Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No: 45 D!E3aKELT 985 Jeder, der des Großen „Dichtung und Wahrheit" gelesen und die betreffenden Stellen, die auf die Bibel Bezug haben, kennt, wird den enormen Einfluß, den die Bibel auf ihn ausgeübt, zugeben Als kulturschöpferische Macht tritt uns dieser biblische Einfluß im Faust entgegen. Ich lasse es hier dahingestellt sein, wieviel Goethe speziell'Hiob verdankt, aber die ganze Sprachgewalt, das Wuchtige und Elementare, das Kraftstrotzende und Riesenhafte im Gedankenflug und in der Urplötzlichkeit seines Ausdrucks erinnert sofort an die Propheten. Im übrigen hat Goethe selbst an mehreren Stellen zugegeben, daß die Bibel für ihn ein Buch der Bücher und eine Lehrmeisterin war. Bei Shakespeare tritt der Einfluß der Bibel noch deutlicher zu tage. Ja, die Bibel war seine ganze Jugendkultur. Goethe wurzelt ebenso in der Antike wie in der Bibel, Shakespeare hingegen nur in der Bibel, denn seine Zeitgenossen, die ihm nahestanden, berichten über seine klassische Bildung: „He knew only a little greeks and a little latin." Also mit seiner klassischen Bildung war es nicht weit her, dagegen wissen wir, daß er in seiner Jugend die Bibel eifrig studiert hatte. Auch seine Sprache ist von biblischen Sprachelementen stark durchsetzt, und was er am meisten von der Bibel gelernt hat, ist die Präzision des Ausdrucks und der blitzartige Aphorismus. Bei Shakespeare macht die Form ein wesentliches Element seiner Größe aus. Aber was wir von diesem Bibelkind als dramatisches Genie besitzen, ist sein „Kaufmann von Venedig". Schon Heine hat darauf hingewiesen, daß Shylock die sympathischste Erscheinung im ganzen Drama ist. Aber daß Shakespeare der einzige große Christ war, dem es gelungen ist, einen typischen Juden zu zeichnen, dürfte Heine," da er das Stück nur auf seinen ästhetischen Gehalt analysiert, kaum geahnt haben. Und in der Tat, Shylock ist nicht nur ein Jude, sondern der Jude. Shakespeare selbst hat keine Juden gekannt, und der mußte, um einen Juden zu zeichnen, auf die Bibel zurückgreifen. Der biblische Jude steht auf dem Boden des absoluten Rechts, er huldigt absoluten Rechtsnormen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Shylock ist ein Jude des alten Schlages, ein echter Jude, nicht wie Nathan, liberal, angekränkelt. Auch er verlangt „Auge um Auge" .... Shylock verkauft nicht sein Rachebewußtsein und sein Rachegefühl für Geld. Man bietet ihm das Zehnfache an, er schlägt aus. Und ich weiß nicht, welche Entdeckung für die Menschheitskultur von größerer Bedeutung war: die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus oder die Wiederentdeckung der Bibel durch die Reformation und den Humanismus. Im fünfzehnten Jahrhundert setzt der Kampf zwischen zwei großen Kultursystemen ein: zwischen der gräko-römischen Kultur, die die Renaissance auf ihre Fahne schrieb, und der biblischen Kultur, die die Reformation und den Humanismus auf den Schild erhoben. Heute lassen sich die Folgen des Kampfes genau übersehen. Die Renaissance hielt kaum zwei Jahrhunderte an und erlosch später, um nicht mehr aufzuflackern. Sie glich einem Blitz. Seitdem die Renaissance aufgehört hat, fruchtbar zu sein, befinden sich die jüdisch-romanischen Völker in voller Dekadenz. Dagegen wirkt noch im germanischen Norden der biblische Kultureinfluß ohne Unterbrechung fort. Ohne Bibel kein Hamlet, kein Faust, kein Kant. Im Kampfe zwischen heidnisch-römisch-griechischer Kultur und biblisch-jüdischer Kultur blieb letztere Siegerin. §c □□□□□□ FEUILLETON ==^=32 o □□□□□ e)§ JUDIN Nach dem Polnischen der Maria Konopnicka von Wilhelm Berkelhammer Abenddämmerung brach bereits in meiner Wanderstube heran, als die Tür leise auf- und leise zuging, und auf der Schwelle eine winzige Gestalt erschien. Dies war zur Zeit, wo die* Tür beim Dämmerungsanbruch oft auf- und zuging, und auf der Schwelle irgend jemand stehen blieb. Es wurde kein Wort gewechselt, nicht erklärt, woher und wozu man herkam. Die Worte schienen unnötig, ja geradezu überflüssig. Man verstand einander ohnedies. Ohnedies fühlte man*des andern Bedürfnis und Verlangen. Zum erstenmal gesehene Leute empfing man wie nahe Bekannte, wie solche, die man eben, eben erwartet. Wer hungrig war, nahm auf eine Weile Platz und stärkte sich, wenn auch nur mit einem Brotbissen. Wer abgerissen herkam, zog in Eile an, was man ihm darbot. Der Müde, vor Kälte Zitternde, wärmte sich und ruhte ein wenig, dann glitt er hinaus mit dankbarem Blick, oft auch ohne den Blick, — die Tür ging hinter ihm eben so still zu, wie sie aufging, und das Schweigen, der große Orator unsichtbarer Tribünen, beherrschte die Stube. Die Tür ging also auf und still zu, und auf der Schwelle zeigte sich eine winzige Mädchengestalt mit einem riesigen Packen. Sie blieb stehen, ließ den Packen heruntergleiten und keuchte schwer, indem sie sich am Türpfosten anlehnte. Ich ging näher heran. Es war eine Jüdin, noch sehr jung, schwächlich und arm gekleidet. Ein stark orientalischer Typus, ein Dickicht zerrütteter Haare über der braunen, schmalen Stirn und tiefe, goldschwarze, brennende Augen. Aus diesen Augen schlug ein Schrei — ohne Worte. Ich bot ihr einen Sessel an. Sie lehnte ab. Da steht sie nun, ihre Mundwinkel zittern, die brennenden Augen heben sich und senken sich unter den schattigen Wimpern. Wäsche sammelt sie. Sie erhält sie von allen Leuten. Sie muß etwas bekommen, sei es auch wenig, denn es besteht eine große Not. Auch alt kann die Wäsche sein. Nur zum Anlegen von Bandagen. Ich werfe ihr ein paar Stücke zu. Der Packen wird noch schwerer, sie beugt sich aber sofort, um ihn aufzuheben, — als plötzlich ein trockener heftiger Husten ihre schmale Brust erschüttert und der Packen zur Erde rollt. — Hast du jemanden mit? Wartet jemand, mein Kind, der dir helfen sollte? Sie öffnet erstaunt die großen Pupillen. — Mir? — Nein! Niemand wartet. Ich versuche den Packen aufzuheben. 2*