Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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968 DIEJ^ELT No. 44 kommenden Kongresses debattiert wird. Vorwiegend streiten miteinander die Anhänger des Revisionismus und die sog. Konservativen, die am Baseler Programm nicht rütteln wollen. Als besondere Verfechter des Revisionismus treten die Poale-Zionisten auf, die ebenfalls regen Anteil an den Debatten nehmen. Insbesondere werden seitens der galizischen Distriktskomitees umfangreiche Vorbereitungen zu den Delegiertenwahlen getroffen. Es besteht nämlich die Absicht, mit den früheren Gepflogenheiten von Gelegenheits¬ und Zufallsdelegierten ein für. allemal zu brechen, und nur solche Männer als Delegierte zum IX. Kongreß zu entsenden, die eine gewisse Richtung vertreten und gewillt sind, als eifrige willige Arbeiter mitzutun, und nicht bloß als Touristen passiv den Kongreßsitzungen beizuwohnen. So erließ beispielsweise das Stanislauer D. K. an die Gesinnungsgenossen, die die Absicht hätten, im Stanislauer Distrikt ihre Kandidatur aufzustellen, einen Aufruf, in welchem mitgeteilt wird, daß vom D. K. nur diejenigen unterstützt werden, welche im Stanislauer Distrikt ständigen Sitz haben, sich verpflichten, in ihrem Wahlkreise eine Kandidatenrede betreffend ihrer Stellung zum IX. Kongreß zu halten, und das Versprechen und die Versicherung abgeben, daß sie nach dem Kongreß vor ihren Wählern Bericht erstatten werden. — Und von den Versammlungen überträgt sich selbstverständlicher Weise ein reger Meinungsaustausch, auch auf die Spalten, sowohl unserer zionistischen wie auch antizionistischen Presse. Im „Jüdischen Arbeiter" spricht sich einer für die Änderung des § 1 aus, und schlägt folgenden Wortlaut für denselben vor: „Der Zionismus erstrebt die teritoriale Lösung der Judenfrage in Palästina". Sonst wäre noch das Assimilantenorgan „Jednosc" zu nennen, wrelches im Hinblick auf den IX. Kongreß ein Pamphlet über den Zionismus herausgibt, und bei dieser Gelegenheit die österreichischen Zionisten mit einer größern Dosis von Beschimpfungen traktiert. Mit diesem Blatt ist aber überhaupt nicht zu diskutieren. Vertrauensmännerkonferenz des Lemberger D. K. Am 17. d.M. versammelten sich auf Einladung des Distriktskomitees in Lemberg 32 Vertrauensmänner, um — wie das vom D. K. verschickte Zirkular lautete — über die Entfaltung einer breitern Aktion im Lande zu beraten. Das D. K. gelangte nämlich zur Einsicht, daß der jetzige Moment der geeignetste sei, um der armen jüdischen Bevölkerung in Galizien auch auf dem ökonomischen Gebiete irgendwie unter die Arme zu greifen. Und als zweckmäßigstes Mittel erachtet es die Gründung von Volksvorschußkassen und Erwerbsgenossenschaften. Die Vertrauensmänner-Konferenz, welche unter dem Vorsitz des Herrn Dr. David Schreiber tagte, befaßte sich eingehend mit dieser Frage, welche vom Referenten Herrn Dr. Josef Löwen herz behandelt wurde. Sodann wurden nach einer sehr lebhaften Diskussion, an welcher sich die Mehrheit der Vertrauensmänner beteiligte, einige Resolutionen und Beschlüsse gefaßt, dai unter ein vom D. K. vorgelegter Antrag, betreffend die Schaffung von neuen Kreiskomitees in den Städten Brody, Jaroslau, Przemysl, Sambor, Lanok, Zloczöv, Gliniany und Rohatyn. Zum Schluß wurde noch dem Abgeordneten Dr. Straucher in Czernowitz Dank und vollste Anerkennung für seine unermüdliche Arbeit zwecks Anerkennung der jüdischen Nation in Österreich ausgesprochen. Palästinaarbeit Der Palästinaausschuß des galizischen Zentralkomitees, an dessen Spitze Gg. Dr. Hausmann steht, hat sich für den kommenden Winter die Aufgabe gestellt, insbesondere informative und aufklärende Arbeit in bezug auf verschiedene Palästinaangelegenheiten zu leisten. Dieses Hauptgebiet der zionistischen Tätigkeit, welches in Galizien bis vor kurzem ziemlich verwahrlost gewesen ist, soll nunmehr auch in diesem Jahre einen erheblichen Vorstoß erfahren. Dr. Hausmann hat nämlich beschlossen, eine Vortragstournee über ganz Galizien zu veranstalten, und in der Vertrauensmännerkonferenz des Lemberger D.-K. erklärte er, daß er bereit sei, in einer jeden, sogar der kleinsten, galizischen Stadt einen Vortrag über Palästina zu halten. In mehreren Städten ist es bereits geschehen und seine Vorträge waren von gutem Erfolg begleitet. Zionistische Kulturarbeit In der Generalversammlung der jüdischen Toynbeehalle in Lemberg, die vorigen Donnerstag stattgefunden hat, konstatierte der Bericht, daß im verflossenen Jahre 47 Vorträge veranstaltet wurden, die von insgesamt 10 730 Hörern aus allen Kreisen besucht waren. Eine unentgeltliche Bibliothek stand den zahlreichen Lesern irn Winter zur Verfügung, außerdem wurde ein Analphabetenkursus geführt, und ein Damenkomitee war mit Veranstaltungen für jüdische Kinder beschäftigt. In die neue Leitung wurde Herr Dr. Josef Löwenherz als Obmann gewählt. Das Lokalkomitee der jüdisch-sozialen Arbeiterpartei „Poale Zion" plant, eine größere Aktion zu unternehmen, zur Verbreitung der Kultur unter den breitesten Schichten des jüdischen Volks in Lemberg. Herr Serubabel, der neue Redakteur des „Jüdischen Arbeiters", leitet die Arbeit und wird in einer großen Eröffnungsfeier den ersten Vortrag halten. — Auch in der Provinz macht sich dasselbe Streben geltend. Es hat sich gezeigt, daß das jüdische Proletariat, das auf dem Wege der ökonomischen und politischen Arbeit nicht so leicht zu gewinnen war, jetzt in Massen zuströmt. Das jüdische Proletariat verlangt einfach etwas Kultur. In vielen Städten wurden Kurse eingerichtet und. systematische Vorträge gehalten. Polizeiliche Ausschreitungen in Galizien Aus Przemysl wird uns geschrieben: Die hiesige Stadtverwaltung ließ gerade am jüdischen Versöhnungstage in der Nähe der Synagoge störende Pflasterüngsarbeiten vornehmen. Als mehrere Bethausbesucher ihren Unwillen über diese Mißachtung des höchsten jüdischen Feiertags kundgaben, wurden sie von den Arbeitern und der polizeilichen Wache blutig geschlagen. Die Arbeiter, unterstützt von Polizisten, drangen in die Synagogenvorhalle ein, wo sie mehrere ältere Juden überfielen und nicht unerheblich verletzten. Reichsratsabgeordneter Dr. Liebermann hat über diese empörenden Ausschreitungen der Polizei einen ausführlichen Bericht an das Ministerium nach Wien gesandt und die exemplarische Bestrafung der Schuldigen gefordert. England (Von unserm Berichterstatter) Ein jüdischer Angriff auf den Zionismus Die stärkste Festung des Antizionismus in diesem Lande ist die jüdische Gemeinde von Birmingham, deren führender Rabbi Rev. George Emanuel von Zeit zu Zeit Predigten gegen unser nationales Ideal abhält. Diese Äußerungen haben die dortigen Zionisten auf die Dauer als so anstößig empfunden, daß sie gezwungen waren, vor einiger Zeit an die Leitung der Synagoge einen warnenden Brief zu richten, in welchem sie ersuchten, daß die antizionistischen Predigten aufhören mögen, da sie sonst bei dem nächsten derartigen Versuch gezwungen wären, sich aus dem Gottesdienste zu entfernen. Dieser Protest hatte den Erfolg, daß der Rabbi nunmehr andere Texte für seine Kathedervorträge gefunden hat. Aus dieser antizionistischen Atmosphäre erfolgte kürzlich ein weiterer Angriff gegen uns. Auf dem ersten Vortragsabend des Jugend- Literaturvereins wurde er von dem neuen Vorsitzenden dieser Vereinigung, Mr. Laurence Magnus, der sich schon vorher durch seina Angriffe im „Quarterly Review" auf den Zionismus allgemein bekannt gemacht hatte, geführt. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Birmingham er Vereins griff er in seiner einleitenden Ansprache unsere nationale Idee an. Seine Rede war in vieler Hinsicht bemerkenswert, da dieser Publizist eine höchst konfuse Auffassung vom Zionismus hat und ihm die einfachsten Begriffe einer logischen Beweisführung abgehen. Er vermengte Messianismus, an den er fest glaubt, mit Zionismus und gab sich selbst als solchen Zionisten aus. Er erzählte, daß der von Dr. Herzl geschaffene Zionismus lediglich auf der ökonomischen Not des verfolgten Judentums basiere. Und ganz ernstlich versuchte er seine Zuhörer glauben zu machen, daß der dominierende Faktor in der gegenwärtigen zionistischen Situation der Mesopotamienplan Zangwills sei. Er war also nicht nur ungenau in seinen Angaben, sondern auch unkonsequent. Er forderte seine Zuhörer auf, erhabener über jüdische Fragen zu denken, und verteidigte die Ansprüche des „Jewish Board of Guardian of London", der höher stehe, als der Zionismus mit seiner weltumspannenden Organisation. Er drückte den Wunsch aus, daß der politische Zionismus nicht verwirklicht werden möchte und bemerkte noch,. daß einige wohlbekannte zionistische Führer gesagt hätten, es sei kaum zu erwarten, daß alle Juden sich in Palästina ansiedeln können. In den komischsten Widerspruch geriet aber Mr. Magnus, als er seine verschiedenartige Auffassung des Zionismus darlegte. Er sagte, daß das Zion, nach dem er sich sehne und für das er bete, das Zion der messianischen Ära sei, ohne ein bestimmtes geographisches Zentrum, und dessen Erfüllung sei nicht in unsern Tagen zu erwarten. Dann äußerte er sich in einer langen Wehklage über die Aussichten einer eventuellen Erfüllung des politischen Zionismus, die ihn seiner Gebete und Ideale berauben würden» Denn, wenn Zion erreicht sei, dann würde es für ihn nicht mehr nötig sein, dafür zu beten, und er wäre einer Hoffnung beraubt. Der einzige Rat, den er seinen Zuhörern zu geben hatte, war, daß sie in der ganzen Walt nach der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden streben und die Mission Israels, auf den Messias zu