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Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 44 DIEl^ELT 969 warten, ausstreuen sollen. Nachdem Mr. Magnus seine Rede beendet hatte, beantragte der Rabbiner der Birminghamer Gemeinde ein Dankesvotum für den Redner, indem er seiner großen Freude darüber Ausdruck gab, daß er in dem Gehörten seine eigenen antizionistischen Ansichten in so überzeugender Weise dargelegt gefunden habe. Nach ihm sprach Mr. Israel Cohen, der die Rede einer scharfen Kritik unterzog. Er wies die Verworrenheit der von Mr. Magnus ausgesprochenen Ansichten sowie seine Vermengung von Messianismus und Zionismus nach. Er zeigte, daß unser nationales Ideal nicht ausschließlich auf die ökonomische Not der Judenheit, sondern mehr auf sein intellektuelles Elend zurückzuführen sei. Er widerlegte die Ansichten des Referenten, daß der Mesopotamienplan Zangwills der wichtigste Faktor in der gegenwärtigen zionistischen Situation sei, da Mr. Magnus doch sicherlich weiß, daß Zangwill schon vor vier Jahren aus der zionistischen Organisation ausgetreten sei. Er wies ferner auf den Widerspruch hin, der sich in den Ansichten Mr. Magnus über den Zionismus ergäbe. Wenn der verwirklichte Zionismus Mr. Magnus seiner Gebete für Zion berauben sollte, so meint er sicherlich damit das Zion, für das er bete. Nun behauptet aber der Referent, daß dieses Zion verschieden sei von dem Zion der politischen Zionisten. Warum sei Mr. Magnus so schmerzlich berührt von den Aussichten, daß das zionistische Ideal verwirklicht werden könnte? Er sollte sich vielmehr darüber freuen! Klagt er nur darum, weil er durch diese Aussichten seiner Gebete beraubt würde? Redner könne ihm versichern, daß noch genug Gebete im Gebetbuch da wären, um seine Seele zu befriedigen. Die Reformer in Deutschland und Amerika haben schon vor langem alles, was sich auf die Wiederaufrichtung Zions bezieht, aus ihrem Gebetbuch gestrichen, und doch unterhalten sie viele kostbare Tempel. Mr. Cohen wurde fortwährend vom Auditorium unterbrochen, dem seine Bemerkungen nicht angenehm waren. Rev. Emanuel schlug vor, einen besondern Abend zu veranstalten, an welchem Mr. Cohen über den Zionismus referieren soll. Es bleibt abzuwarten, ob man diesen frommen Wunsch erfüllen wird. Ein neues Reformjudentum Die Jewish Religious Union, die vor sieben Jahren von Mr. Claude Montefiore gegründet wurde, um für den Gottesdienst der sogenannten liberalen Juden vorzusorgen, hat jetzt beschlossen, eine eigene Synagoge zu bauen. Bis jetzt wurde ihr Gottesdienst in einem Hotel, und zwar am Samstag nachmittag für eine Stunde abgehalten. Sie denkt, daß nunmehr die Zeit gekommen wäre, um ein eigenes Heim zu erwerben. Die Folge dieses Beschlusses war, daß mehrere bedeutende Mitglieder einschließlich des Vizepräsidenten Mr. Albert Jessel und Kassierers Sir Isidor Spielmann zurückgetreten sind. Es geht das Gerücht, daß die Union beabsichtigt, in der geplanten Synagoge Sonntagsgottesdienst einzuführen, was zu einem scharfen Angriff des Chief-Rabbi Dr. Adler gegen die Vereinigung geführt hat. Obgleich eine Minorität des Komitees sich dafür ausgesprochen hat, ist es noch nicht bestimmt, daß der Sonntagsgottesdienst Platz greifen wird. * Die „Jewish Religious Union" hat nunmehr eine Broschüre herausgegeben, in der sie ihre Ziele näher erläutert, und es kann danach keinem Zweifel unterliegen, daß die Gründung der Union ein neues Kapitel in der Geschichte der Reformbewegung bedeutet Die Reformer des vorigen Jahrhunderts wollten die Autorität des Talmuds brechen und den Gottesdienst im Sinne ihrer sogenannten modernästhetischen Prinzipien reformieren. Aber die Leiter der neuen Union, oder besser der Leiter, Mr. Claude Montefiore, gehen viel weiter. Sie leugnen auch die Autorität der Bibel. DievonderUnion herausgegebene und von Claude Montefiore verfaßte Schrift setzt irn einzelnen die Punkte auseinander, in denen sich ihre religiöse Überzeugung von denen der andern Religion unterscheidet. In gewisser Hinsicht besteht eine Ähnlichkeit mit dem von Dr. Seligmann in Frankfurt a. M. verfochtenen liberalen Judentum. Nur daß die Londoner Herren in manchem weiter, in manchem weniger weit gehen. Sie erkennen keinerlei Autorität für ihr religiöses Gewissen an, als Gott, keine Menschen und kein Buch. Daher existiert für sie weder der Pentateuch, noch der Schulchan Aruch. „Wir erkennen nichts an, was uns nicht gut dünkt. Die Autorität des Buches (der Bibel) besteht in seinem Wert und geht so weit, als der Wert reicht. Das Buch ist nicht deshalb gut, weil es von Gott ist, es ist von Gott, soweit es gut ist. Das Buch ist nicht wahr, weil es von Gott ist, es ist von Gott, insoweit es wahr ist." Nichtsdestoweniger behält die neue Religionsgemeinschaft die biblischen Feste bei. Ebenso beharrt sie auf dem Sabbat, wenn sie auch die Schwierigkeiten betont, die seiner Beobachtung in Europa entgegenstehen. Man kann sich vorstellen, daß die Broschüre eine überaus lebhafte Diskussion hervorgerufen hat, die noch nicht beendet ist. Bis jetzt beträgt die Mitgliederzahl der Union ganze 400, von denen natürlich die meisten dem regelmäßigen Gottesdienst, der am Samstagnachmittag stattfindet, nicht beiwohnen. Die neue Synagoge hält den sonst Freitagabend üblichen Gottesdienst am Sabbat vormittag, und den Sabbatmorgengottesdienst am Nachmittag. Beim letztern singt ein Chor und wird auch eine Predigt gehalten. Das Komitee versucht, eine bereits bestehende Synagoge zu mieten; sollte das nicht gelingen, werden sie eine neue bauen. Sie hoffen auch, die wegen der Trauungen in der neuen Synagoge erforderlichen gesetzlichen Rechte bald erlangen zu können. Vorläufig besitzt die Union keinen Geistlichen. Das Komitee erläßt einen Aufruf um finanzielle Unterstützung, indessen wird es der Union an materiellen Mitteln wohl nicht fehlen, da Mr. Montefiore, der Präsident, ein sehr wohlhabender Mann, sie zweifellos vor Geldnöten bewahren wird. Frankreich (Von unserm Berichterstatter) Die französische Metropole wurde in den letzten Tagen vom Revolutionsfieber geschüttelt, das in blutigen Kämpfen und grandiosen Manifestationen seine Stärke und Explosionskraft zum Ausdruck brachte. Es schien, als würde die Epoche der geschwundenen Größe wiederkehren, die Zeit, wo in der „Hauptstadt der Welt" die ewigen Wahrheiten der Menschheit, die Freiheit und Gerechtigkeit, in die weite Welt hinausposaunt wurden. Tua res agitur, erscholl es allenthalben, als in einem Nachbarstaat das Haupt eines Revolutionärs fiel, „Tod den Tyrannen und Pfaffen, hoch die Freiheit und Gerechtigkeit," klang es wie bezaubernde Musik aus der Kehle einer nach Tausenden zählenden Volksmenge. Wie ein Sturmwind verbreitete sich dieser Entrüstungsruf von Stadt zu Stadt, von Land zu Land: ganz Europa erhob seine Stimme, um gegen das geschehene Unrecht Protest einzulegen. Ein unbeteiligter Zuschauer fühlt sich leicht versucht, anzunehmen, daß die Tage, wo in irgendeinem Winkel Europas im Stillen gemordet wurde, unwiederbringlich dahin sind. In diesem leicht lu entrüstenden Europa, in der Epoche der internationalen Solidarität der Arbeiterschaft und der Intelligenz, der Freidenker und Gläubigen dürfte das Handwerk der Hooligans, das Schlachten der Kinder, das Bauchaufschlitzen, das Martern der Greise, ziemlich unpopulär sein! 0, bei weitem nicht. Versetzen wir uns nur in die Pogromzeit. Das ist für jeden osteuropäischen Juden eine Leichtigkeit. Es ist ja nicht so lange her. Da hat das europäische Gewissen, das unser Nordau vergebens anrief, keine Regunger. gezeigt. Es wurde weder protestiert, noch manifestiert. Vor den Gesandschaften des Herrschers aller Reußen standen keine Doppelwachen. Die Internationalen versammelten sich in der Arbeiterbörse und verhandelten über lokale Interessen. Auf den Boulevards drängte sich eine vergnügte Menge, — und im Theater wurde „Iwan der Schreckliche" gespielt. Wie könnte es auch anders sein? Sind doch die Judenmorde eine interne Angelegenheit des Alliierten, von dem man übrigens nur das eine begehrt, daß er im Kriegsfalle seine Kosaken zu Hilfe schickt. Und doch erfrecht sich ein jemand zu fragen, ob das Blut der Juden, das in Strömen floß, minder dick, minder rot sei als das eines spanischen Revolutionärs, ob die Revolutionsprinzipien, die doch von der französischen Nation stets hochgehalten werden, nicht in Widerspruch geraten, wenn immer wieder dem wackligen Despotismus mit neuen Millionen unter die Arme gegriffen wird, ob der politische Mord, begangen an dem über allen Verdacht stehenden, ehrenhaften jüdischen Abgeordneten Herzenstein und der Vertuschungsprozeß der zarischen Regierung nicht der Gerechtigkeit und der Zivilisation Hohn spreche, ob . . . draußen tönt es wieder: ä bas le despotime, vive laliberte! Vielleicht ziehen unsere sozialistischen Brüder einige Lehren aus dem Ferrerenthusiasmus. Wir wollen bei ihm nicht länger verweilen, sondern ziehen es vor, mit einigen Worten der jüngsten zionistischen Veranstaltungen zu gedenken. Samstag den 16. Oktober fand eine Versammlung aller zionistischen Vereine von Paris statt, in der über den bevorstehenden Kongreß und seine Aufgaben referiert werden sollte. Die Tagesordnung wurde nicht eingehalten. Die anwesenden Vertreter aller Vereine sprachen sehr wenig vom Kongreß, sondern benutzten die Gelegenheit, über den Zionismus in Paris zu verhandeln, ein Thema, das in Anbetracht der großen Anzahl der hiesigen Juden und der stetig zunehmenden Einwanderung für unsere Bewegung von großer Wichtigkeit ist. Herr Dr. Jakobsohn eröffnete die Sitzung und bedauerte, daß der Präsident der Föderation, Dr. Marmorek, der am selben Tag von der Sitzung des Großen Aktionskomitees zurückgekehrt, eines Unwohlseins halber an den Verhandlungen nicht teilnehmen könne. Er verlas darauf einen Bericht

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