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Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE^ELT No. 44 einzuholen, so verfällt sein ganzes Besitztum bei seinen Lebzeiten dem Staate und geht bei seinem Tode nicht an seine Erben über. Nach der zweiten Bestimmung erben weder Mohammedaner von Nichtinohammedanern noch umgekehrt; dagegen können Nichtmuselrnanen verschiedener Religionen wohl voneinander erben. — Alle diese Gesetze über die Immobilien schreiben sich aus den alten Zeiten des türkischen Feudalstaates her. Mit dem Eintritt der Türkei in die Reihen der zivilisierten Mächte und ihrem Anschluß an das allgemeine Völkerrecht haben sie weder Vernunft noch Berechtigung mehr. Das Reich leidet unsagbar unter ihnen. Ja, man kann ruhig sagen, daß sein Glück oder sein Ruin von ihrer schleunigen Abänderung abhängt. Die erste Session des türkischen Parlaments hat noch nicht die Muße gehabt, die grundstürzenden Agrarreformen durchzuführen. Und wenn man auch noch nicht alles von der zweiten erwarten darf, so ist doch als sicher anzunehmen, daß sie begonnen und zu einem Teile wenigstens werden beschlossen werden. Die öffentliche Diskussion darüber ist im Gange, und die türkische Presse ist mächtig. Bei der politischen Einsicht der gegenwärtigen Minister der Finanzen und des Innern ist nicht anzunehmen, daß beschränkter Eigensinn und Zaghaftigkeit das Werk der Erlösung des Landes von seinen schlimmsten Plagen noch lange werden aufhalten können. (Schluß folgt.) „Die Legende des Baalschemu Es ist immer schwer, über Dinge der Mystik anders zu sprechen als in deren eignen Sprache. Denn diese quillt aus jenem eigensten, welches zugleich das allgemeinste ist, und es liegt keine Nachahmung zugrunde, wenn sich in gewissem Sinne die Stile aller Mystik in merkwürdiger Weise gleichen. In solchem Sinne will Martin Buber, der die Volkslegenden vom Baalschem, dem ersten und größten der chassidischen Heiligen, in einem wundervollen Bande gesammelt hat, nicht als Bearbeiter, nicht als Beschreiber gelten, sondern als ein Nachgeborener. „Ich trage in mir das Blut und den Geist derer, die sie schufen, und aus Blut und Qeist ist sie in mir neu geworden." Denn es ist unmöglich, auch nur getreu zu berichten, ohne den Inhalt des Berichteten in irgendeinem Sinne zu leben, und ebenso unmöglich vielleicht, den Inhalt sich wesenseigen zu machen, ohne ihn irgendwo im eignen Wesen schon zu tragen. Das Wort „Legende" mutet uns eigen an, so sehr sind wir gewöhnt, diese in der üblichen Weise zu kennen: als fromme Kindergeschichte, von Heiligenschein und Weihrauch umdämmert, in dogmatische Traditionen gehüllt. Und doch ist nicht dies ihr Grundwesen. Denn wenn die positive Religion zumeist die kristallisierte Norm ist, so liegt die Quelle der Religiosität gerade im Reiche der Freiheit. Nicht blinde Demut allein gehört ihr zu eigen, sondern zugleich deren Gegenspiel: tiefste Menschenmacht. Nicht will sie den gewaltigen Strom des Lebens verengen, sondern im Gegenteil dessen enge Wände sprengen, damit das große, stille Licht der Unendlichkeit hereinbreche... Solche Revolutionen aber kann nicht ein Volk als Produkt sozialer Faktoren schaffen, sie sind nicht aus dem Milieuhaften zu erklären, sondern wie die Bewegung eines Weltsystems gehen sie von einer Sonne aus. Daruni ist jede religiöse Bewegung wie eine Neuschöpfung durch gleichsam übermenschliche und überzeitliche Persönlichkeiten entstanden. Aber man stelle eine solche Persönlichkeit für sich allein vor, sie wird unverständlich, ungeheuer, fast transzendent. Ihre Erscheinung, die so sehr den Menschen zu überragen scheint und doch zugleich im Innersten einschließt, ist nur verstanden als ihr Werk. Darum gilt es für. die nahen Mitlebenden nicht eine neue Lehre, sondern ein neues Leben, das im Leben des „Heiligen" gleichsam sein Sonnenzentrum hat. Noch mehr aber werden die etwas Entferntem sein Leben wie ein kosmisches, wie ein göttliches Ereignis sehen. Und wie sein Werk an seinen Kreis gebunden ist, so ist der Geist des Volkes träumend und wachend von ihm erfüllt. Was sie so von ihm erzählen, das ist die Legende. Es ist . also eine einfältige Frage, was daran wahr ist, denn die Legende ist das Erzeugnis des Volkes in seiner tiefsten Erregung und zugleich unmittelbares Spiegelbild eines mitgelebten Wunders. Ihre Gestalt aber ist in der Art der Zeit und des Volkes begründet. Sie muß auch nicht zur Weltreligion werden, die mit Feuer und Schwert verbreitet wird. Ihr Eroberungszug kann vielleicht ganz im Unsichtbaren verlaufen oder überhaupt nur in stillem Fernwirken sich äußern. Und vielleicht sind ihr auch nur enge Grenzen in Raum und Zeit gesteckt. Nur, daß die Macht ihrer Idee lebendig sei, ein Glied in den innern Verkettungen des Menschheitsgeistes. Auch im Untergrunde des Judentums ist die mystische Flamme nie erloschen. Sie hat verschiedene Formen angenommen, von der visionären Symbolik des „Thronwagens" bis zu den Zahlenspekulationen der ältern Kabbalisten, von der lurianischen Kabbalah des Werkes bis zur messianistischen Volksekstase, von düsterer Selbstpeinigung bis zum daseinsbejahenden Tanze der Chassidim. Der Chassidismus ist das letzte Glied der Kette, als Sekte entartet, seine Geschichte in alten Volksbüchlein begraben. Erst die neuhebräische Literatur, vor allem Perez und Berditschewski, haben wieder aus diesem Quell geschöpft und die leuchtende Seele zu zeigen versucht, — und dies bewirkte zuerst eine mehr literarische, dann wohl auch eine wesentlichere Annäherung an die Geisteswelt des Chassidismus. Insofern die chassidische Lehre der einsamen Gottesflamme gleichsam eine helle, freudige Stätte im Leben bereiten will, ihre Verlebendigung im Liebeswerke verkündet, kann Buber sagen, daß sie die Verkündigung der Wiedergeburt ist. Und er glaubt, daß eine geistige Renaissance des Judentums nur aus der Berührung mit dieser letzten mystischen Bewegung hervorgehen könne. „Die chassidische Legende ist der Körper der Lehre, ihr Bote, ihr Zeichen auf dem Wege der Welt." > Aber wiederum ist die Legende nur ein Werk der Verehrung für die Persönlichkeit des Heiligen, ein Dankesstammeln für sein Werk. Ein gewaltiges Leben liegt hinter den Geschichten, diese sind Einzelstücke davon, Spiegel von Einzelwerken wie das Gesamtwerk ein Spiegel der großen, schöpferischen Seele. Sie sind solcherart, daß manche davon nur Kinder und wieder nur Gereifte verstehen werden, denn sie wollen zu jenem Reinen der Seele sprechen, das im Kinde unmittelbar, im Gereiften aus eigener Kraft lebt. Aber doch herrscht wieder in den Geschichten eine ehrfürchtige Grundfarbe, die es fast unmöglich macht, sie blos naiv aufzunehmen. Raum- und Zeitlosigkeit des letzten Seins ringen da oft mit der räumlichen und zeitlichen Gebundenheit der Berufung. Wie von Izchok Luria erzählten sie auch vom Baalschem, daß er im himmlischen Lehrhause die Weihung seines Wortes empfing, ja, daß er frei und ein Gebieter in den Himmeln einherwandelte. Nur jene Wand, die allen Irdischen errichtet ist, kann er nicht durchdringen, von einer gleich reinen Macht, der Liebe ,

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