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Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Naftali Herz Imbers brachte viele seiner Verehrer von allen Teilen des Landes nach New York, und das Leichenbegängnis des hebräischen Poeten Imber gestaltete sich zu einem solch imposanten, daß man ähnliches seit dem Tode des großen Dichters Goldfaden in New York nicht gesehen hat. Über Irribers Lebensbiographie gehen verschiedene Gerüchte um. Die richtigste und verläßlichste scheint jedoch die zu sein, welche er selbst noch vor Jahren für eine hiesige Zeitung niederschrieb. Gemäß dieser Autobiographie wurde Naftali Herz Imber im Jahre 1856 in Zlatschub (Galizien) von sehr armen Eltern geboren. Wie Naftali Herz Imber von sich selbst erzählt, soll er bis zu seinem siebenten Lebensjahre total stumm gewesen sein. Nach dem Tode seines Vaters wanderte Naftali Herz Imber aus und kam nach Brody; hier lernte er die berühmten jüdischen Gelehrten J. Musen, H. Schorr, Verfasser des „Hecholuz" und andere hervorragende Juden kennen, die ihn in hohen Ehren hielten und seine Schriften lobten. Von da wanderte Imber nach Lemberg und gab mit Hilfe von Dr. Loewenstein und Obr. Krachmahl seine — heute leider verschollenen — Gedichte heraus. Der wanderlustige Poet bereiste sodann Ungarn, Serbien und Rumänien, schrieb in letzterm Lande, im Hause des Barons Moses Wallburg, im Jahre 1878 sein weltberühmtes jüdisch-nationales Gedicht „Hatikwah", von da zog er wandernd nach Stambul, lebte daselbst vom Stundengeben, bis ihn endlich Sir Lorence Olifante im Jahre 1882 nach Palästina als Privatsekretär mit sich nahm. Mit dieser Reise war einer der heißesten Wünsche des Dichters erfüllt worden, und dieser Aufenthalt brachte uns sein bekanntes Werk „Barkoe", welches er nach zehn Jahren fortgesetzt und in einem gemeinsamen Bande in Amerika herausgegeben hat. Sir Olifante nahm Imber mit nach Ägypten und London, wo der Poet Mitarbeiter des „Jewish Standard" wurde. Unzufriedenheit und Elend brachten Naftali Herz Imber im Jahre 1892 nach den Vereinigten Staaten Amerikas und dort beschloß er sein unglückliches Wanderleben in schrecklicher Armut und Verlassenheit. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Intrigen Die internationale Liga zur Bekämpfung des Zionismus arbeitet rührig weiter. Sie hat ihre Kommandierenden in den großen Zentren Mitteleuropas, sie verfügt über den internationalen Draht und unterhält in Konstantinopel ihre Agenten, die die besten Wege für Denunziationen ausfindig zu machen und für die Fabrikation geeigneter Lügen berichte zu sorgen haben. So ist dieser Tage der Wiener Politischen Korrespondenz wieder einmal die Nachricht zugegangen und von ihr weiter verbreitet worden, die Zionisten hätten von dem Besuche der türkischen Abgeordneten in Paris und London Nutzen zu ziehen versucht, um Verhandlungen wegen der Einwanderung jüdischer Kolonisten in Palästina und Mazedonien einzuleiten. „Die Verhandlungen," so heißt es in der Depesche weiter, „dauern fort. Trotz aller gegenteiligen Versicherungen sollen aber die Türken bei ihrer Überzeugung verharren, daß das Projekt einen politischen Hintergedanken verberge." Der hiesige „Courrier d'Orient" hat nun einen seiner Redakteure zu Talaat Bej, dem Minister des Innern, entsendet, der bekanntlich zurzeit Mitglied der Deputiertenabordnung in Paris und London gewesen war. Talaat Bej ermächtigte den „Courrier d'Orient" zu der offiziellen Erklärung, daß dieDepesche der „Politischen Korrespondenz" falsch und übelwollend sei. Es habe weder eine Abweisung noch auch Verhandlungen über diesen Gegenstand gegeben. Es ist nicht das erste Mal, daß von der gleichen Stelle die gleiche Erfindung ausging. Schon im Sommer hatte die „Korrespondenz" das gleiche Stückchen versucht. Man wird gut tun, sich zu erinnern, daß zu eben jener Zeit das Telegramm des Herausgebers des „Jewish Chronicle" von dessen hiesigem Korrespondenten gefälscht und in der gefälschten Form hier verbreitet wurde. Auch jetzt gehen von dem Hause dieses Korrespondenten die ingeniösesten Verleumdungen und Angriffe gegen den Zionismus in Konstantinopel aus. Man wird deshalb kaum fehlgehen, wenn man die hiesigen und die Wiener Machenschaften in einen ursächlichen Zusammenhang bringt. Daß die Wahrheit so schnell und so eklatant ans Licht treten würde, haben die dunklen Ehrenmänner wohl nicht bedacht, oder, wenn sie darauf gefaßt waren, nach dem Prinzip gehandelt „Semper aliquid haeret". Der rote Zettel und der „Tiempo" Dem Helden vom „Tiempo", der beschlossen zu haben scheint, aus dem zitierten Prinzip seinen Lebensgrundsatz zu machen, genügte die Scheinattacke auf den Großrabbiner wegen seines Einschreitens zur Aufhebung des roten Zettels nicht. Er fährt weiter fort, seine Leser über diesen Gegenstand zu unterhalten, indem er geschickt neue Entstellungen an seinen Informationen vornimmt und seine eigenen übelwollenden Kommentare hinzufügt. Nach der Angabe dieses Blattes sollte Talaat Bej an den Mutessarif von Jerusalem die telegraphische Weisung haben ergehen lassen, die Einschränkungsmaßregel für die einwandernden Juden aufrecht zu erhalten, und ihm gleichzeitig seine Absicht mitgeteilt haben, ein diesbezügliches Gesetzesprojekt der nächsten Kammer- . Session vorzulegen. Der „Tiempo" fügt dieser Meldung folgende Äußerung hinzu: „Da haben wir die Ergebnisse der zionistischen Bewegung in der Türkei: die konstitutionelle Regierung billigt eine Maßregel aus den Zeiten des despotischen Regimes." Sehr treffend sagt die „Aurore" über diese Bemerkung: „Das betreffende Blatt ist also der Billigung der Maßregel durch die Regierung bereits sicher! . . Wäre das aber der Fall, so wären wir berechtigt zu sagen, daß das „das Resultat der verruchten Tätigkeit derjenigen ist, die durch eine Verleumdungskampagne versuchen, das für unsere unglücklichen, vaterlandslosen Brüder unternommene Hilfswerk mit Argwohn zu bewerfen". Wie wir nun auf Grund genauester Informationen feststellen können, hat der „Tieimpo" wieder ein wenig geflunkert Der Sachverhalt ist folgender: „In Jerusalem hatte sich jüngst die Nachricht verbreitet, daß der rote Zettel bereits abgeschafft sei. Darauf hatte Ben Jehuda in einem Artikel den Gouverneur um Bestätigung dieser Nachricht angegangen. Der Mutessarif wandte sich telegraphisch an den Minister des Innern um Auskunft, worauf er die Antwort erhielt, die Angelegenheit falle unter die Befugnisse des Parlaments, und deshalb müsse die Einschränkungsmaßregel so lange aufrecht erhalten bleiben, bis die beiden gesetzgebenden Körperschaften sich darüber ausgesprochen hätten. So sehen die kleinen Manöver der Zionistengegner aus. Während dem Minister die Absicht zugeschrieben wurde, einen einwanderungsfeindlichen Gesetzesvorschlag vor dieKammer zu bringen, istdie Wahrheit die, daß er die Aufhebung der Einwanderungsbeschränkung durch die Kammer ins Auge faßt und nur nicht die Verantwortung für sie auf die eigene Kappe nehmen möchte. Die zitierte Depesche Talaat Bejs an den Gouverneur von Jerusalem hat folgenden Wortlaut: „Da nur das Parlament imstande ist, etwas über den Aufenthalt und die Ansiediung von Juden in Palästina zu beschließen, und da das Parlament sich unmöglich sofort nach einer Wiedereröffnung mit dieser Frage wird befassen können, ordnen wir an, daß alle noch bestehenden Vorschriften über die Einwanderung einstweilen aufrecht erhalten werden, bis das Parlament neue Gesetze über den Aufenthalt von Juden in Palästina schaffen wird." Welcher Art das geplante neue Gesetz sein wird, ist noch nicht abzusehen. Einiges darüber ist auf dem Großrabbinat unter Vorbehalt einem Korrespondenten zwar mitgeteilt worden, erscheint aber recht chimärisch. Diesen Eröffnungen zufolge wird der Kammer zugleich mit dem Regierungsentwurf auch das vom Chachambaschi seinerzeit dem Ministerium eingereichte Dossier über den roten Zettel als Material überwiesen werden. Der Gesetzentwurf selbst soll, so heißt es, diese erniedrigende Maßregel mitsamt der Aufenthaltsfrist abschaffen; dafür sollen aber eine ganze Reihe von Bedingungen für die Einwanderung neu ereifert werden. An erster Stelle steht da die Bescheinigung der russischen Regierung auf dem Passe des Immigranten, daß sofort mit dem Eintritte desselben auf ottomanischen Boden die russische Untertanenschaft erlösche. Zweitens soll der Nachweis der Erwerbsfähigkeit oder die Garantie von selten einer Einwanderungsgesellschaft für das Fortkommen des Einwanderers erbracht werden. Drittens soll — und hier machen wir die stärksten Reserven auf die Glaubwürdigkeit der Information — die Maximai- Ziffer der jährlichen Einwanderung festgelegt werden. Wir sind der Meinung, daß es sich bei diesen Angaben eher um Vermutungen als um Forderungen der türkischen Regierungsinstanzen handeln dürfte. Wir hoffen zuversichtlich, daß in einem Verfassungsstaat, wie es jetzt die Türkei geworden ist, die Beschränkungen unhaltbar geworden sind. Es ist nur eine Frage der Zeit. Zwischen zwei Konferenzen Der antizionistische „El Tiempo" wird fruchtbar, das muß man sagen. Der Denunziation des Zionismus bei der Regierung, die in den Artikeln des Gad Franco enthalten war, hat der Herausgeber selbst eine neue beim Großrabbinat hinzugefügt.

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