war von blaßblondem Haar umrahmt, und seine Augen hatten einen gedankenvollen, träumerisch-sehnsüchtigen Ausdruck. Wir waren noch beide Knirpse, als wir uns befreundeten. Er versenkte sich kindlichen Sinnes mit ganzer Seele in die neuhebräische Literatur. Jedes Gedicht machte ihn in Begeisterung erlodern. Er war der geborene Enthusiast. Seinem ganzen Wesen nach war er das Gegenteil von seinem Vater. Sein Vater war ein Praktiker, er — ein Theoretiker des Lebens. Sein V'ater hatte naheliegende Zwecke, er — Ideale. Sein Vater war ein Mann, der mit den Leuten im lebhaften Verkehr stand; er — ein menschenscheuer Jüngling, der im Grunde die Menschen zu sehr liebte. Warum solche Kontraste bei zwei aufeinanderfolgenden Generationen vor> kommen, — das gehört zu den Geheimnissen, die die Natur vor uns verbirgt. Aber es ist eine Tatsache, daß sie oftmals solche Sprünge macht. Beril Blum war bestimmt, der Erbe eines gutgehendnn Geschäftes zu werden. Aber es kam in seinem Leben anders, als er in seiner Jugend sich träumen ließ. Es war noch gar nicht lange her, daß Beril solchen leuchtenden Träumen nachgehangen hatte; aber dann mußte er einsehen, wie' es in seinem Leben gekommen war, ganz anders! Der Vater war gestorben. Im engen Gäßchen gab es große Trauer. Die Gemeinde hatte ihre Säule, die Armen ihren Wohltäter verloren. Es zeigte sich bald, daß das ^unterlassene Vermögen klein und die Geschäfte verwickelt waren. Nur die Gewissenhaftigkeit und der unausgesetzte Fleiß hatten dem alten Abraham ein hinlängliches Auskommen gesichert. Er hatte auch kleine Ersparnisse gemacht, aber einen großen Teil dieser Ersparnisse hatte seine langwierige Krankheit verschlungen. Die Sorge für den einzigen Sohn bestand hauptsächlich darin, daß er ihm einen tüchtigen Unterricht angedeihen ließ; sonst hatte er für die Gemeinde und ihre Armen mehr gesorgt. Als er starb, war schon Beril ein erwachsener Mann und verheiratet. Er hatte schon für seine Frau und zwei Kinder zu sorgen. In der ersten Zeit ging es noch leidlich, aber bald begann es rasch bergab zu gehen. Er war nämlich nicht zum Kaufmann geschaffen; die Bücher lockten ihn mehr als die Rechnungen, und sein Schreibpult verwahrte eine stattliche Anzahl von mannigfaltigen Manuskripten, den Erzeugnissen einer stillen Muse, die im kleinstädtischen Gäßchen für eine ganz andere Welt schwärmte. Er las sehr viel und interessierte sich für alle Ereignisse, die sich auf der großen Weltbühne abspielten. Er war der fleißigste Zeitungsleser; llowo trat durch ihn in eine geistige Verbindung mit den Residenzen, mit den Kabinetten, Parlamenten und — Schlachtfeldern der großen Welt Letztere Eigenschaft gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Juden sind ein wißbegieriges Volk, und die Juden von llowo haben politische Kombinationen ausgebrütet, die einen Bismarck in den Schatten setzen würden. Aber Beril übertraf alle seine Genossen und Bekannten, und als ich nach längerer Abwesenheit einmal nach Ilowo kam, da war ich ganz überrascht zu hören, wie alle Welt Beril als einen Türken bezeichnete. Beril, der Türke! Man höhnte und lachte nicht; waren ja sämtliche Juden gewissermassen „Türken". Aber niemand war es in § einem so hohen, überschwenglichem Grade wie Beril. Und diese Überschwenglichkeit war es, die ihm den Spitznamen verschafft hat. Ein Türke! Es klang so eigenartig, so exotisch in Ilowo. Eine fremde Welt stieg auf bei dem Klange dieses Spitznamens. Ein Türke! Wer immerfort so gerufen wird, also immerfort den Namen hören mußte in einer engen, armseligen Gasse, — einem solchen schlecht placierten Menschenkinde mochte es wohl geschehen, daß es im Laufe des Jahres, immer und immer wieder auf diesen Namen lauschend, in Träumereien verfiel, in denen ihm eine Welt erstand, die ganz anders aussieht als die Welt seiner rauhen Wirklichkeit . . . Wie kam Beril zu diesem Spitznamen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.