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Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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972 DIEEqKE LT No. 44 Unser Gesinnungsgenosse Jacob Caleff aus Kairo hatte am Samstag den 15. Oktober in der großen Synagoge zu Balat einen Vortrag über die abnorme Lage der Juden unter den Nationen gehalten. Dem wackern Kämpen Fr esc o war dies ein Dorn im Auge. So setzte er sich hin und schrieb in seinem Blatte einen offenen Brief an den Großrabbiner, in dem er dessen Aufmerksamkeit auf das Abhalten von zionistischen Versammlungen in Synagogen richtete, in denen Reden gegen die Regierung und die Interessen des ottomanischen Reiches von bezahlten Adepten des Zionismus gehalten würden. Er greift zugleich den Synagogenvorstand zu Balat wegen der Hergäbe der Synagoge heftig an und fordert den Großrabbiner auf, künftig jede solche Konferenz in einer Synagoge zu untersagen. Dieser unverfrorene Appell an die Knute hat dem „Tiempo" eine Richtigstellung von Seiten des Redners eingetragen, die er (wohl unter dem Drucke der Furcht vor dem Preßgesetze und dem Belagerungszustand) gezwungen war, nebst einer Entschuldigung abzudrucken, und eine geharnischte Zurückweisung von Seiten des Balater Gemeindevorstandes, die er vorzog, lieber nicht in seine Spalten aufzunehmen, und die daher in einem andern Blatte erscheinen wird. Was aber von besonders delikatem Interesse ist, ist die Tatsache, daß man in der Umgebung des Chachambaschi anfangs geglaubt hat, diesem seinem Souffleur schleunigst gehorchen zu müssen, und eine neue Konferenz, die derselbe Redner auf Veranlassung des Turnvereins Hasköi in einer Synagoge dieser zweiten jüdischen Vorstadt für den folgenden Samstag angesagt hatte, dmch die Kapu-Kehaja offiziell verboten wurde. Am gleichen Tage jedoch wurde die Verordnung wieder zurückgezogen, aber diese Nachgiebigkeit ausdrücklich nur als Ausnahme bezeichnet. Sollen denn wirklich die Synagogen, die für die Wahlkämpfe des vergangenen Jahres um den Posten des Großrabbinats ausgiebigst offen gestanden und durch sie durchaus nicht als entweiht gegolten hatten, für die Besprechung der universellen Judenprobleme ein für allemal gesperrt sein? Die alte Naivität: zu glauben, daß mit solchen Mitteln der Siegeszug des zionistischen Gedankens aufgehalten werden könne. Die absolute Widerlegung des Zionismus Senor David Fresco vom „Tiempo" hat endlich die Maske fallen lassen, hat seinen Strohmann „Gad Franco" beiseite geschoben und sich selbst als den „ehrenwerten Mann" gezeigt, der die große Seele des Konstantinopeler Antizionismus in sich schließt. Seit voriger Woche hat er eine Flut von „großen" Artikeln gegen unsere Bewegung losgelassen, und noch ist das Ende nicht abzusehen. Man denke: „Der religiöse Zionismus und der moderne politische Zionismus — Der Zionismus und die Mission Israels — Der Zionismus im Lichte des menschlichen Fortschritts — Die Assimilation — Der Zionismus ist eine Utopie — Der Zionismus und das ottomanische Judentum — Sophismen über das Objekt des Zionismus —" das sind die als „Prolog" an der Spitze jeder Tiemponummer seit einiger Zeit angekündigten Themen der Artikel, in denen der edle Ritter den Zionismus niederzuwingen gedenkt. Die beiden ersten sind bereits erschienen. Sie sind ein klägliches Gemisch aus den abgelegten Kampfartikeln desselben Autors von vor zehn Jahren, als er mit dem „Haschofar" rang und tapfer unterlag, und unverdauten Brockenresten aus der Pariser Assimilationsküche. Der „Judio" hat die allzuleichte, aber Selbstüberwindung voraussetzende Aufgabe übernommen, dieser trüben Flut einen Damm zu setzen. Die letzte Nummer bringt einen^ großen, außerordentlich schönen Artikel der Redaktion unter der Uberschrift: „Die letzten Artikel des Tiempo gegen den Zionismus", der sich in erster Linie mit den Auslassungen des Gad Franco beschäftigt. Es bleibt nach dieser musterhaften, in vornehmstem Tone, unter Verschmähung alles Persönlichen, gehaltenen Darlegungen einem ehrlichen Gegner wahrhaftig kaum noch etwas zu sagen. Der „Tiempo" führt gleichwohl seinen Don Quichotte-Ritt weiter. Auf die hiesige jüdische Bevölkerung, die eines gesunden Sinnes für Recht und Unrecht, für Aufrichtigkeit und Intrigue, nicht ermangelt, haben die maßlosen Angriffe des „Tiempo" einen sehr schlechten Eindruck gemacht. Natürlich, die „Gros'bonnets" werden eine Ausnahme bilden, Fresco und Franco, wir zweifeln daran garnicht, sind ihre Männer. Aber das Volk, besonders in Balat, ist mit ganzem Herzen bei den Gedanken, die unser Genosse Caleff ihnen in ihrer Synagoge vortrug, und die sie lieben, weil sie sie als jüdisch empfinden. Die letzte Nummer des „Judio" war sofort nach ihrem Erscheinen vergriffen. Im „Tiempo" ist ein heftiger Protest Saloniker Juden gegen die antizionistischen Veröffentlichungen eingelaufen und publiziert worden. Der „Avenir" bringt eine äußerst energische Zurückweisung. Die jüdische Jugend Mit Freude und Stolz können wir darauf verweisen, daß die nationalgesinnte Jugend zuerst es ist, die sich aus der allgemeinen Stagnation losreißt. Der jüdische Turnverein „Makhabi" ist das sichtbare Zentrum aller dieser rühmenswerten Bestrebungen. Jüdische Kultur ist die Parole, die er auf seine Flagge geschrieben hat. Schon seit Wochen ist der Turnverein mit der Veranstaltung von Vorträgen und Versammlungen beschäftigt. Jetzt werden hebräische Kurse und Kurse für jüdische Geschichte organisiert, die binnen wenigen Tagen beginnen werden. Bei der gegenwärtigen für jüdische Dinge sehr sensiblen Stimmung ist mit großen Erfolgen dieser Kurse zu rechnen. Zu Chanukka wird ein großes nationaljüdisches Fest vorbereitet, an dem die ersten beiden Akte von Otto Ludwigs „Makkabä.er" zur Aufführung gelangen werden. Brief aus Saloniki (Von unserm Berichterstatter) Die Frage eines Kongresses aller ottomanischen Juden wird von den hiesigen Zeitungen andauernd erörtert, und alle kommen zum definitiven Schluß, daß ein solcher in Kürze stattfinden muß. An der Spitze dieser Bestrebungen steht das arbeitsame Organ des „Klub des Intimes", und verlangt von allen, die die Notwendigkeit eines solchen Kongresses einsehen, sofortige unverzügliche Arbeit. Wie „La Nation" in ihrer Sukkothnummer ausführt, soll der fragliche Kongreß keinen politischen Charakter haben. Die Juden der Türkei seien immer treue Untertanen, hätten keine Kirchenfrrgen, keine nationale Sprache, die sie gegen die Regierung verteidigen könnten, sie verlangten keine Privilegien, und haben in politischer Hinsicht nur Ottomanen zu sein und nicht mehr. Das letztere jedoch brauche sie nicht zu hindern, ihre Einheit und Solidarität anzustreben, sich mit der Hebung des materiellen und moralischen Zustandes ihrer Elemente zu beschäftigen, und ihre Interessen zu verteidigen, falls sie angegriffen würden. Wie „La Nation" ferner mitteilt, sind bereits Schritte für den geplanten Kongreß unternommen worden. Die hiesigen Klubs wurden zu einer Versammlung einberufen, um vor allen Dingen die verschiedenen kleinen Gemeinden von Mazedonien und Umgebung zu organisieren. Die Lokalvereinigung der hiesigen Allianceschüler hat bereits ihre Mithilfe versprochen. Die Gemeinden von Konstantinopel und Smyrna sollen auf die gleiche Weise organisiert werden. Ein Mitglied des „Klub des Intimes" ist beauftragt worden, einen Plan für den Kongreß zu entwerfen. Sofern alle Klubs den an sie ergangenen Einladungen Folge leisten, werden ihre Delegierten zusammenkommen, um einen detaillierten Plan auszuarbeiten und die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die Arbeit des Kongresses kann nicht in einem Tage erledigt werden. Der „Tiempo" betont mit Recht, daß, obwohl viele unserer Gemeinden sich in Unordnung befinden, der Mangel einer Organisation doch nicht eine Ursache des Fernbleibens vorn Kongresse sein dürfe. Der Kongreß bezwecke die Organisation, weshalb die Organisierten die Unorganisierten bereits vereinigen könnten, damit die Arbeit vorangehe. So will die „Nation" durchaus den Kongreß zustande bringen, und hofft, daß dies in ungefähr sechs Monaten der Fall sein werde. Kongreß und Organisation der türkischen Juden sind bei den jetzigen Zuständen durchaus notwendig und ausführbar, da der Enthusiasmus noch anhält. Falls dieser geeignete Moment nicht benutzt wird, kann die Begeisterung bald verschwinden, und man wird vielleicht lange warten müssen, bis ein solcher Moment sich wieder bietet. Es ist vorläufig aber noch fraglich, ob es gelingt, bei den Vorbereitungen zum Kongreß schon alle Elemente des Judentums im Osmanenreich an die Vereinigung heranzuziehen. Der „Klub des Intimes" beging nämlich jetzt schon einen Fehler, indem er zur Versammlung aller hiesigen Klubs die zionistische Vereinigung „Bnei Zion" nicht eingeladen hat. Es ist möglich, daß hier ein Irrtum obwaltet hat, und es ist zu hoffen, daß dieser recht bald verbessert werde. Die Frage: „Welche Sprache sollen die Juden der Türkei als ihre nationale annehmen?", fand ein lautes Echo in den spaniolischen Zeitungen. Die hiesige „Epoca" verteidigt das Spaniolische, und will es als jüdische Nationalsprache angesehen wissen. Dagegen tritt der „Impartial" energisch für das Türkische als Nationalsprache ein. Die hebräische Sprache wird erbarmungslos verworfen, und in einem Artikel der „Nation" wird sie nur noch in die Gebete und die Religionsstunde verwiesen. Der „Impartial" spricht von zwei Teilen der ottomanischen Juden: einem türkischen und einem

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