Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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970 DIE E|KE LT No. 44 des Herrn Dr. Mannorek über die in Köln gefaßten Beschlüsse, der mit großem Beifall aufgenommen wurde. Als erster Redner ergriff hierauf Herr Braunstein das Wort, um über den Indifferentismus der Zionisten in Paris Klage zu führen. Man könne nur hoffen, die Massen zu gewinnen, wenn alle Zionisten ihre Pflicht erfüllen. Fräulein Schach sprach im selben Sinne. Der Frauenverein, dem die Rednerin präsidiert, steht, wie sie sich ausdrückt, nur auf dem Papier. In Wirklichkeit gibt es nur eine Person, die arbeitet. Herr Bühler, dem der Misrachiverein seine Existenz verdankt, spricht über die Methoden der Propaganda und bedauert den Mangel eines zionistisch-französischen Organs. Dr. Ginsburg berührt einen wunden Punkt unserer hiesigen Freunde: die Philanthropie. Die Wohltätigkeit absorbiert die Kräfte vieler Zionisten. Diese haben die Pflicht, zuerst an unsere nationale Sache zu denken, an unser ideales Streben, das die Lösung der ganzen Judenfrage in sich birgt, während die Wohltätigkeit nur eine partielle und momentane Linderung bringt. Es sprachen ferner die Herren Dr. Leibowitz, cand. phil. 'Kimmelmann aus Czernowitz, der den Kampf gegen die assimilatorischen Kultusvorsteher anempfiehlt, Dr. Reich, der mit zündenden Worten für unser Ideal eintrat, und Herr Aronstam. Letzterer teilte einige interessante Details über die Pariser jüdische Gemeinde mit. Danach sind von den 100000 jüdischen Familien nur 3600 Mitglieder der Gemeinde. Die Kosten der Verwaltung bringt nicht die Gemeinde auf, sondern sie werden von einigen jüdischen Multimillionärs getragen. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß die Hoffnung vorhanden ist, eine rührige zionistische Propaganda, besonders unter der studierenden Jugend, die hier nach Tausenden zählt, ins Werk zu setzen. Ferner beginnen die verschiedenen zionistischen Vereine musikalisch-literarische Abende zu veranstalten. Der erste Unterhaltungsabend fand im Verein „Assidas Zion" statt und hatte einen recht guten Erfolg. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Der neue jüdische Deputierte von Odessa Man meldet telegraphisch, daß in Odessa an Stelle des verstorbenen Pergament der Jude Brodski, ein Kandidat der Kadettenpartei, gewählt wurde. Die russischen Zeitungen nennen die gegenwärtigen Wahlen in Odessa „stumme Wahlen", da Tolihatschow nicht erlaubt hat, den Namen des jüdischen Kandidaten zu erwähnen. Die Odessaer Zeitungen haben „stumme Artikel" geschrieben und ebenfalls den Namen des Kandidaten verschwiegen; es wurde jede Wahlversammlung verboten, und der Vorsitzende einer Wahlversammlung, die man auflöste, wurde auf der Straße überfallen und geschlagen. Gleichzeitig hatte das „Schwarze Hundert" eine starke Agitation für die Wahl seines Kandidaten, Baron Reno, geführt. Zwei Tage vor den Wahlen hatte Pelikan, ein Freund von Purischkewitsch, der Gehilfe des Odessaer Stadtkommandanten, Proklamationen publiziert, in welchen er darauf aufmerksam machte, daß es besser für die Juden wäre, sich an den Wahlen nicht zu beteiligen, da sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Doch hat das alles nicht gewirkt, und ein Jude wurde zum Deputierten gewählt. Der neue jüdische Deputierte aus Odessa, A. Brodski, ist 47 Jahre alt und gehört zu den bekanntesten Rechtsanwälten in Südrußland. Brodski besitzt den Ruf eines tüchtigen Menschen, eines talentvollen Redners und ist in jüdischen wie auch in nichtjüdischen Kreisen bekannt und beliebt. In einer Unterredung mit dem Korrespondenten einer jüdischen Zeitung hat Brodski über seine Aufgabe als Jude in der Duma folgendes gesagt: „Ich weiß, daß sich alle Juden für das Ergebnis der Odessaer Wahlen interessieren, da es eine Sache von großer Bedeutung ist, einen dritten jüdischen Deputierten in der Duma zu haben. Ich bin der schweren Verantwortlichkeit, die ich übernehme, bewußt, und ich will meinem Volke meine Energie, Fähigkeiten und mein Wissen opfern. Ein jüdischer Deputierter muß am energischsten gegen das unmenschliche Verhältnis der Regierung zu den Juden protestieren. Meiner Meinung nach besteht die Aufgabe eines jüdischen Deputierten in der Hervorrufung einer für die Juden günstigen Stimmung." Als zweite Aufgabe setzt sich Brodski die Selbstverteidigung und einen steten Protest gegen die häufigen Anfälle auf die Juden. Von einer selbständigen Aktion seitens der jüdischen Deputierten kann vorläufig keine Rede sein. Wir müssen uns vorläufig damit begnügen, die Judenfrage bei der Behandlung anderer Fragen zu verteidigen. „Ich sage Ihnen ganz offen, daß jetzt, da man den jüdischen Deputierten aus Odessa als einen Vertreter aller russischen Juden betrachtet, ich kein passender Kandidat bin. Doch fühle ich mich stets als Jude, und meinen Kräften gemäß verteidige ich die jüdischen Interessen/' Sein Gespräch schloß er mit folgenden Worten: „In meiner langen Praxis ist mir oft vorgekommen, schwere und komplizierte Prozesse zu gewinnen, doch habe ich niemals im voraus den Sieg versprochen. Auch jetzt gebe ich keine Versprechungen, ich versichere nur: darnach zu streben, die Hoffnungen, die auf mir ruhen, zu erfüllen." - Außerdem telegraphiert man aus Odessa, daß dort viele Juden aus Furcht vor Pogrom während der Wahlen gegen den jüdischen Kandidaten gestimmt haben, der mit Stimmenmehrheit von Christen gewählt wurde. Das „Schwarze Hundert" ergreift verschiedene Mittel, um die Wahlen für ungültig zu erklären. Man erzählt, daß bei Tolmatschow eine Beratung stattgefunden habe, wo beschlossen wurde, die Wahlen als ungültig zu erklären, da Brodskis Namen „Aron" sei, während er in den Wahlzetteln „Arkadij" heißt. Brodski hat alle seine offiziellen Dokumente vorgelegt und es erwies sich, daß er den Namen „Arkadij" führt. Der Emigrationskongreß Auf einer Versammlung der Vorsteher einer territorialistischen Organisation in Warschau, die in den letzten Tagen stattgefunden hat, wurde die Frage des bevorstehenden allgemein-jüdischen Emigrationskongresses betrachtet. Es wurden folgende Resolutionen angenommen: 1. Um die jüdische Emigration ,zu regulieren, muß unbedingt eine allgemein-jüdische Ernigrationsorganisation geschaffen werden; 2. die territorialistische Organisation soll einen aktiven Anteil an der Kongreßarbeit und an der Schaffung einer Organisation nehmen; 3. die territorialistische Organisation in Warschau hat beschlossen, einige Delegierte zum Kongreß zu senden. Purischkewitsch über die Juden Purischkewitsch, der jetzt nach Petersburg gekommen ist, hat im Gespräch mit einem Korrespondenten versichert, daß angesichts dessen, daß die Juden die Oppositionskandidaten unterstützen, die Rechten in der Duma fordern werden, daß man den Juden, die außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen, das Wahlrecht abnimmt. Purischkewitsch ist sicher, daß die Oktobristen diese Forderung unterstützen werden. Amerika (Von unsertn Berichterstatter.) Naftali Herz Imber — tot! New York, 10. Oktober. Gestern abend ist der Verfasser des „Hatikwah" im hiesigen „Har Hamorijoh"-Spital sanft entschlafen. Naftali Herz Imber hat seit Wochen an Lähmung gelitten; seine Schmerzen linderten sich jedoch in den letzten Tagen so, daß man dem großen Poeten noch bei zionistischen Versammlungen zu begegnen hoffte. Imber selbst erwartete stündlich den Tod und hinterließ ein Testament, das selbst die Trauernden zum Lachen reizte. In diesem Testament macht sich der große hebräische Sänger über sein Betteltuin lustig: er hinterläßt seine „zerbrochene Feder" den armen Poeten, seine „Krankheit" den lieben Antisemiten und Gegnern der jüdisch-nationalen Idee, und sein „Vermögen'4 (er hinterläßt absolut nichts) denjenigen, die darauf „Anspruch" erheben werden. Lustig also ging der Sänger des „Hatikwah" zu seiner ewigen Ruhe. Das New Yorker Judentum ist in tiefer Trauer. Die Nachricht des Todes wurde gestern trotz des Simchath-Thorah-Feiertages in allen Synagogen verkündet, und von den Rabbinern wurden Nachrufe gewidmet. Die Bestattung des Toten unternahm der Galizianer- Verband, dem der verstorbene Dichter seit Jahren angehörte. Die Leichenfeier fing heute morgen an und dauerte bis spät am Nachmittag. Der Leichensarg wurde zuerst in die People's Synagogue (Educational alliance) gebracht, wo von bekannten Persönlichkeiten New Yorks Trauerreden gehalten wurden. Es sprachen: Dr. Samuel Büchler, Rabbiner der People's Synagogue, Dr. J. L. Magnes, Rabbi des Emanuel-Tempels, ferner Rabbi Dr. Neuman, Dr. Tarlow, Rabbi Estersohn u. a. m. Nach Absingung des „Jossheb Basesser" seitens des Kantors der People's Synagogue wurde der Sarg Naftali Herz Imbers in den Friedhof des „Mount Zion" übergeführt, wo der Hatikwah-Sänger in Anwesenheit von ungefähr 10 000 Juden, die seinem Sarge folgten, dem Grabe anvertraut wurde. Der Tod