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Die Welt · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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An den leitenden türkischen Staatsmännern wird es liegen, auf Mittel zu sinnen, die die immer noch bleibenden Härten des Zehntensystems nach Möglichkeit lindern und alle die Arbeiten mit denkbarer Energie und Eile zu fördern, die der als Ideal erkannten vollkommenen Abschaffung des Zehnten vorangehen müssen. Bibel und Kultur Von Dr. S. M. Meiamed, London Die Ideen wandern wie ihre Träger. Man kann die Spuren der Ideenwanderung eher verfolgen, den zurückgelegten Weg leichter überblicken, als den der Völker. Der Weg ist oft gewunden und gekrümmt, aber er ist trotz seiner Windungen und Kreuzungen zu übersehen, — allerdings nur von einer gewissen Höhe. Wenn aber dem Leser dieses geographische Gleichnis nicht behagt, so kann er mit einem physikalischen fürlieb nehmen. Das Reich der Ideen ist konstant und unvernichtbar wie das Reich der Materie, und demgemäß besteht die Evolution nur im Wechsel der Formen, in der Änderung der Distanz, in Substitutionen und in Lagerungen. Und das salomonische Wort „Es gibt nichts Neues unter der Sonne" hat einen tiefen philosophischen Sinn. Eine nur oberflächliche Analyse unserer gegenwärtigen gesamten Geisteskultur wird mit heller Deutlichkeit dartun, daß der Ben Akibasche Spruch eine gesetzesähnliche Wahrheit enthält: „Schon alles dagewesen!" Kant greift auf Plato, Sokrates und die Pythagoräer zurück, Hegel auf Heraklit, der Materialismus auf Demokrit, Nietzsche erneuert die Lehren von Zoroaster, und Schopenhauer erschließt die altindischen Upanischaden unserer Kultur. Alles ist schon dagewesen! . . . Aber nicht nur einzelne Ideen, Ideenatome treten wieder nach Jahrtausenden in anderer Umhüllung in die Erscheinung, sondern sie erneuern sich auch in ihrer zusammengesetzten, molekülähnlichen Art. Nicht einzelne Ideen einer Kultur, sondern ganze Kulturideen, Kulturkeime in' fester, geschlossener Lagerung kehren dem tausendsten Nachkommen ihres Schöpfers beziehungsweise Entdeckers in einer erkennbaren Gestalt wieder. Man denke z. B. an den Stoizismus und seine Geschichte. Der Weg von Zenon bis zur Herausbildung des Christentums und^von Seneca und vom gräkorömischen Historiker und ersten Geschichtsphilosophen Polybius bis auf den Erneuerer seiner Lehre, Grotius, und von Grotius bis auf die Enzyklopädisten, die in ihren sozialen Lehren nichts anderes getan, als den Stoizismus ausgebaut und entwickelt, — dieser Weg ist gewiß kein gerader; denn schon im Christentum hat er seine erste Krümmung, — und doch ist er übersehbar. Ich hätte noch zur Bekräftigung meines ersten Satzes andere große Kulturlinien ziehen können, aber ich muß auf mein Thema zurückkommen. Beim Kapitel nordische und germanische Kultur ist mir folgendes aufgefallen: Fast alle nordisch-germanischen Völker haben trotz ihrer äußerlichen Steifheit und Plumpheit eine große dramatische Kultur. Shakespeare, Goethe, Schiller, Ibsen, Björnson usw. Die südlich-romanischen Völker, insbesondere die vom Katholizismus stark durchsetzten Völker, entbehren dieser großen dramatischen Kultur. Die Calderonschen Dramen verdienen nicht einmal diesen Namen. Und daß Moliere eine Spezialerscheinung in der französischen Geschichte darstellt, hat schon Carlyle gewußt. Dann ist mir noch etwas aufgefallen. Alle germanisch-nordischen Völker sind in ihrer Mehrzahl evangelisch, die südlichromanischen katholisch. Der Kulturaufschwung der nordisch-germanischen Völker datiert seit der Reformation und dem Humanismus, d. h. seitdem die Vertreter jener zwei großen Kulturbewegungen des sechzehnten Jahrhunderts der Menschheit die Bibel wiedergegeben. — Unter der Herrschaft der Papocäsarie war die Bibel der Menschheit verloren gegangen. Es ist bekannt, daß Martin Luther, der ehemalige katholische Mönch, bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre die Bibel gar nicht kannte. Und noch heute ist die Bibel der katholischen Laienwelt ein Buch mit sieben Siegeln Der sichtbare Einfluß der Bibel auf die Kultur verliert sich mit Augustinus, dem eigentlichen Begründer des Katholizismus, und ihr Einfluß auf die Geister und die Gemüter tritt wieder deutlich zutage, als sie Männer wie Reuchlin und Erasmus der Menschheit wieder entdeckten. Mancher gute Deutsche dürfte es kaum wissen, daß es die Bibel und ihr Kultureinfluß war, die aus unzähligen Idiomen der deutschen Stämme eine geeinte neuhochdeutsche Sprache und ergo auch ein geeintes deutsches Volk geschaffen hat. Die Geschichte der neuhochdeutschen Sprache beginnt mit der Lutherschen großen Bibelübersetzung. Luther hat bei seiner Bibelübersetzung die Sprachelemente aller deutschen Idiome berücksichtigt.— Wir wollen die deutschen Mystiker, die von biblischer Kultur durchsetzt sind, hier unerwähnt lassen, — wir nennen aber nur die zwei großen Germanen Milton und Klopstock, um zu erinnern, welchen mächtigen Kultureinfluß die Bibel ausgeübt hat. Miltons „Verlorenes Paradies" und Klopstocks ,>Messias" sind mächtig von biblischem Geiste durchweht. Aber schließlich sind es lauter historische Hinweise, die für uns hier von untergeordneter Bedeutung sind. Uns drängen sich bei der Frage „Bibel und Kultur" weit bedeutendere Fragen auf, Fragen, die keines metaphysischen Hintergrundes entbehren. Warum entstehen Schöpfungen des Weltgedankens, Kopernikus, Kolumbus usw., zu einer Zeit, wo ein Teil der Menschheit der biblisch-universalistischen Gedankenwelt sich zuwendet? Warum war es der Norden, der, den Irrtum erkennend, zur Bibel griff, während der Süden durch die Renaissance seit Dante der heidnisch antiken Kultur sich erinnert? — Warum hat ungefähr zum selben Zeitpunkt der tiefromanische Süden und Südwesten das Judentum eliminiert und es in seinem Kreise bis auf den heutigen Tag nicht aufkommen lassen? Weder in Frankreich, noch in Spanien, noch in Italien, noch in Portugal hatten und haben wir, seitdem ein Halevy auf dem Boden der hispanischen Halbinsel seine tiefsinnigen, melodischen Weisen gesungen, einen Heine, Börne, Lassalle, Marx, Ricardo, Simmel, Hermann Cohen und viele andere die einen elementaren Bestandteil der gesamten deutschen Kultur bilden. Wo sind unsere Beaconsfield, Zangwill und Brandes in den romanisch-katholischen Staaten? Warum hat gerade der jüdische Genius in einer Kultur seine Macht entwickelt, die von der Bibel unmittelbar und direkt beeinflußt ist? Dürfte da nicht zwischen direktem biblischem Kultureinfluß und der Entfaltung des jüdischen Geistes im biblischen Kulturumkreis ein gewisser Zusammenhang sein? Und zuletzt die heikelste Frage: Warum ist gerade der Germane, den die Bibel großgezogen, der unter Begleitung der Bibel in den großen Tempel der Kultur seinen Einzug gehalten, warum ist gerade eben dieser Germane der größte Judentumsfeind? Denn sieht man vom Radau- und Bierwirtsantisemitismus ab, so erscheint er nur als eine Rebellion gegen den Geist des Judentums. Die typischen Vertreter dieses Kulturantisemitismus sind Kant, Schopenhauer, Fichte und Wagner, vier mächtige Geister, die wegen ihres Antisemitismus herabzusetzen kindisch und kleinlich wäre. Eine Beantwortung all dieser Fragen, sofern ich sie überhaupt zu beantworten vorläufig in der Lage bin, behalte ich mir in einem andern Aufsatz „Über den jüdischen Gedanken in der Weltgeschichte" vor. Hier will ich, um noch das Problem schärfer zu formulieren und ihm eine konkretere Fassung zu geben, auf zwei Germanen und ihr Verhältnis zur Bibel hinweisen: Shakespeare und Goethe. Ich nenne Shakespeare und Goethe, und nicht Lessing. Dies hat seinen zureichenden Grund. Nathan ist ein sehr „anständiger Mensch", liberal, tolerant usw., vom Juden aber ist an ihm wenig zu merken. Wenn Lessing biblische Kultureinflüsse in sich aufgenommen, so sind sie überall, nur nicht in Nathan zu finden.

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