Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316395--52455-3346156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

N<x 44 DIEIaIELT 961 seines Weibes, zur Erde zurückgerufen. Und auch er ist noch dem Gesetze der Sündenvergeltung unterworfen, wie die Geschichte vom zerstörten Sabbat beweist. Noch sind ihm auch Täuschungen in höherem Sinne, Abirrungen im Sinne der reinen, innern Notwendigkeit möglich, wie seine Wanderung nach Jerusalem. Das aber ist kein Kampf in niedrigen Regionen, sondern ein solcher, wo er im Dienste seiner Bestimmung dem Gefühlsdrange der Liebe und dem Flehen aller erlösungsbedürftigen Seelen Einhalt gebieten muß. Und ein bitteres Ereignis treibt ihn noch zum Wunsche unheimlicher Rache an allen Verfolgern der Märtyrer auf, bis die Geister der Märtyrer seinen Wunsch in ihm zur Umkehr bringen. Aber wenn andere an der Unheitnlichkeit dunkler Gewalten neben ihm zu Boden sinken, so steigt sein Wirken im zweiten und dritten Kreise der Weihung bis zum reinen erlösenden Schaffen auf. Dieses rst Macht und Dienst zugleich, das Böse durch Liebeskraft besiegend und das Ringen der Kreaturen in Mithilfe erlösend. Seine Wirkung ist nicht durch Ort und Zeitpunkt beschränkt. Und seinem Auge tut sich die Verkettung der Erdgeburten auf, als lösende Antwort auf die wunderlichen Fragen der Lebenswirren. Aus diesem Wissen her kann er in das Schicksal der Hilfsbedürftigen eingreifen. Eigenartig ist auch der Spiegel seines Einflusses auf die Menschen. Der Baalschem hat Gegner, nicht nur unter den Bösen, sondern auch unter manchen Frommen, die seine Freiheit fürchten. Da ist zum Beispiel der Rabbi von Szarygrod, den der Baalschem mit dem Mysterium der Freude erlöst, wie andere nach seinen Geheimnissen Lüsterne durch Schauer der Ehrfurcht. Oder seine Macht tut sich in wundervollen Visionen kund, wenn zum Beispiel zu einer Zeit, da er noch das äußerliche Gewerbe eines Schankwirts betreibt, der bei ihm eingekehrte Rabbi Naftali auf seinen Wegen plötzlich den Mann mit dem Schafspelz und den Bauernstiefeln an der Himmelswölbung wandeln sieht. Auch Rabbi Arje, der nach der Vogelsprache Lüsterne, sieht ihn des Nachts, sein Haupt wie bleichglühende Materie. So werden oft in den Kämpfen und Siegen seiner Einsamkeit Flammen und Licht um ihn sichtbar. Am gewaltigsten erscheint aber seine Macht, wenn sie fernwirkend in das Gewebe der Gedanken eingreift, wenn zum Beispiel, lange nach seinem Tode, sein Jünger, dessen Lebensaufgabe es ist, die Geschichten des Heiligen zu erzählen, um eines erlösenden Zweckes willen plötzlich alle Geschichten vergessen hat, bis gerade die Erinnerung jener blitzgleich ihn durchleuchtet, deren Erzählung dem reichen Manne als Zeichen der letzten Lösung seiner Schuld verheißen war. Heimlich und eigen ist auch das äußere Leben des Heiligen. Eine stille Heiterkeit wohnt in ihm und ein fortwährendes Wirken, „er ist mitten im Leben", die Rettung des Sabbats eines alten frommen Ehepaares vermag ihn in der Ferne zum heiligsten Mitlachen zu bringen. Überhaupt hat bei ihm der Sabbat eine besondere Weihe und die Predigt nach der dritten Sabbatmahlzeit ist es insbesondere, wo er das Tiefste und Heiligste kundtut. Ja, diese Worte sind würdig, als Zeichen eines höhern Daseins von einem verstorbenen Jüngling seinem Freunde gegeben zu werden. Und wie lebendige Taten sind wieder die Geschichten, die oft gleichsam ineinander verwoben sind, indem das innerste Mark des Gesagten wieder in eine Geschichte gehüllt wird, und die so wunderbar wirken, daß die Menschen daraus „die Botschaft ihres verlorenen, vergessenen Lebens empfangen". Den Geschichten des Buches ist eine „Nachricht", „das Leben der Chassidim" vorangesetzt. Sie spricht über die vier gelöstesten „Ideen" der chassidischen Leberislehre. Hitlahabut, das ist die am All entzündete selige Esktase, Aboda „das Gottdienen in Zeit und Raum", die jede Faser im Leben des Heiligen beherrscht, Kawwana, die mystische Spannung der Seele auf ihr ewiges Ziel und Schiflut, jene reine Demut des Einzelwesens, „die nichts ist als innerliches Sein, Fühlen und Aussagen". Sie ist das Wesen der Liebe, welche zwei Stufen hat: die Hilfe der Kreaturen und eine, die ganz erhaben ist: das Mitleben mit der ringenden Ewigkeit. Und vielleicht läßt sich dies als innere Tendenz des Buches demselben entnehmen. „Eines der chassidischen Grundworte ist dieses: Mehr lieben. Seine Wurzeln graben sich tief ein und strecken sich weithin. Der mag die Kategorie Judentum neu verstehen lernen, der sie verstanden hat." Ernst Müller §c □□□□□□ o - -O FEUILLETON □ □□□□□"]) 6 SAMUEL HIRSZENBERG Zur ersten Wiederkehr seines Todestages Ein Gedenkblatt von Wilhelm Berkelhammer Er war einer von denen, die die Tragödie des Golus in ihrer großen verzweifelten Furchtbarkeit,' in ihrem ganzen unergründlichen Grauen erfaßt haben, am tiefsten und am stärksten.; Die sie bis zum innersten Mark und Blut verspürten, die durchs Leben gingen mit ihrem traurigen Stigma auf der reinen Stirn. Die ihre erdrückende Last in ihres Herzens Tiefe erkannten, und sich der Last nicht zu entledigen vermochten. Die ringsum keine hellen Sonnenstrahlen bemerkten, keine blühenden Blumen, auch nicht das Lachen der Freude. Nur den traurigen, trüben Schatten, der leere, weite Flächen urnnachtet, und enge Gassen und einsame Seelen. Die Menschen nicht sahen, vom Glück umstrahlt und tapfer ihr Lebensschiff steuernd. Nur das große beflügelte Fatum, stumm und machtvoll. — Da saß er in seiner Arbeitsstube, in Gedanken versunken, den Blick in der Weite, Weite umherstreifen lassend. Und von draußen kam ein Schatten, schlich sich leise herein, der finstere Schatten, der in sich jahrtausendlanges Stöhnen birgt und blutige Tränenmeere. Und füllte mit düsterer Dämmerung des Träumers Stube. Bis er selbst in Dämmernissen versank, Dämmernis in seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.